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Südamerika:Mehr als nur der DJ

"Das ist der beste Moment meiner Karriere", sagt Rafinha über die aktuelle Saison.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

Seine sieben Meistertitel beim FC Bayern gewann Rafinha als Back-up, nun steht er mit Flamengo Rio de Janeiro im Endspiel der Copa Libertadores - als Stammspieler.

Der Rechtsverteidiger Rafinha war dabei, als der FC Bayern 2013 die Champions League gewann, irgendwie aber auch nicht. Wer sich noch einmal die Bilder anschaut, wie die Münchner Spieler im Wembley-Stadion den Pokal in die Höhe recken, der sucht den Brasilianer vergebens. Er muss irgendwo am Rand gestanden sein. Auch die Zusammenschnitte des Spiels zeigen keinen Ballkontakt. Rafinha saß 90 Minuten lang auf der Ersatzbank, wie so oft in seinen acht Jahren in München. Nun hat dieser Rafinha erneut ein großes Finale erreicht - und dieses Mal wird er zu sehen sein.

Mit Flamengo Rio de Janeiro tritt Rafinha an diesem Samstag (21 Uhr, MEZ) im Endspiel der Copa Libertadores an, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League. Der 34-Jährige wird von Beginn an spielen. Denn Rafinha ist seit fünf Monaten nicht mehr nur ein Gelegenheitsspieler, sondern wieder einer der wichtigsten Fußballer in seinem Team.

Als im Sommer der Vertrag des Brasilianers in München nicht verlängert wurde, verabschiedete er sich unter Tränen. Sieben Meistertitel hatte er mit den Bayern geholt, er hatte enge Freundschaften geschlossen, nur auf dem Platz stand er selten. Erst spielte jahrelang Philipp Lahm auf seiner Position, danach zumeist Joshua Kimmich. Über die Rolle des treuen Back-ups kam Rafinha nie so richtig heraus. Nach seiner FC-Bayern-Zeit heuerte er in der Heimat bei Flamengo an.

"Ich möchte Titel gewinnen und spielen", sagte Rafinha bei seiner Vorstellung in Rio im Juni. Das mit dem Spielen klappt bereits, das mit den Titeln ist auch ziemlich wahrscheinlich. In der Liga liegt Flamengo fünf Spieltage vor Schluss nahezu uneinholbar vorne, Verfolger Palmeiras São Paulo hat schon 13 Punkte Rückstand. Und im Finale der Copa Libertadores gilt Flamengo gegen den Titelverteidiger River Plate zumindest als Favorit. Seit 25 Partien ist der Klub aus Rio ungeschlagen - das liegt auch am 1,72 Meter großen Abwehrspieler, der mit bürgerlichem Namen Marcio Rafael Ferreira de Souza heißt.

Bei Flamengo schwärmen sie von Rafinhas Technik und seinem taktischen Verständnis. Die Gegner bewacht er beharrlich, er ist aber auch an fast jedem Angriff beteiligt. "Er ist ein großer Champion", urteilte Vize-Präsident Marcos Braz einmal bei einer Pressekonferenz. Rafinha ist bei Trainer Jorge Jesús in jeder Partie gesetzt, wenn er nicht verletzt ist, mal wieder gelbgesperrt ist oder geschont wird. "Das ist der beste Moment meiner Karriere, ich laufe jedes Spiel elf Kilometer", schwärmte Rafinha vor ein paar Tagen in der brasilianischen Zeitung O Globo.

Der Verteidiger rannte selbst dann noch weiter, als er vor einem Monat in einem Ligaspiel mit einem Gegner zusammenprallte und sich das Jochbein brach. Erst in der Halbzeit ließ er sich auswechseln. Zehn Tage und eine Operation später trat er mit einem Kopfschutz bereits wieder zum Rückspiel im Copa-Libertadores-Halbfinale gegen Gremio Porto Alegre an und sorgte dafür, dass Flamengo im Maracanã-Stadion 5:0 gewann und ins Endspiel einzog. Dem aufstrebenden brasilianischen Nationalstürmer Everton ging er in der Partie gehörig auf die Nerven.

Nur ein einziges Mal hat Flamengo die Copa Libertadores gewonnen - vor 38 Jahren. Die Sehnsucht nach dem Triumph ist bei den Anhängern gewaltig, der Klub hat viel Geld investiert. Im Sommer kam nicht nur Rafinha, der einen Vertrag bis 2021 besitzt, es kamen auch andere bekannte Spieler: Filipe Luis von Atlético Madrid und Gerson von der AS Rom. Diego, früher bei Werder und Wolfsburg, ist nach einem Knöchelbruch zurück im Team. Der von Inter Mailand ausgeliehene Gabriel Barbosa hat bereits 29 Treffer in dieser Saison erzielt, der ehemalige Wolfsburger Bruno Henrique auch schon 23.

Die Erwartungen an die Partie am Samstag, die wegen der Unruhen in Chile von Santiago nach Lima in Peru verlegt wurde, sind riesig. Bleibt Flamengo im 26. Spiel in Serie ungeschlagen, im vielleicht wichtigsten Spiel der Vereinsgeschichte?

Auch beim FC Bayern haben sie in diesen Tagen über ihren ehemaligen Rechtsverteidiger gesprochen. Auf der Jahreshauptversammlung am vergangenen Freitag erinnerte sich Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge in einer Rede an den Brasilianer: "Er war mit Abstand der beste Kabinen-DJ, den wir je hatten." Rafinhas Qualitäten als Fußballer erwähnte er mit keinem Wort.