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Special Olympics:Niemals ohne den weißen Löwen

SPECIAL OLYMPICS Nationale Winterspiele Berchtesgaden 2020; dsadas

„Er hat ein sehr großes Selbstbewusstsein“: Samuel Hahn (vorne) beim Unified-Wettbewerb gemeinsam mit seinem Bruder Benjamin.

(Foto: Sascha Klahn/imago)

Die Wettbewerbe in Berchtesgaden sind eine Bühne für Sportler mit geistiger Behinderung wie Samuel Hahn.

Von Sebastian Fischer, Berchtesgaden

Samuel Hahn ist schon im Ziel, als er sich einen Spaß erlaubt. Auf den letzten Metern des Hangs war er noch mal tief in die Knie gegangen und Schuss gefahren, wie es Skirennfahrer nun mal so machen. Jetzt bremst er mit Schwung erst kurz vor der Bande, wirbelt den Schnee auf, steht. "Frechdachs", sagt seine Mutter.

Die Helfer, die im kleinen Skigebiet in Bischofswiesen für die Athleten bei den Special Olympics sorgen, hatten sich schon bereitgemacht, Samuel Hahn bei einem Sturz aufzufangen. Sie wussten ja nicht genau, wie viel er kann. So geht es den meisten.

Samuel Hahn aus Günzburg im bayerischen Schwaben, vor fast 26 Jahren mit dem Down-Syndrom geboren, ist einer von rund 900 Athleten, die in dieser Woche noch bis Freitag an den Special Olympics in Berchtesgaden teilnehmen, den nationalen Winterspielen für Menschen mit geistiger Behinderung. Er fahre wie ein weißer Löwe, "voll schnell", sagt Hahn - was auch damit zu erklären ist, dass er ein großer Fan der Löwen im Circus Krone ist. "Samuel hat ein sehr großes Selbstbewusstsein", sagt seine Mutter. Er ist nicht nur auf Skiern ein Beispiel dafür, wie Inklusion funktionieren kann, die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sein Weg steht aber auch dafür, dass es in Deutschland längst nicht die Regel ist, dass Inklusion einfach funktioniert.

Wer an Behindertensport denkt, der hat zunächst die Paralympics vor Augen, die Spiele für Menschen mit Körperbehinderungen, die in den vergangenen Jahren eine große Professionalisierung erfuhren. Die Special Olympics stehen in der Bekanntheit eher dahinter. Acht Disziplinen werden in Berchtesgaden ausgetragen, olympische wie Snowboarden oder Ski alpin, aber auch solche, die als Leistungssport eher nicht verbreitet sind, Schneeschuhlauf zum Beispiel. "Es ist ein Perspektivwechsel in der Gesellschaft notwendig", hat zur Eröffnung Jürgen Dusel gesagt, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Er meinte damit, Menschen mit geistiger Behinderung mehr Leistungsfähigkeit zuzutrauen. Die Special Olympics, sagte er, könnten das anstoßen.

Nationale Wettbewerbe wie in Berchtesgaden, ausgetragen vom Bundesverband SOD, finden jedes Jahr statt, im Wechsel zwischen Sommer und Winter. Sportlich geht es um die Qualifikation für die Weltspiele, die nächsten sind im Winter 2021, im Sommer 2023 ist Berlin Gastgeber. Doch noch mehr geht es bei den Special Olympics, bei denen am Ende jeder Athlet eine Medaille bekommt, um die Freude an der Bewegung und um Spaß. Eigentlich war auch eine Athletendisco geplant. Die musste bloß wegen des Coronavirus abgesagt werden.

Für die Hahns, die mit der ganzen Familie nach Berchtesgaden gereist sind - Eltern, drei Söhne, Schwiegertochter und Enkelkinder -, ist es auch nicht der Wettkampf,der im Mittelpunkt steht. "Es ist eine Woche, in der wir uns Zeit nehmen, um gemeinsam Sport zu machen", so sagt es Benjamin Hahn, 30, der mit seinem Bruder an den Start geht. Sie fahren als Team: Samuel vorneweg, Benjamin hinterher. Unified, so nennt sich der Wettbewerb, in dem bei den Special Olympics auch 72 Sportler ohne Behinderung antreten - vereint, gemeinsam mit Athleten mit Behinderung. So hat Samuel Hahn es von Geburt an kennengelernt. Nur so, von Anfang an, sagt seine Mutter, könne Inklusion funktionieren.

Sie habe vor Samuels Geburt einen Vorsatz gefasst, erzählt Uschi Hahn: "Ich mache bei meinem dritten Kind alles genauso." Also nahmen sie ihren jüngsten Sohn mit zum Skifahren, als er eineinhalb Jahre alt war. "Wir haben nicht gedacht, dass er mal so gut fährt", sagt sie, aber sie haben es eben probiert. Samuel fuhr bald beim SC Burgau wie die älteren Brüder Skirennen. Mit elf war er zum ersten Mal bei den Special Olympics dabei.

Ihr Sohn sollte aber nicht nur beim Sport dazugehören, also meldeten ihn die Eltern in der Montessorischule an. Sie klagten, so erzählt es Uschi Hahn, bis er einen Schulbegleiter zur Seite gestellt bekam. 2009 ratifizierte Deutschland die Behindertenrechtskonvention der UN und verpflichtete sich so unter anderem zur noch immer umstrittenen, in ihrer Umsetzung kritisierten Inklusion an Schulen. Zum Modell also, dass auch Kinder wie Samuel an Regelschulen lernen. Mehr als zehn Jahre später sagt Benjamin Hahn darüber, ob es bei vielen Menschen so funktionieren könnte, wie es bei seinem Bruder zu funktionieren scheint: "Es hängt immer an einzelnen Personen, die ein Herz dafür haben."

Samuel Hahn, mit dem Down- Syndrom geboren, kam mit eineinhalb mit zum Skifahren

Nur rund 20 Prozent der Athleten in Berchtesgaden sind wie Samuel im normalen Sportverein aktiv. Es ist ein Ziel der Special Olympics, dass es mehr werden, dass sich die Vereine öffnen. Die meisten Athleten starten für Förderschulen oder für Werkstätten, in denen sie auch arbeiten. Spricht man mit Betreuern, ist auch von den Vorteilen des gewohnten Modells die Rede, von der Abstimmung spezieller Bedürfnisse, von der Pflege sozialer Kontakte. Im Sinne der Inklusion sollte eigentlich der Arbeitsmarkt auch für Menschen mit geistiger Behinderung viel zugänglicher sein. Spricht man Uschi Hahn darauf an, erzählt sie aber ebenfalls vor allem von Hürden. Sie habe nun für ihren Sohn, auch das nicht ohne entsprechende Klage, das Budget für Arbeit genehmigt bekommen - eine Unterstützung für Arbeitgeber, die Menschen mit Behinderung einstellen. Seit der Einführung 2018 wurden laut bayerischem Sozialministerium im gesamten Freistaat 26 Budgets für Arbeit bewilligt. Im Regierungsbezirk Schwaben, wo die Hahns wohnen, waren es zwei.

Samuel Hahn hatte das Glück, dass sich um ihn herum die Leute engagierten, Lehrer, Trainer, die Familie. Er hat auch das Glück, dass er im Brillenstudio der Eltern mitarbeiten kann. Er ist im Gespräch schwierig zu verstehen, ruft eher voller Freude, als dass er spricht. Wenn jemand das nicht gewöhnt ist, müssen seine Worte auch mal übersetzt werden. Er war zwar bis zum Schluss auf der Montessorischule, einen Abschluss hat er jedoch nicht gemacht. Im Geschäft hat seine Familie ihm dennoch immer mehr Aufgaben anvertraut, es war ähnlich wie beim Skifahren: "Wir wussten das auch nicht, dass er ganz viel machen kann", sagt Uschi Hahn.

Samuel Hahn ist jetzt unter anderem für die Auszeichnung der Waren oder für Rechnungsdruck zuständig, für "eine ellenlange Latte" an Aufgaben, sagt seine Mutter. Im Laden erfährt jeder Kunde, was Samuel zu seinem Produkt beigetragen hat. "Wir wollen das transportieren", sagt Benjamin, der als Geschäftsführer arbeitet.

Es gibt natürlich auch bei der gemeinsamen Arbeit Grenzen. Manchmal verstehe sein Bruder etwas nicht, erzählt Benjamin Hahn, "und dann tue ich mich schwer, weil ich ihn sonst nicht so wahrnehme" - als eingeschränkt. Er lacht, wenn er beschreibt, dass es manchmal schwer sei, die Grenze zu ziehen: Versteht Samuel ihn gerade nicht, weil er es nicht kann? Oder ist er einfach etwas stur, weil er sich von seinem großen Bruder nichts sagen lassen will?

Auch beim Skifahren gibt Benjamin Hahn seinem jüngeren Bruder manchmal Tipps, mehr auf der Kante stehen, solche Dinge. Es klappt ziemlich gut: In Berchtesgaden waren die Brüder Hahn in dieser Woche zweimal am Start. Im Slalom gewannen sie Silber. Im Riesenslalom gewannen sie Gold.

© SZ vom 06.03.2020
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