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Sportpolitik:Das war's noch nicht mit Hamburg

Nach dem finanziellen Aus ihrer Handballer, Bundesliga-Volleyballerinnen und Eishockey-Erstligisten drohte der "Sportstadt" die Bedeutungslosigkeit. Nun gibt es Anzeichen einer Wiederbelebung.

Von Jörg Marwedel, Hamburg

Die Frage, ob der Hamburger Senat nur einen billigen PR-Gag gelandet hat, als er seine Metropole als "Sportstadt" pries, ist nicht erst aktuell, seit die Bewohner Ende 2015 die Bewerbung um die Olympischen Spiele ablehnten. Kurz darauf meldete erst der ehemalige Handball-Champions-League-Sieger HSV Hamburg Insolvenz an, weil der einstige Präsident und Hauptgeldgeber Michael Rudolph nicht mehr zahlte. Dann zog sich das Frauen-Team des VT Aurubis aus der Volleyball-Bundesliga zurück, weil der Namensgeber, Europas größter Kupferproduzent, seinen Sponsoring-Vertrag kündigte. Und im Mai jährte sich das Aus des Eishockey-Bundesligisten Hamburg Freezers. Der Eigentümer, die amerikanische Anschutz Entertainment Group (AEG), hatte den Geldhahn kurzerhand zugedreht.

Die in die dritte Liga geschrumpften Handballer profitieren von der Gunst der Fans

Dass die Fußballer des HSV nur noch in der Bundesliga mitspielen dürfen, weil der HSV-Investor Klaus-Michael Kühne dem ums Überleben kämpfenden hanseatischen Aushängeschild immer wieder Millionen zusteckt, überdeckt, dass im professionellen Sport nur noch wenig geht in Deutschlands zweitgrößter Stadt. War's das also mit der Sportstadt Hamburg, von ein paar gut besuchten Einzelevents wie Tennis und Beachvolleyball am Rothenbaum, Triathlon-Weltcup, den Cyclassics, den Derbys im Springreiten und Galopp sowie fünf Hockey-Bundesligaklubs abgesehen? "Stagnationserscheinungen", hatte vor einem Jahr der frühere Sportamtsleiter Hans-Jürgen Schulke diagnostiziert.

Doch inzwischen gibt es im Eishockey, Handball, Basketball und Volleyball kleine Pflanzen des Aufschwungs. Sie wachsen auf ziemlich geerdetem Boden. Einem Boden, dessen Dünger mehr das große Interesse der Fans ist und weniger die Gunst der Wirtschaft.

Die Handballer des geschrumpften Handball Sport Vereins HSV spielten vergangene Saison in der dritten Liga vor durchschnittlich 3231 Handballfreunden, mehr als bei jedem Zweitligaklub. Im einzigen Spiel in der großen Arena stellten sie an Weihnachten mit 8555 Zuschauern einen Drittliga-Weltrekord auf. Diese Bestmarke soll im Dezember übertroffen werden. Auch die 2014 gegründeten Hamburg Towers können sich in der zweiten Basketball-Bundesliga über fehlendes Interesse nicht beklagen. 3017 Fans pro Spiel bedeuten eine Auslastung der Wilhelmsburger Halle von fast 90 Prozent. Und das bis dato in der Oberliga ums Überleben kämpfende Eishockey-Team der Crocodiles konnte nach Zugängen wie dem einstigen Freezers-Kapitän Christoph Schubert statt 254 plötzlich 1900 Besucher pro Spiel begrüßen. Die angestrebten Aufstiege dieser Unternehmen, die quasi Start-ups sind, wurden vorerst verpasst. Der HSV wurde in seiner ersten Saison als Drittligist mit einem jungen Team Dritter. Man setzt künftig auf vier einstige HSV-Größen: Weltmeister Torsten Jansen, 40, wurde Ende März zum Cheftrainer befördert, Assistent wird Blazenko Lackovic, 35. Die Rückkehr des einstigen kroatischen Weltmeisters vom THW Kiel, der auch noch spielen soll, werde "den Jungs helfen, das Potenzial nach oben zu schrauben", sagt Martin Schwalb. Der einstige Erfolgstrainer großer HSV- Zeiten dirigiert nun als Vizepräsident die sportlichen Planungen. Der vierte ist Stefan Schröder, 35. Der Rechtsaußen ist immer noch Publikumsliebling. Im ersten Punktspiel vergangenen Samstag erzielte er beim 32:16-Sieg gegen Aufsteiger HG Barmbek mit sechs Toren wieder die meisten - natürlich in ausverkaufter Halle.

Handball 17/18 - HG Barmbek vs HSV Hamburg

Hoffnung jenseits der ersten Liga: Handball-Trainer Torsten Jansen

(Foto: Fishing4)

Außerdem bekleidet Schröder den Posten des Marketing-Fachmanns. Immerhin trauen manche Sponsoren dem Neustart, weshalb der HSV seinen Etat auf etwa 1,5 Millionen Euro erhöhen konnte (unter Rudolph waren das mehr als neun Millionen). Damit will man das Ziel zweite Liga erneut angehen. "Wir sind ja", sagt Schwalb, "kein gewöhnlicher Drittligist." Die "Aufgabenstellung" sei nun mal, mittelfristig in Hamburg wieder Handball der oberen Kategorie anzubieten.

Auch bei den Towers soll das Ziel erste Liga verstärkt angegangen werden. Im Vorjahr verlor man die selbst ausgebildeten Begabungen Louis Olinde (Bamberg) und Lennard Larysz (Würzburg). Es gibt inzwischen sogar einen Kinofilm ("Starting five") über die Towers, bei denen eine ungewöhnliche Mischung aus Nachwuchs- und Sozialarbeit betrieben wird. "Wir werden die nächsten zwei Jahre die Voraussetzungen für die Bundesliga schaffen", sagt der Sportliche Leiter und frühere Nationalspieler Marvin Willoughby, der das Gesicht des Klubs ist. Bei den Towers wird der Etat auf etwa 1,6 Millionen Euro angehoben. Für die erste Liga, sagt Willoughby, bräuchte man aber mindestens doppelt so viel. Immerhin hat man ein paar Profis verpflichtet, die dem Team einen Schub geben könnten. Etwa den Kroaten Hrvoje Kovacevic, 31, aus Heidelberg. Ein früherer Erstligaspieler, den Towers-Trainer Hamed Attarbashi "als ausgesprochenen Leader" bezeichnet.

"Es ist schwer, abseits des Fußballs Sponsoren zu gewinnen", heißt es bei den Crocodiles

Die Crocodiles haben mit Christoph Schubert auch einen echten Leader, der sich um Vieles im Verein kümmert, nicht zuletzt um weitere Verstärkungen. Auch die Crocodiles konnten neben einigen Talenten Spieler mit DEL-Erfahrung holen und vor allem einen Trainer, der als Spieler an neun Weltmeisterschaften und an den Olympischen Spielen teilgenommen hat: den Österreicher Herbert Hohenberger, 48. Zudem wurde mit der Gründung der "1. Hamburger Eissport GmbH" die Ausgliederung aus dem Farmsener TV vorangetrieben, obwohl in der Oberliga nur eingetragene Vereine antreten dürfen. Das ist die Vorstufe zur Professionalisierung, die auch mit dem neuen Trikot-Sponsor, der Reederei Hapag-Lloyd, vorangekommen ist. Und das, obwohl es weiterhin "schwer ist, abseits des Fußballs Sponsoren zu gewinnen", wie Christoph Schubert stellvertretend für alle Klubs sagt.

Christoph Schubert gibt sein Punktspieldebüt

Crocodiles-Promi Christoph Schubert.

(Foto: Axel Heimken/dpa)

Die Volleyballer des VT Hamburg setzen deshalb vor allem auf das neue Nachwuchsleistungszentrum in Hamburgs Süden, das gemeinsam von der Hausbruch-Neugrabener Turnerschaft und dem TV Fischbek finanziert wird. Leiter ist der frühere Bundesliga-Trainer und Sportdirektor Helmut von Soosten, der bekräftigt: "Erstmals ziehen die Vereine, der Hamburger Verband, die Schulen und die Politik an einem Strang." Was in seiner Auflistung fehlt? Die Wirtschaft.

© SZ vom 08.09.2017
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