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Segeln - Volvo Ocean Race:Schippern in geheimer Mission

Das Volvo Ocean Race um den ganzen Erdball ist eines der härtesten Segelrennen der Welt. Doch die größte Gefahr für die Crewmitglieder sind nicht Wellen und Wind - sondern skrupellose Seeräuber. Deshalb entschied sich der Veranstalter zu einer ungewöhnlichen Aktion.

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Leg 3 Stage 2 Start - Volvo Ocean Race 2011-12

Quelle: Getty Images

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Das Volvo Ocean Race um den ganzen Erdball ist eines der härtesten Segelrennen der Welt. Doch die größte Gefahr für die Crewmitglieder sind nicht Wellen und Wind - sondern skrupellose Seeräuber. Deshalb entschied sich der Veranstalter zu einer ungewöhnlichen Aktion.

Von Jonas Beckenkamp

Neun Monate auf hoher See, sechs Teams auf millionenschweren Yachten, fünf Ozeane und eine Strecke rund um den Globus: Das Volvo Ocean Race ist eine der härtesten Segelregatten der Welt. Der Kurs führt die besten Profisegler in dieser Ausgabe des Rennens (gefahren wird alle drei Jahre) vom spanischen Alicante über Kapstadt, Dubai, China, Neuseeland, Brasilien, Florida und Portugal bis ins Ziel nach Galway in Irland. Auf insgesamt neun Etappen legen die Boote rund 45.000 Kilometer zurück - um am Ende pünktlich zu den Olympischen Spielen wieder nach Europa zu gelangen.

Nachdem die Segler auf der ersten Etappe um das Kap der Guten Hoffnung schippern mussten, ging es auf dem zweiten Teilabschnitt in Richtung Abu Dhabi entlang der afrikanischen Ostküste - und dort mitten rein in gefährliches Terrain.

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Besonders die Seegebiete vor Somalia und dem Südrand der Arabischen Halbinsel gelten als die schlimmsten Piratengründe des Erdballs. Zwar gibt es an Bord der Yachten nicht besonders viel zu holen, doch längst konzentrieren sich Seeräuber in ihren kleinen Schnellbooten nicht mehr auf Gold und Juwelen als Beute. Das größte Unheil droht in dieser Gegend durch Entführungen und Erpressungen.

"Bei den Piraten kann alles passieren. Entweder sie wollen nur Zigarretten oder eine Flasche Wasser abzocken oder sie fordern Lösegeld. Wenn sie den Namen eines bekannten Sponsoren auf den Booten erkennen, sehen sie uns vermutlich als lohnendes Ziel an," sagte Neal MacDonald vom spanischen Team Telefonica zu den Gefahren. Was nach einer Abenteuergeschichte von Jack London klingt, ist also tatsächlich Realität.

Leg 3 Stage 2 Start - Volvo Ocean Race 2011-12

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Aus diesem Grund haben sich die Organisatoren des Rennens etwas einfallen lassen, was beinahe aberwitzig erscheint: Zum ersten Mal in der 38-jährigen Geschichte des Volvo Ocean Race haben die Weltumsegler ein Teilstück einer Etappe nicht auf dem eigenen Kiel zurückgelegt. Die Veranstalter leiteten die Yachten an einen blinden Fleck mitten im Meer, einen geheimen Ort fernab aller Radarschirme und kappten die Live-Übertragung des Rennens im Netz. All das geschah, damit die Boote dort von einem Frachter verladen werden und einige hundert Seemeilen weiter nördlich wieder ausgesetzt werden konnten. Wo diese kuriosen Manöver stattfanden, durfte niemand wissen, um den Crews maximale Sicherheit zu garantieren.

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Was für manche Beobachter ein logistisch schwer nachvollziehbares Unterfangen ist, nahmen die mutigen Teilnehmer zähneknirschend hin - auch wenn der Sicherheitstransport in dem streng bewachten Spezialschiff einer Kapitulation vor den Piraten gleichkommt. Die bis zu 20 Meter langen und 14 Tonnen schweren High-Tech-Kähne wurden mit Hilfe von Krähnen aus dem Wasser gehoben und im Rumpf des Verladefrachters verstaut: Ein enormer Aufwand angesichts der extra installierten Hebekonstruktion an Bord des Ozeantransporters.

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Skipper Ken Read (im Bild) vom Team Puma Ocean Racing zeigte dennoch Verständnis: "Manchmal kommt die wirkliche Welt unserem kleinen Rennen in die Quere. Damit musst du klarkommen, auch wenn's völlig verrückt ist. So ist das Leben." Der Transportdampfer beförderte die Boote dann durch die haarige Zone in sichere Gewässer am Persischen Golf. Die Rennleitung hatte die "Happy Diamond", so der Name des Frachters, für den gefährlichen Weg zur Festung ausgebaut und unter anderem den Rumpf mit Stacheldraht umwickelt.

Das Verlade-Prozedere im Nirgendwo wiederholte sich in den vergangenen Tagen erneut, als der Rennpulk von Abu Dhabi wieder in Richtung Sanya an der chinesischen Südküste aufbrach. Dass die Vereinigten Arabischen Emirate ...

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... überhaupt als Zwischenstopp für eines der neun "In-Port-Races" (Hafenrennen) in Frage kamen und somit die Passage des Piratengebietes bedingten, ist umstritten. Ein Grund dürfte sein, dass mit dem Abu Dhabi Ocean Racing Team ausgerechnet ein Team aus dem Wüstenstaat am Start ist. Kritiker bemängeln, dass es dabei nur um die Erschließung neuer Werbemärkte ginge - ein Vorwurf, der plausibel erscheint, wenn man den offenen Worten des Volvo-Vorstandsvorsitzenden Stefan Jacoby in der Fachzeitschrift Yacht Glauben schenkt.

"Die globale Reichweite macht das Volvo Ocean Race zu einer fantastischen Plattform, um enge Kundenbeziehungen aufzubauen", so der Boss des Renn-Hauptsponsors in unverblühmtem Marketingsprech: "Das Race ist für uns eine extrem gute Investition, was Medienpräsenz, Markensichtbarkeit und Steigerung der Verkaufszahlen betrifft." Eine ähnliche Intention dürfte auch dazu geführt haben, dass mittlerweile zum zweiten Mal ein Etappen-Stopp in China erfolgt.

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An Bord der Boote sind die Segler unterdessen dem rauen Seeklima ausgesetzt - da bleibt mitunter keine Zeit für die morgendliche Rasur oder eine fesche Frisur. Der Neuseeländer Daryl Wislang und sein südafrikanischer Teamkollege Mike Pammenter (vorne) sind zwei der elf Crewmitglieder auf der Yacht des spanischen Schuhherstellers Camper.

Der Konzern heuerte für die Regatta das erfahrene Emirates Team New Zealand an - als Skipper fungiert bei den "Kiwis" der 42-jährige Chris Nicholson (ein Australier). Kurz vor der Passage der Straße von Malakka in Südostasien lagen die Neuseeländer zur Hälfte der dritten Etappe knapp hinter dem führenden Team Telefonica aus Spanien.

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Unter ihrem Chefsegler Iker Martinez hatten die Iberer von Norden kommend eine bessere Route gewählt und konnten sich so an ihrem härtesten Rivalen vorbeischieben. Der Baske Martinez und sein Kollege Xabier Fernandez wurden unlängst zu den Weltseglern des Jahres 2011 gewählt - ihre Auszeichnung konnten sie jedoch nicht persönlich entgegen nehmen, schließlich befanden sie sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf hoher See.

Über die tägliche Videobotschaft von Deck ließen sie jedoch übermitteln, dass sie "sehr glücklich" seien und den Preis "an Bord feiern" würden. Echte Seemänner eben. Martinez gilt derzeit als einer der stärksten Segler des Planeten - er muss aber auf eine pünktliche Ankunft in Irland im kommenden Sommer hoffen, denn er hat viel vor: Am 29. Juli beginnen im englischen Weymouth die Segel-Wettkämpfe der Olympischen Spiele 2012. Dort will der 34-Jährige seine zweite Goldmedaille in der kleinen 49er-Klasse holen.

Leg 3 -Stage 2 Start - Abu Dhabi To Sanya - Volvo Ocean Race 2011-2012

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Mitten im Rennen findet sich auch ein deutscher Segler. Sein Name: Michi Müller. Der Kieler heuerte vor vier Jahren bei Team Puma Ocean Racing an, dessen Crew sich aus Amerikanern, Neuseeländern und Australiern zusammensetzt. Müllers Job an Bord ist eher technischer Natur. Als Bugmann baumelt er zur Befestigung des Spinnakers vorne am Boot herum, trimmt die riesigen Segel und kümmert sich um Defekte an Bord - zudem ist der kräftige Absolvent eines Ingenieur-Studiums ein geübter Akrobat: Wenn es etwas am Mast zu reparieren gibt, klettert der 28-Jährige in schwindelerregende Höhe und löst das Problem.

Leg 3 Start - Volvo Ocean Race 2011-12

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Auf der anstrengenden Fahrt über die Weltmeere müssen die Segler einiges überstehen: Temperaturen von -15 Grad Celsius bis + 40 Grad Celsius, bis zu 20 Meter hohe Wellen und Windböen von bis zu 110 Stundenkilometer peitschen den Profis um die Ohren - und machen aus der Regatta ein wahres Abenteuer. Zudem verbringen die Teilnehmer auf manchen Etappen an die drei Wochen am Stück ohne Landgang, was die Strapazen sowohl zeitlich als auch räumlich vergrößert.

Nächster Stopp der Renn-Karawane ist die südchinesische Ferieninsel Sanya - falls in der ebenfalls als gefährlich eingeschätzten Straße von Malakka vor Indonesien nicht erneut Seeräuber den Weg der Segler kreuzen.

© Süddeutsche.de/jbe/jüsc

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