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Deutscher Schwimm-Verband:Das Ehrenamt grübelt noch

Olympiade 1988 in Seoul Michael Groß Deutschland jubelt nach seinem Sieg über 200m Delphin HM; Schwimmen, DSV

Stünde dem DSV weiterhin zur Verfügung: Michael Groß, hier nach seinem Sieg bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul über 200 Meter Schmetterling.

(Foto: Horstmüller/Imago)

Zerstört ein überforderter DSV-Vorstand noch vor Olympia die jüngsten Fortschritte im deutschen Schwimmen? Olympiasieger Michael Groß bietet weiter seine Hilfe an.

Von Claudio Catuogno

Michael Groß, der "Albatros", Olympiasieger von Los Angeles 1984 und Seoul 1988, spürt die Lähmung des deutschen Schwimmens jetzt auch in eigener Sache. Er wartet. Wie eigentlich alle. Auf Klarheit, wie es weitergehen soll.

In weniger als hundert Tagen beginnen, wenn sie denn stattfinden, die Olympischen Spiele in Tokio, kein guter Zeitpunkt für Stillstand und Ungewissheit. Aber der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) hat seine wichtigste Spitzensport-Personalie zurzeit nicht besetzt, das Amt des Direktors Leistungssport. Wer führt die Delegation der Schwimmer und Wasserspringer in Tokio an? Wer hält das Team zusammen und mit welcher Autorität? Wer stellt sich schützend vor die Athleten und Trainer, wenn es nicht vom ersten Tag an läuft? Alles unklar.

Gut, der neue DSV-Vorstand um den Freiburger Ex-Polizisten Marco Troll hat sich durchaus ein paar Gedanken dazu gemacht. Aber diese versetzen die Beteiligten erst recht in Alarmzustand.

Gleich nach Amtsantritt habe sich der neue Vorstand ein tiefes Loch gegraben, sagen Verbandsmitglieder. Bloß: Sieht das auch der Vorstand so?

Der Olympiasieger Groß, 56, der inzwischen daheim im Taunus als Unternehmensberater arbeitet, hat seine Hilfe angeboten - und tut das weiterhin. Unter anderem die Bundestrainer Hannes Vitense und Bernd Berkhahn hatten Groß in einem Brief an den Vorstand als Interimslösung vorgeschlagen, wobei der Begriff "Brief" nur die Form des Schreibens vom 5. April zutreffend beschreibt. Inhaltlich war es eher ein Hilferuf.

Tenor: Um nach den enttäuschenden Spielen 2012 und 2016 nun die "erstmals seit 12 Jahren zu erkennende Trendwende" nicht zu gefährden, brauche es "Ruhe und Vertrauen, in Verbindung mit einer zielorientierten, verlässlichen, kompetenten, professionellen und souveränen Führung". Subtext: Also das Gegenteil von dem, wie es bisher läuft, seit Troll, der Präsident des Badischen Schwimm-Verbands, zusammen mit drei Ehrenamtlichen aus Bayern (Harald Walter), Nordrhein-Westfalen (Claudia Boßmann) und Brandenburg (Wolfgang Rupieper) den Laden im November 2020 übernommen hat.

"Der DSV ist jetzt am Zug", sagt Groß. Irgendwie hat man ihn kurz vor Fristende noch auf die Tokio-Longlist manövriert, prophylaktisch

Zielorientiert, kompetent: Michael Groß traut sich die Aufgabe zu, und viele, die ihn kennen, offenbar auch. "Der DSV ist jetzt am Zug", sagt Groß, wenn man ihn am Telefon erreicht. Vor ein paar Tagen hat er sogar die Unterlagen bekommen, mit denen er sich für die Tokio-Spiele anmelden könnte; irgendwie hat man ihn kurz vor Fristende noch auf die Tokio-Longlist manövriert, prophylaktisch. Wobei nicht ganz klar ist, ob das nun auf Wunsch des DSV-Vorstands oder hinter dessen Rücken geschah.

Ja, man habe ein paar Mal über eine mögliche Zusammenarbeit gesprochen, bestätigt Groß. Details will er nicht preisgeben. Er wartet ja noch auf eine finale Rückmeldung.

Groß hatte schon vor Monaten eine Zusammenarbeit mit den Schwimmtrainern begonnen, es ging da um Wissensaustausch, Teambuilding, Führung. Er kann die handelnden Personen einschätzen - aber auch die Dringlichkeit. "Die Fortschritte der letzten Jahre sind ja für alle sichtbar", sagt er, "da ist etwas gewachsen, und es wäre verantwortungslos, das zu zerstören." Und, apropos zerstören, Groß sagt auch noch dies: "Ich hatte viele vergleichbare Mandate in den letzten Jahren. Aber dieser Auftrag wäre der erste, ein Problem zu lösen, das man bewusst vorher selbst geschaffen hat."

Das trifft die Lage gut auf den Punkt. Gleich nach ihrem Amtsantritt - so sehen es längst viele, die namentlich nicht genannt werden wollen - haben Troll, Boßmann, Walter und Rupieper ein tiefes Loch gegraben. Darin sitzen sie jetzt und haben keine Ahnung, wie sie wieder raus kommen sollen, während es draußen immerhin die olympische Kernsportart Schwimmen ist, die um ihre Strukturen bangt. Wobei noch hinzu kommt, dass kaum jemand, der mit den vier neuen DSV-Granden Kontakt hat, einzuschätzen vermag, ab sie das Loch, in dem sie sitzen, als solches eigentlich schon erkennen.

Also: Sind da schlicht überforderte Ehrenamtliche am Werk? Oder steckt dahinter ein anderer Plan - etwa der, Strukturen bewusst zu zerschlagen, um sich dann selbst als Sanierer zu inszenieren, verschweigend, dass es den Sanierungsfall ohne sie gar nicht gäbe?

Marco Troll

Marco Troll, 59, leitet seit acht Jahren den Badischen Schwimm-Verband. Seite Ende 2020 ist er auch Präsident des Deutschen Schwimm-Verbands. Anfragen an ihn bleiben inhaltlich unbeantwortet.

(Foto: Badischer Schwimm-Verband./dpa)

Das würde man Marco Troll gerne fragen, aber der teilt nur knapp mit, man solle sich an den Pressesprecher wenden, der könne einem "weiterhelfen". Zahlreiche Fragen der SZ - zum Brief der Bundestrainer, zu unabgestimmten Alleingängen des Vorstands, zur Finanzsituation des DSV - bleiben dann aber auch auf Nachfrage hin unbeantwortet.

Das Problem, das man "selbst geschaffen hat", wie Michael Groß es formuliert, sieht so aus: Die Stelle des Leistungssport-Direktors ist im DSV nur deshalb vakant, weil der Vorstand im Februar Thomas Kurschilgen fristlos gekündigt hat (wobei der DSV von einer "Freistellung" spricht und auf Nachfragen nicht reagiert). Kurschilgen soll Hinweisen einer Schwimmerin auf sexuellen Missbrauch durch einen Trainer nicht ausreichend nachgegangen sein; Kurschilgen allerdings kann recht lückenlos darlegen, dass er sich ans vorgegebene Protokoll hielt. Ist also ausgerechnet das sensible Thema des sexuellen Missbrauchs nur ein Vorwand? Hinweise darauf, dass das Quartett der Ehrenamtlichen den im Leistungssportbetrieb ziemlich mächtigen Kurschilgen loswerden will, gab es zumindest schon länger. Nun droht ein teurer Arbeitsgerichtsprozess.

Die Unruhe ist groß. Neben den Bundestrainern haben die Vorstände von fünf Landesverbänden einen Brandbrief geschrieben

Die Unruhe ist riesig, neben den Bundestrainern haben auch schon die Vorstände von fünf Landesverbänden einen Brandbrief an Troll geschrieben, in dem sie unter anderem diese Frage stellten: Wer haftet eigentlich, wenn das angerichtete Schlamassel den DSV am Ende in finanzielle Schieflage bringt? Auch so eine Frage, auf die es von Troll keine Antwort gibt.

Dass derzeit viel Geld fließt, bei unklarem Nutzen, liegt allerdings nahe: Erst kürzlich gab der DSV-Vorstand bekannt, dass die Unternehmensberatung Rosenbaum-Nagy für ihn ein Zukunftskonzept entwickelt. Deren Chef Michael Rosenbaum war es dann auch, der den ehemaligen Wasserball-Nationalspieler Dirk Klingenberg als Leistungssport-Chef installierte. Das hatte sich nach einem Tag aber wieder erledigt: Ein sieben Jahr alter Zeitungsbericht, in dem Klingenberg mit anderen Wasserballern neben Prostituierten posierte, passte dann doch nicht so gut in die Zeit. Mehrmals baten die Bundestrainer danach um eine Videoschalte, um zu besprechen, wie es nun weitergeht. Aber der Vorstand hatte leider keine Zeit.

Und nun also Michael Groß? Zumindest kann Groß sehr genau sagen, was er vorhätte. Erste Säule: Tokio. "Der Mannschaft und den Trainern vor Ort den Rücken stärken, die Fokussierung aufrecht erhalten." Zweite Säule: Wiederaufbau. Denn nicht nur das Schwimmen, den Wassersport insgesamt, "hat Corona härter getroffen als andere Sportarten", sagt er. "Weite Teile des Trainings- und Wettkampfbetriebs, vor allem in der Breite, liegen brach. Da geht es darum, das alles schnell wieder in Gang zu bringen und die Schäden, vor allem auch im Nachwuchsbereich zu minimieren." Und schließlich: eine präzise Analyse nach Tokio. "Da geht es darum, die Strategie und Struktur zu aktualisieren, das Personal einzubinden. Danach würde meine Interims-Tätigkeit enden und ich würde die Arbeit dem zukünftigen Direktor Leistungssport übergeben."

In Berlin, wo am kommenden Wochenende die deutschen Schwimmer inmitten der unklaren Lage ins große Finale ihrer Olympiaqualifikation starten, saß am Donnerstag der Teamchef Bernd Berkhahn in einer virtuellen Pressekonferenz und warb erneut für Michael Groß: "Natürlich wünschte ich mir, dass wir einen starken Direktor Leistungssport hier hätten", sagte Berkhahn, "das beeinflusst natürlich auch meine Arbeit - ganz klar, gar keine Frage."

Der DSV-Vorstand kreißt allerdings noch, wie üblich ohne Rücksprache mit all jenen, die es betrifft. Einen Groß wird er tendenziell nicht gebären. Stattdessen machte am Donnerstag ein Gerücht die Runde: Es könne doch auch Vizepräsident Walter die Delegation nach Tokio führen. Tokio ist ja immer eine Reise wert.

© SZ/sjo/ebc
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