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Skeleton:Anlauf von weit hinten

Die Weltcup-Führende Jacqueline Lölling ist nach ihrem Bahnrekord die Favoritin bei der Skeleton-WM am Königssee. Sie ist nur eine von mehreren hoffnungsvollen deutschen Nachwuchskräften.

Als sie am Sonntag im Zielraum der Eisrinne ihren Helm abzog, zeigte sich erst ein breites Grinsen, dann aber eine Schnute in Jacqueline Löllings Gesicht. Sie wirkte erstaunt, einen Moment lang sah es so aus, als glaube die Skeletonfahrerin gerade selbst nicht, wie schnell sie derzeit unterwegs ist. "Ich habe bei der Fahrt schon ein paar Kleinigkeiten gehabt, die nicht ganz so gut waren", sagte sie nachher, "daher hat es mich schon überrascht." Es - das ist der Umstand, dass Jacqueline Lölling, 22, kurz zuvor Bahnrekord auf der Kunsteisbahn am Königssee gefahren ist. Nach 51,23 Sekunden hatte in Schönau vor ihr noch keine Skeletonfahrerin das Ziel der knapp 1,2 Kilometer langen und anspruchsvollen Strecke erreicht.

Auch aufgrund Löllings rasanter Fahrt wurden Deutschlands Bob- und Skeletonfahrer am Sonntag Team-Weltmeister. Die Zeit und der Zusatz "Weltcup-Führende" hinter Jacqueline Löllings Namen machen sie im Einzel an diesem Freitag (ab 11 Uhr/ZDF) und Samstag erneut zur Favoritin bei der Skeleton-WM am Königssee. Die ärgste Konkurrenz wird aus ihrer eigenen Mannschaft kommen: Tina Hermann, 24, ist derzeit Weltcup-Zweite, Anna Fernstädt, 20, belegte vor vier Wochen bei der WM-Generalprobe im Weltcup auf ihrer Hausbahn am Königssee hinter den beiden anderen Rang drei.

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Mit Schwung auf den Schlitten: Auch bei ihren zuvor mäßigen Startzeiten hat sich die 22 Jahre alte Jacqueline Lölling in den vergangenen Wochen verbessert.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

"Wir wollen mit den Frauen um Gold kämpfen", sagt der Bundestrainer Jens Müller. Seit 15 Jahren ist der ehemalige Rennrodler verantwortlich für die deutschen Skeletonfahrer. Er hat Höhen erlebt wie fünf Weltmeistertitel bei den Frauen, aber auch das Tief in Sotschi überstanden: 2014 gab es null Medaillen für seine Athleten. Danach erweiterte er sein Betreuerteam und legte mehr Wert auf den Start. "Das ist nach wie vor das Gebiet, in dem wir uns am meisten entwickeln", sagt er. Weil sie von weit hinten kommen. Auch Lölling, der Müller "ein sehr großes fahrerisches Vermögen" bescheinigt, habe am meisten Potenzial beim Anlauf in die Eisrinne: "Im Teamwettbewerb war sie da schon gut dabei." Müller macht kein Geheimnis daraus, wem er im Einzel am meisten zutraut: "Jaqueline hat momentan eine absolute Topform hier auf der Bahn."

Seit fast acht Jahren fährt Lölling Kopf voraus mit dem Schlitten die Bahn hinunter, nachdem sie eine Sportlehrerin dazu gebracht hatte. Die bewies ein gutes Gespür, denn von Anfang an, als sie Lölling bäuchlings auf den Schlitten setzten, hatte die Athletin der RSG Hochsauerland ihren Spaß: "Anders als beim Rodeln oder im Bob bin ich dem Eis am nächsten und steuere meine Schlitten mithilfe meines ganzen Körpers", sagt sie. Nicht ungelegen kam ihr, dass sie die Geschwindigkeit liebt: Im Sommer rauscht sie statt Eisbahnen Achterbahnen herunter, auf der Autobahn fährt sie auch gerne mal etwas schneller. Früh war klar, dass aus ihr eine Spitzenathletin werden könnte. 2012, drei Jahre nach ihrem Einstieg, wurde sie Jugend-Olympiasiegerin, zwei Junioren-WM-Titel folgten. Noch heute zählt sie mit ihren 22 Jahren zu den Juniorinnen, sie scheint aber schon zu Höherem berufen zu sein: Nach Rang zwei im Weltcup vor einem Jahr führt sie nun die Rangliste vor der ebenfalls jungen Kollegin Hermann an, weil sie mittlerweile mit der nötigen Lockerheit die Bahnen hinuntersaust. "Die hat mir im vergangenen Jahr noch manchmal gefehlt, da war ich zu verbissen." Und klar, im kommenden Jahr peilt sie erfolgreiche Winterspiele in Pyeongchang an.

"Es hat mich schon überrascht", sagt Jacqueline Lölling über ihre Rekordfahrt am Königssee. Mit ihren 51,23 Sekunden verhalf sie dem deutschen Team zu WM-Gold.

(Foto: Kerstin Joensson/AP)

Jens Müller konnte nach Sotschi und den Rücktritten der erfahrenen Fahrer um Anja Huber oder Frank Rommel schnell wieder eine neue schlagkräftige Truppe stellen. Das hat natürlich nicht nur mit den Umstrukturierungen zu tun. "Glück gehört immer dazu", sagt er: "Es ist ja nicht einfach, junge Leute dazu zu begeistern, unseren Sport zu betreiben." Er fand auch talentierte Männer, die sich begeistern ließen. Alexander Gassner, 27, fuhr am Sonntag ebenfalls Bahnrekord, die beiden anderen Starter am Wochenende, Axel Jungk, 25, und Christopher Grotheer, 24, schätzt der Bundestrainer ebenso stark ein: "Bei den Männern wollen wir wenigstens einen Podestplatz erreichen. Alle drei haben das drauf." Müller ist niemand, der unnötig tiefstapelt. Sorge bereiten ihm nur die Bedingungen. "Ich telefoniere schon zweimal mit dem Wettergott", sagt er. Denn "eine schöne glatte Bahn, kalte Temperaturen, kein Schnee, kein Matsch oder kein Regen" seien die Idealbedingungen. Ab Freitag soll es jedoch warm werden, es kündigt sich Regen über dem Königssee an.

Lölling sieht sich nach den letzten Materialabstimmungen am Donnerstag darauf vorbereitet: "Wenn es nicht läuft, liegt es an mir", sagt sie. Von zu hohen Erwartungen bei der Heim-WM lässt sie sich nicht einschüchtern: "Ich will einfach viermal so runterfahren, dass ich zufrieden bin", sagt sie. Denn sie weiß ja selbst: Wenn sie das schafft, steht sie im Normalfall ganz oben.

© SZ vom 24.02.2017
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