Golf:Zurück am Ort der großen Überraschung

Golf - LPGA Tour und Ladies European Tour 2020

Ungläubiger Blick: Sophia Popov mit dem Pokal der Women's Open, den sie im vergangenen Jahr als Siegerin des renommierten Golfturniers erhielt.

(Foto: golfsupport.nl/picture alliance/R&A/dpa)

Golfprofi Sophia Popov genießt die Rückkehr zur British Open als Titelverteidigerin. Diesmal tritt die 28-jährige Deutsche nicht als krasse Außenseiterin an - sie hat sich in der Weltspitze etabliert.

Von Gerald Kleffmann

Sophia Popovs Gesicht taucht schon auf dem Parkplatz auf, auch auf dem Weg zum Klubhaus prangt es auf Plakaten, auf Bildschirmen innen laufen kurze Filme mit Höhepunkten des vergangenen Turnieres - natürlich mit Sophia Popov in der Hauptrolle. "Es ist irgendwie cool, das alles zu sehen", schildert die vielerorts auf der Anlage namens Carnoustie Golf Links abgelichtete Deutsche, "viele Erinnerungen kommen zurück." Die 28-Jährige steht nach ihrer Übungsrunde vor einer Sponsorenwand und äußert sich in einer Video-Pressekonferenz zu ihrer Rückkehr zu diesem für sie so besonderen Turnier. "Alle nennen dich Titelverteidigerin", sagt sie einmal, ihre Augen leuchten.

Auch wenn es höchst real war, als Popov als Außenseiterin im August 2020 im Royal Troon Golf Club die Women's Open gewann, eines der fünf Majors im Frauengolf - immer wieder blitzen diese Momente auf, in denen sie ungläubig an diese verrückten Tage zurückdenkt. "Oh mein Gott, es ist jetzt ein Jahr her, und das hier ist das Event, das so viel für mich geändert hat", das dachte sie, als sie nun nach Carnoustie reiste, eine Kleinstadt an der Ostküste Schottlands, nördlich von Dundee gelegen. Ihr Vorsatz? "Ich komme hierher, um wirklich die Woche zu genießen, egal, was passiert." Diese Denkweise half ihr auch damals, als sie es erst über große Zufälle und Fügungen ins Teilnehmerfeld nach Troon schaffte und dann, als Nummer 304 der Weltrangliste, alle überraschte, sich selbst am meisten. Unvergessen, wie Popov sich auf dem letzten Grün tränenreich an Max Mehles' Schulter lehnte, ihren Caddie und Lebenspartner.

20 Ärzte in drei Jahren, dann kam heraus: Es war ein Zeckenbiss

Rauf und runter erzählte sie damals ihre Geschichte, wie sie, eines der größten deutschen Talente, schon 2014 den Sprung auf die Ladies European Tour und vor allem auf die lukrativere LPGA Tour in Amerika schaffte. Doch irgendwann geriet sie in eine mysteriöse Spirale, müde war sie oft, nicht zu Leistungssport auf höchstem Niveau fähig, binnen drei Jahren raste sie von Arzt zu Arzt, an die zwanzig Spezialisten fahndeten nach den Ursache. Letztlich wurde diagnostiziert, dass sie an Lyme-Borreliose litt, einer durch Zecken übertragenen Krankheit. Zwölf Kilo verlor sie. Sie stellte die Ernährungs- und Fitnesspläne um. Doch 2019 wollte sie fast aufgeben als Profigolferin. Ihr Spiel war weg.

Eine Chance wollte Popov sich selbst noch geben, auf der zweitklassigen Symetra Tour, doch aufgrund der Pandemie fielen Turniere aus. So startete sie auf der Cactus Tour, der Serie darunter, gewann drei Turniere, bekam dafür aber nur mickrige 8800 Dollar. So groß war die Freude selbst über diese unbedeutenden Titel, dass sie mit Champagner feierte. Als sie bei einem LPGA-Turnier in Toledo, Ohio, für ihre Freundin Anne van Dam aus den Niederlanden die Tasche als Caddie tragen wollte, half ihr dann indirekt Corona - sie rückte selber als Spielerin ins Feld, weil viele Kolleginnen nicht angereist waren. Neunte wurde sie, qualifizierte sich dadurch kurzfristig für die British Open in Troon, der Rest ist Geschichte. Ihre am dritten Tag übernommene Führung hatte sie mit solidem Spiel nervenstark verteidigt - sie hatte einfach versucht, immer nur die Mitte der Bahn und das Grün mit dem Ball zu treffen.

AIG Women's Open - Previews

Perfekt ausbalanciert: Sophia Popov geht zuversichtlich in die Women's Open in Carnoustie in Schottland.

(Foto: Andrew Redington/Getty)

Auch in Deutschland erhielt sie Aufmerksamkeit, nur eher kurz, es folgte der in solchen Fällen obligatorische Auftritt im ZDF-Sportstudio, sie wurde Zweite bei der Wahl zur Sportlerin des Jahres hinter der Weitspringerin Malaika Mihambo. Doch zwei Aspekte erschwerten die dauerhafte Präsenz Popovs hierzulande: Frauengolf wird nicht im Fernsehen übertragen, auch wenn Sky nun die British Open zeigt. Das ist eine Ausnahme. Und zumeist spielt Popov Turniere, wenn Germany schläft, ihre erste Heimat. Sie wurde zwar in Massachusetts geboren, zog mit vier Jahren aber nach Weingarten, der Vater ist Deutscher, die Mutter Amerikanerin. Popov durchlief viele Stationen der Ausbildung beim Deutschen Golf-Verband. Seit vielen Jahren lebt sie nun in Los Angeles. Sie besitzt inzwischen auch den US-Pass, tritt aber unter deutscher Flagge an.

Für den Solheim Cup ist Popov bereits qualifiziert

Mindestens so beeindruckend wie ihr Triumph in Troon war auch der Umstand, dass sie diesen Höhenflug nutzte, um sich in der erweiterten Weltspitze festzusetzen. Nummer 28 im World Ranking ist sie und damit beste Europäerin, dazu verhalfen ihr konstant solide Ergebnisse, ein weiterer Sieg gelang nicht. Doch Popov ist etabliert, Ryder-Cup-Größen wie Ian Poulter gratulierten ihr damals, CNN widmete ihr ein längeres Porträt, in Tokio trat sie für Deutschland an und wurde 40. wie Carolin Masson. Immer wieder taucht sie in US-Golfmedien auf. Für den Solheim Cup Anfang September in Toledo ist sie auch qualifiziert, wenn die USA eine europäische Auswahl herausfordern. In Carnoustie erklärte Popov, dass ihre Persönlichkeit gut zu Herausforderungen passe: "Ich erwarte selbst von mir, dass ich gut spiele." Troon hat ein ganz neues Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten entfacht.

Die Basis ihrer Leistungen bleibt natürlich, dass ihr Körper mitmacht, permanent arbeitet sie auch am Mentalen. Müde sei sie, nach vielen Turnieren zuletzt, gibt sie in Carnoustie zu. Sie wisse nicht, was möglich sei. Manches ist ja auch anders. Freund Max trägt diesmal nicht die Tasche, er versucht selbst als Profi sein Glück in den USA. Und diesmal sind Zuschauer erlaubt, bis zu 8000 pro Tag. "Das wird wunderbar", sagt Popov, "das wird super, die Kehrseite des letztes Jahres zu sehen."

© SZ/fhas/bkl
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