Ski alpin:Die Ruhe des Hasardeurs

Ski alpin: Manuel Feller fährt auf der "Märchenwiese" in Flachau zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

Manuel Feller fährt auf der "Märchenwiese" in Flachau zu seinem ersten Weltcup-Sieg.

(Foto: Alessandro Trovati/AP)

Der Österreicher Manuel Feller polarisiert seit Jahren im alpinen Weltcup - auch in diesem Winter. Die neuste Wendung: Er gewinnt jetzt auch Rennen.

Von Johannes Knuth, Flachau/München

Es gibt mittlerweile sehr viele, sehr griffige Zitate des Skirennfahrers Manuel Feller, ein sehr schönes geht so: "Es könnte ein Wasserfall kommen, und ich würde denken: Wäre ich bloß nicht mit den anderen geschwommen." Weil der Strom viel zu oft in die falsche Richtung rauscht, so sieht Feller das zumindest.

Wie so etwas in der Praxis aussieht, bewies der 28-Jährige mal wieder am vergangenen Wochenende in Flachau. Eigentlich sollten die Männer beim alpinen Weltcup in Wengen aufschlagen, doch die Veranstaltung war wegen der Corona-Lage ausgefallen; der Ski-Weltverband Fis hatte also kurzfristig zwei Slaloms in Kitzbühel angesetzt. Dort traten unter der Woche dann plötzlich 17 Verdachtsfälle des mutierten Virus auf, weil eine Skischule mitten in der Pandemie eine Handvoll britischer Skilehrer-Anwärter eingeflogen hatte.

Die Kitzbüheler sagten also auch wieder ab - die Speed-Rennen am kommenden Wochenende sollen indes stattfinden - und reichten die Slaloms nach Flachau weiter, wo die Frauen gerade ihren Nachtslalom ausgetragen hatten. Für die Männer war das gar nicht so einfach, sie hatten sich im Training auf die Hänge in Wengen und Kitzbühel vorbereitet, die so ziemlich jede andere Slalompiste erblassen lassen, ganz einfach. Und Feller? Der titulierte den Ausweichhang als "Märchenwiese", eine Piste also, die wohl auch britische Ski-Anfänger galant meistern. Die Wogen der Erregung schwollen rasch an; Christian Mitter, der Trainer des österreichischen Frauenteams, befand lakonisch, dass Feller dann auch bitteschön dort gewinnen möge, wenn der Hang so einfach sei.

Er habe das doch gar nicht abwertend gemeint, wehrte sich Feller später, das Ganze sei völlig "aufgeblasen" worden. Er sei auch froh, dass man derzeit überhaupt Skirennen fahren dürfe. Und dann: War er am Samstag tatsächlich märchenhaft schnell; es war sein erster Weltcup-Sieg im 124. Rennen, im Ziel spielten sie "Märchenprinz" von der österreichischen Poprock-Kombo EAV. "Die Geschichte wäre ja sonst gar nicht so besonders gewesen", sagte Feller, dann lachte er auf, sehr befreit.

Er fährt so, wie er ist: immer am Anschlag, immer Attacke

Feller, hat der Tages-Anzeiger einmal geschrieben, sei ein Fahrer, der die "Mauern der Monotonie zum Einsturz" bringe, und das ist kein bisschen übertrieben in einer Hochleistungsbranche, in der sehr viele Athleten und ihre Aussagen immer glattgeschliffener wirken. Fellers Haare sind oft wuschelig, sein Bart erstrahlt schon mal im kecken Grün, was andere Leute über ihn denken, sei ihm "scheißegal". Das mögen viele, andere gar nicht, was Feller dann doch oft zum Kochen bringt, weil die Menschen heutzutage "schon aufschreien, wenn etwas unkonventionell wirkt", findet er. So wie er ist, fährt er auch, immer Attacke, der Oberkörper pendelte früher wild auf und ab - meist zu wild, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Er war 2013 Junioren-Weltmeister, 2017 gewann er WM-Silber im Slalom hinter Landsmann Marcel Hirscher, aber spätestens nach dem Abtritt des Überfahrers vor zwei Jahren schauen sie in Österreich nicht nur auf Fellers Sprüche, sondern auch auf seine Resultate. Und die waren oft sehr weit von dem entfernt, was nach österreichischen Ski-Maßstäben gerade noch als satisfaktionsfähig gilt, Platz eins also.

Ski alpin: Warum immer so ernst? Manuel Feller, 28, zelebriert in Flachau im 124. Rennen seinen ersten Erfolg im alpinen Ski-Weltcup.

Warum immer so ernst? Manuel Feller, 28, zelebriert in Flachau im 124. Rennen seinen ersten Erfolg im alpinen Ski-Weltcup.

(Foto: Alessandro Trovati/AP)

"Wenn ich Manuel Feller zuschaue", sagte der einstige Skirennläufer Christian Mayer noch im vergangenen Februar", kommen mir die Tränen, weil er technisch derart schlecht Ski fährt." Das war etwas unfair, Feller hatte gerade einen Bandscheibenvorfall auskuriert, 2014 hatte eine Rückenverletzung sogar fast seine Karriere beendet. Der Gescholtene nahm sich die Kritik sehr zu Herzen, er setzte in den Sozialen Medien eine Kritik in Rap-Form ab, die er mit einem Stinkefinger abmischte. Später entschuldigte er sich, und als ein paar Monate später ganz andere Dinge wichtig waren, setzte er seine musikalische Begabung gewinnbringender ein: für einen Reggae-Song ("Stay at home"), mit dem er zum Zuhausebleiben in der Pandemie aufrief ("Vielleicht sagt die Welt: Bin ned taub, bin ned blind/Menschheit du hast mich beraubt, geh' verschwind!")

Und jetzt: Sein bislang bester Winter, zumindest im Slalom, Zweiter, Vierter, Zweiter, Erster. Ein bisschen mehr Ruhe hat dem Hasardeur den Erfolg gebracht, "meine Trainer sagen immer: 95 Prozent ist mein schnellstes Skifahren", erzählte er in Flachau. Sein Oberkörper ist tatsächlich viel ruhiger, die Ski peitschen zwischen den Stangen hindurch, aber immer auf Zug. Auch die Teamkollegen entfachen gerade einen ziemlichen Erfolgssog, Marco Schwarz führt derzeit die Slalom-Wertung im Weltcup an, knapp vor Feller, dahinter drängen Jungen wie Fabio Gstrein und Adrian Pertl nach. Es hat sicher auch nicht geschadet, dass zwei Architekten aus Hirschers altem Privatteam mittlerweile im Technik-Trainerstab der Österreicher wirken: Mike Pircher und Hirschers Vater Ferdinand.

Am Sonntag, im zweiten Slalom, da übertrieb es Feller übrigens wieder, Platz 17. Der Norweger Sebastian Foss-Solevaag gewann seinen ersten Weltcup, es war der sechste Sieger im sechsten Slalom in diesem Winters. Linus Straßer vom TSV 1860 München, Erster zuletzt in Zagreb und Fünfter am Samstag, schied diesmal im ersten Lauf aus. Aber zurückziehen? Werden weder Straßer noch Feller in den nächsten Rennen. Das wäre ja auch ein bisschen zu konventionell.

© SZ/klef
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