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Skispringen:Kleinschanzen-Karle fliegt jetzt

Ski Jumping World Cup

Auf den großen Bakken zu Hause: Karl Geiger dokumentiert beim abschließenden Weltcup 2021 in den slowenischen Bergen seine mittlerweile beachtliche Konstanz als Flieger.

(Foto: Srdjan Zivulovic/Reuters)

Corona, Medaillen, Formschwankungen und am Ende der schlimme Sturz des Norwegers Daniel Andre Tande: die Skispringer beschließen beim Skiflug-Weltcup in Planica eine turbulente Saison.

Von Volker Kreisl, Planica/München

Doch fast nichts war normal an diesem Wochenende, und auch der Corona-Winter, den die Veranstaltung abschloss, wird jedem Springer, der dabei war, besonders im Gedächtnis bleiben. In Planica aber hatte noch bis Sonntag und danach auch auf dem Heimweg wohl jeder den Schrecken in den Knochen, der vom Sturz des Norwegers Daniel Andre Tande noch nachwirkte. Die Letalnica-Schanze symbolisierte diesmal die Extreme dieses Sports. Die Gewinner, der Japaner Ryoyu Kobayashi und vor allem der Oberstdorfer Karl Geiger, berauschten sich am weiten 240-Meter-Flug und freuten sich über den Sieg oder die wiedergewonnene Form - und hatten nun doch im Kopf, wie schnell alles vorbei sein kann.

Diese große Spanne zwischen Glück und Unglück lag auch in Tandes Sturz selbst. Der Norweger war nach seinem Aufprall im oberen Bereich des Hanges regungslos und den Kräften ausgeliefert hinabgerutscht, doch bis Sonntagabend klangen die Genesungsprognosen positiv - ein Schlüsselbeinbruch und eine leichte Punktierung der Lunge war festgestellt worden. Langsam holte man ihn seit Samstag aus dem künstlichen Koma, alle Tests deuteten darauf hin, dass er wieder gesund werden könne. Der deutsche Bundestrainer Stefan Horngacher sagte: "Wir hoffen, dass er im nächsten Jahr wieder dabei ist."

Skispringer lernen, Ängste auszublenden, wohl mehr als andere Sportler

Vielen ist es unbegreiflich, wie man nach einer Situation wie der am Donnerstag zur Tagesordnung übergehen kann. Wirtschaftliche Zwänge sind natürlich ein Grund, dass man Weltcups ungern absagt, zudem haben die Skispringer aber auch eine spezielle Mentalität. Sie leben mehr als die meisten anderen Sportler mit der Gefahr und sie trainieren mehr als andere ihre Fähigkeit, alle Ängste im entscheidenden Moment auszublenden. Und ein besonders guter Ausblender ist mittlerweile jener, der am Donnerstag kurz nach dem Tande-Sturz gesprungen war: Karl Geiger.

Sein Beispiel steht für diese turbulente, schmerzhafte und auch dramatische Saison. Von Anfang Dezember bis Ende März ging es auf und ab, so viel wie in diesem Winter hatte der Oberstdorfer über Jahre nicht gewonnen und erlebt. Kurz nach Saisonbeginn, ganz anders als im üblichen Rhythmus, fand die Skiflug-WM statt, ebenfalls in Planica. Die Riesen-Bakken waren bisher nicht Geigers Spezialität, eher fühlte er sich auf den Kleinschanzen heimisch. Doch dieser Dezember war eine besondere Zeit für Geiger. Die Vorfreude auf die bevorstehende Geburt seiner Tochter lag über allem, und seine Form war prächtig. Mitte Dezember war er dann plötzlich Skiflug-Weltmeister, flog heim, wurde Vater, und wurde wegen eines positiven Corona-Tests erstmal von Frau und Tochter isoliert.

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Springt gerne in Slowenien: Viermal steht Geiger in Planica auf dem Podest, dreimal - wie hier auch am Sonntag - ganz oben.

(Foto: Matic Klansek/imago)

So eine Zwangspause hätte manchen Sprungkollegen aus dem Konzept gebracht, Geiger aber kam als Tournee-Auftaktsieger zurück, wurde am Bergisel in Innsbruck nach verpatztem Absprung auch noch vom Wind auf die Schanze gedrückt und ließ den Kopf erstmal hängen. In Bischofshofen gelang ihm wieder ein passabler Auftritt, doch die Zeit danach wurde bleiern. Geiger brachte scheinbar nichts mehr zustande, stapfte immer wieder kopfschüttelnd davon und holte bei der Ski-WM im eigenen Dorf vier Medaillen. Nach dem Saisonhöhepunkt ließ er wieder leicht nach, und kehrte nun zum Abschluss zurück: Zwei Einzelsiege gelangen ihm, zudem führte er am Sonntag auch das Team auf den ersten Platz.

Die große Kugel ging an Granerud, das meiste andere räumte Geiger ab

Selten passiert es, dass ein Springer seine Form schon verloren hat und dann rechtzeitig wieder zurückfindet. Geiger hat in diesem Jahr den Negativtrend gebrochen, Horngacher erklärte zwischendurch: "Karl ist in der Lage, auf den Punkt topfit zu sein. Er hat ein klares Konzept, wie er einen Wettkampf bestreitet." An diesem Wochenende hatte sich dies noch einmal besonders gezeigt. In ähnlich überlegener Form sprang nur der Japaner Ryoyu Kobayashi, der den ersten Einzelwettkampf am Donnerstag gewann und dabei wirkte wie ein Gast, der kurz vor Partyschluss erscheint. Wie in seinen besten Zeiten trumpfte Kobayashi auf, nur eben am Ende der Saison.

Hin- und hergeworfen von den Umständen und ihrer Form wurden weitere Akteure in dieser Saison: Österreichs Topspringer Stefan Kraft litt lange an einer Corona-Infektion, wurde plötzlich Weltmeister in Oberstdorf und fiel wieder zurück. Kamil Stoch gewann die Tournee und springt seitdem hinterher. Und der Norweger Halvor Egner Granerud überstrahlte alle, gewann früh den Gesamtweltcup, aber keinen großen Einzeltitel. Mal war es Pech, mal Nervosität, bei der WM ein Ausschluss wegen Corona, nun zum Abschluss womöglich auch etwas Verunsicherung nach dem Sturz seines Teamkollegen Tande.

Die Große der Kristallkugeln hielt er dann aber in Händen. Das meiste andere, was zu übergeben war, räumte Geiger ab: die kleine Kugel für den Skiflug-Weltcup, die Ehrungen für die zwei Einzelsiege und den Preis "Planica7", was immer das ist. Mehr wert als ein dotierter Preis war ihm vielleicht die Meinung seines Trainers. Wegen seiner Sprungkraft brillierte er früher mehr auf kurzen Flügen, sein Spitzname war ja Kleinschanzen Karle. Damit urteilte Horngacher, "ist es jetzt vorbei".

© SZ/klef
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