Snooker in München:Sportlicher Exportschlager

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Die "Exhibition Tour" in München zeigt: Snooker findet in Deutschland immer mehr Anhänger. Für den endgültigen Durchbruch braucht es einen deutschen Weltklassespieler.

Jürgen Schmieder

Die Zuschauer im Circus Krone sind begeistert, bei jeder gelungenen Aktion johlen die 1500 Menschen, einige springen gar von ihren Sitzen. Der Moderator jubiliert: "Phantastisch!" Wohlgemerkt: In der Arena agieren keine Clowns oder Domteure, sondern Männer in schwarzer Hose, schwarzem Hemd und eleganter Weste - sie sehen aus, als könnten sie in der Pause auch die Getränke servieren. Der Jubel gilt dem Snookerspieler Ronnie O'Sullivan, der wie ein Tasmanischer Teufel um einen Billardtisch eilt und das Kunststück schafft, zehn Kugeln in vorgegebener Reihenfolge innerhalb von 68 Sekunden zu versenken.

Snooker in München: WM-Finalist im Jahr 2007: Mark Selby.

WM-Finalist im Jahr 2007: Mark Selby.

(Foto: Foto: Gabi Klein)

Snooker, das ist nicht nur eine der schwersten Billard-Varianten, sondern auch eines der erfolgreichsten Exportgüter Großbritanniens. Es ist die erste Sportart, mit der TV-Sender Eurosport in Deutschland mehr als eine Million Zuschauer vor den Bildschirm lockt, obwohl sie nicht zum zum olympischen Programm gehört. "Der Rummel ist kaum zu erklären", sagt Eurosport-Kommentator Rolf Kalb, der auch durch diesen Abend in München führte. "Es gibt im Fernsehen keine schnellen Schnitte, die Kommentatoren verwenden keine Superlative, die Action hält sich in Grenzen." Und doch funktioniert der Sport in Deutschland, die Veranstaltung am Sonntag in München war ausverkauft - obwohl es nicht um Weltranglistenpunkte ging, sondern einzig darum, eine gute Show zu bieten.

Die lieferten bei der ersten Partie WM-Finalist Shaun Murphy und Masters-Gewinner Mark Selby. Sie versenkten nicht nur Kugeln technisch perfekt und spielten taktisch kluge Ablagen, sondern streuten immer wieder unterhaltsame Momente ein. Sie stritten um den korrekten Effet des weißen Balles und duellierten sich mit den Queues, als wäre sie Figuren in einem Star-Wars-Film.

Nur einmal, da war es still in der Arena: Selby hatte 16 Kugeln in Folge versenkt und hatte die Chance, ein Maximum Break von 147 Punkten zu spielen - eine Leistung, die ihm in seiner Karriere erst einmal gelungen war. Er verpasste jedoch die Stellung auf eine rote Kugel und musste das Unterfangen abbrechen - Gegner Shaun Murphy wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wenig später schaffte O'Sullivan während seiner Partie gegen Steve Davis immerhin ein Break von 138, in weniger als fünf Minuten versenkte er 36 Bälle in Folge und räumte so den Tisch komplett ab.

"Mit Events wie diesem machen wir den Sport außerhalb Großbritanniens populärer, weil sich die Menschen gut unterhalten fühlen", sagte Murphy nach seinem Spiel. "Es ist ein britischer Sport, aber der Erfolg in China und Deutschland zeigt das Potential von Snooker." Veranstaltet wird die Exhibition Tour, deren Events sowohl in Berlin als auch in München ausverkauft waren, von einer Firma in Fürth, die in Deutschland auch die Paul Hunter Classic und das Berlin Invitational ausrichtet. Gründer Thomas Cesal hat den Trend erkannt und versucht deshalb, in jedem Jahr die weltbesten Spieler nach Deutschland zu locken - mit Erfolg.

Anhänger dynamischerer Sportarten werfen Snooker immer noch vor, langweilig und nicht zuschauerfreundlich zu sein. Oberster Kritiker dabei ist nicht etwa ein zynischer Fußballfan, sondern ausgerechnet der Weltranglistenerste und dreifache Weltmeister O'Sullivan. Der Sport würde sterben, sagte er kürzlich. Er habe keine Lust mehr, wenn sich Turniere wochenlang hinziehen und nicht unterhaltsamere Elemente eingeführt würden.

Die Exhibition Tour in Deutschland kam der Forderung O'Sullivans nach, neben den kurzen Partien zeigte der sechsfache Weltmeister Steve Davis bei der "Trickshot Show", was ein Spieler mit ein paar Kugeln auf grünem Filz alles anstellen kann. Zuvor gab es die "Speed Competition", bei der es darum ging, möglichst schnell alle Kugeln zu versenken. An der nahmen nicht nur drei der weltbesten Spieler teil, sondern auch ein 15-jähriges Talent aus Fürth. Das nämlich fehlt diesem Sport, um in Deutschland den endgültigen Durchbruch zu schaffen: ein "local hero", ein deutscher Spieler, der sich mit den besten der Welt messen kann. Lasse Münstermann ist bishlang der einzige deutsche Akteur, der eine Saison lang auf der Maintour mitspielen durfte.

Wer allerdings ins Publikum im Circus Krone blickte, der erkannte, dass sich der Sport in Deutschland kaum sorgen um Nachwuchs machen muss. Da saßen kleine Jungs mit Fliege, Weste und Queue, sie bestaunten die Leistungen ihrer britischen Idole. Als O'Sullivan einmal die weiße Kugel mit viel Effet um eine andere herumzirkelte, raunte einer: "Das will ich auch können."

"Ich glaube, dass wir mit diesen Events junge Menschen erreichen und sie noch mehr für unseren Sport begeistern können", sagt Shaun Murphy. Und selbst der kritische und oft gelangweilte Ronnie O'Sullivan war in München bester Laune. Kein Wunder: Für seine beste Leistung des Abends benötigte er gerade einmal 68 Sekunden.

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