Skispringen:Reichlich Flughöhe

Lesezeit: 3 min

Skispringen Weltcup in Nischni Tagil

Knüpft an die Siege der vergangenen Saison an: Karl Geiger.

(Foto: Tumaschow/dpa)

Selbstbewusstsein, Erfahrung und ein Notizbuch: Karl Geiger hat sich spät zum Weltklasse-Skispringer entwickelt. Seine erstaunliche Frühform dürfte mehr als ein Zwischenhoch sein.

Von Volker Kreisl, München

Was er wohl diesmal eingetragen hat? "Unglaubliches Wochenende! Unvergesslich!! Könnte die Welt umarmen!!!" Nein, das wäre nicht Karl Geiger. Der freut sich, das schon, aber wenn es um einen Eintrag in seinem Skisprung-Tagebuch geht, dann sind Gefühle eher deplatziert. Also, vielleicht: "Ordentlicher Saisonstart in Nischni, Schnee in der Anlaufspur etwas nervig, insgesamt weiter so." Nein, auch das nicht. Geigers Buch ist ein sachbezogenes Logbuch, nüchtern wie der Schreiber selbst. Es geht darin um die technische Analyse für mögliche Verbesserungen: "Anfahrtshocke bei dicken Flocken in der Spur durchaus offensiv wählen." - Etwas in der Art dürfte Geiger notiert haben.

Mit diesem inzwischen schon sehr detaillierten, immer wieder aktualisierten Erfahrungsprotokoll hatte sich Karl Geiger langsam an die Weltspitze herangearbeitet. Natürlich war da noch mehr, der Einfluss seiner Trainer Werner Schuster und seit 2019 nun auch Stefan Horngacher. Aber ein Großteil seiner Stärke, wegen der ihn Horngacher als einen der mental stabilsten Springer überhaupt bezeichnet, dürfte mit seiner ruhigen, kühlen, logischen Art zusammenhängen, dem Rückschluss von Ursache und Folge und der Fehlersuche mittels eigener Dokumentation.

"Ich hab schon gewusst, dass die letzten Wochen vor dem Weltcup gut waren."

Bei seinem Triumph im Weltcup in Nischni Tagil im fernen Ural hat der sachliche Geiger dann aber doch die Arme in die Luft und den Mund aufgerissen und geschrien und gejubelt über die Plätze eins und zwei - ein Mal vor, ein Mal hinter dem Norweger Halvor Egner Granerud -, als wäre der Saison-Höhepunkt an den Anfang des Winters versetzt worden. Gefangen hat er sich dann doch recht bald, weshalb Geiger am Sonntag beim Startweltcup auch der zweite exzellente Sprung weit über die grüne Linie des Führenden gelang, und damit auch die Fortsetzung der starken Form vom vergangenen Jahr, ach was, von seiner gesamten Entwicklung.

In diesem speziellen Jahr 2021 hatte Geiger nach dem fabelhaften Saisonabschluss mit zwei Siegen auf der Flugschanze in Planica/Slowenien auch stabile Leistungen im Training gezeigt. Von schlimmeren Verletzungen blieb er verschont, mit ordentlichen Top-Ten-Plätzen im Sommer-Bewerb namens Grand Prix hatte er mit Leistungen zwar nicht bestochen, wie etwa Granerud, war aber doch in Form gekommen. Die hatte sich stark entwickelt, besser, als er selber dachte: "Ich hab schon gewusst, dass die letzten Wochen vor dem Weltcup gut waren", sagte er nun und erzählte, dass er trotz guter Absprünge auf den Mattenschanzen zunächst noch beherrscht blieb, weil: "Man weiß ja nie, was es wert ist."

Jetzt ist Geiger, wenn auch knapp, Gesamtführender. Seine Sprünge bei Temperaturen um die null Grad und unangenehmen dicken Schneeflocken in der Anlaufspur, die das Tempo verlangsamten, was auch das Timing des Absprungs stören kann, blieben trotzdem tadellos. Geiger stellte direkt von Sprung auf Flug um und segelte wie immer in ordentlicher Höhe Richtung Auslauf. Man weiß natürlich immer noch nicht, was dies alles wert ist, denn die Saison mit drei Großveranstaltungen wird lang, und eine Delle im Hoch kann immer vorkommen. Vielleicht hatte auch deshalb Bundestrainer Stefan Horngacher ein wenig Fahrt aus dem kleinen Geiger-Hype des Wochenendes genommen, indem er in fast schon Geiger'scher Sachlichkeit bemerkte: "Grundsätzlich bin ich mit der Skisprungleistung sehr zufrieden, speziell Karl Geiger hat gezeigt, dass er ganz vorne mitspringen kann."

Geigers Geschichte steht in angenehmem Kontrast zu früh bejubelten Jugend-Stars

Nicht nur für die weitere Saison, sondern überhaupt gilt allerdings, dass man allmählich aufhören darf, sich wie einst über das Wunder Geiger zu wundern. Dessen erste Erfolge waren tatsächlich überraschend gekommen, weil die Geschichte des Oberstdorfers nicht normgerecht verlief. Als die meisten jungen Springer seines Jahrgangs den Trainern und Experten oder auch erstem Publikum schon weite Flüge vorführten, blieb Geiger unscheinbar. Noch in seinen frühen Zwanzigern stand er am Ende der Saison weit jenseits der Top 30. Irgendwann drohte die Zurückversetzung, vielleicht sogar das Aus.

Heute stellt Geiger, der noch einen späten Wachstumsschub erlebte, einen angenehmen Kontrast zu den Kinder-Stars des Leistungssports dar. Die sind begehrt, weil sie Anhängern und Verbänden eine ganze Periode mit Medaillen in Aussicht stellen, nicht selten aber an den Aufgaben scheitern. Der Typ Spätentwickler kann indes auch ein Vorbild für die Gesellschaft sein, wenn auch ein weniger spektakuläres. Geiger ist 28 Jahre alt, Ingenieur der Energie- und Umwelttechnik, seit einem Jahr nicht nur Ehemann, sondern auch Vater und wohnt in Oberstdorf.

Das wirkt vielleicht eher bodenständig als glanzvoll, dürfte aber das Selbstvertrauen in einem Sport, der starke Nerven verlangt, gefördert haben. In all der Zeit hat sich Karl Geiger immer weiter entwickelt. Und in dieser langen Saison, die kommendes Wochenende in Ruka/Finnland weitergeht und unter anderem die Olympischen Spiele vorsieht, wird er wohl nicht immer für Erfolg stehen. Dafür aber für Geduld mit sich selbst, für Gelassenheit und die Liebe zu den Details, die man sich idealerweise aufschreibt.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB