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Schottischer Fußball:Rangers bolzen sich zurück ins Licht

Scottish Cup - Rangers vs Celtic

Kenny Miller (M.) schoss die Rangers gegen Celtic mit 1:0 in Front.

(Foto: dpa)

Ein Sieg gegen Celtic und schon sind all die quälenden Jahre vergessen: Die Glasgow Rangers sind wieder wer - ihr anarchischer Fußball sollte ein Vorbild für alle sein.

Am Ende einer sich episch anfühlenden Jubelarie warfen die Anhänger der Glasgow Rangers ihrer Mannschaft von der Tribüne aus Fan-Utensilien zu. Schals, Trikots und Mützen landeten vor den Füßen der Spieler, einige Profis hoben die Gegenstände auf und nahmen sie als Souvenirs mit. Von den Rängen erklang der Sprechgesang: Oh Rangers, we love you.

Es war der angemessene Abschluss des 401. Old Firm, des Glasgower Derbys, das selbst einen Veteranen wie Kenny Miller, 36, aus der Fassung brachte. "Ich bin den Tränen nahe. Das ist der emotionalste Sieg meiner Karriere", sagte der Angreifer der Rangers, der das Derby bereits mehrmals (und von beiden Seiten) erlebt hat.

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Nur Miller und Mo Johnston ist es nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen, sowohl für die Rangers als auch für Celtic ein Tor zu schießen. In diesem Halbfinale des schottischen Pokals traf er nun erneut, aber ins Zentrum rückte Rangers-Keeper Wes Foderingham, der im Elfmeterschießen dafür sorgte, dass die Rangers 7:6 (2:2, 1:1) gewannen. Dieser Halbfinal-Triumph über den Stadtrivalen Celtic läutet nun endgültig die sportliche Renaissance des Rekordmeisters ein - nachdem die Rangers den Aufstieg in die Scottish Premier League gerade erst gesichert hatten.

Es war ein langer, kurzer Weg zurück. Vor vier Jahren mussten die Rangers Insolvenz anmelden und in die vierte Spielklasse zwangsabsteigen. Die Schulden von damals sind allerdings bis heute nicht beglichen, im Gegenteil, es kommen weitere hinzu: Die letzte Bilanz weist ein Minus von ungefähr zehn Millionen Euro aus.

Im Stadtkern wirbt Glasgow auf pinken Plakaten mit dem Text: "People make Glasgow". Etwa 600 000 Einwohner leben in der Arbeitermetropole - diese Menschen sind es, die mit ihrem Enthusiasmus die Klubs Rangers und Celtic repräsentieren. Während der Partie erschien auf den Videowänden des Hampden Park mehrmals die Aufforderung der Polizei, die 50 069 Zuschauer mögen sich aus Sicherheitsgründen doch bitte hinsetzen.

Abgesehen vom Ehrengastbereich verfolgten sie die Partie aber alle im Stehen. "Die Fans lassen einen schon beim Aufwärmen spüren, dass sie für einen da sind", sagte Miller. Als Gegenleistung bekamen die Menschen vier Treffer, 19 Ecken und 32 Torschüsse zu sehen.

Der schottische Fußball hat lange darunter gelitten, dass seine beiden Vorzeigeklubs bei der Zusammenstellung ihrer Kader den heimischen Markt weitgehend mieden. Sie haben gerne Profis aus dem Ausland verpflichtet, so dass die schottischen Profis zu selten auf hohem Niveau wetteifern durften. Folgerichtig hat sich die schottische Nationalelf seit der WM 1998 für kein Großereignis mehr qualifiziert.

Rangers und Celtic boten Fußball in Reinform

Nun aber tauchen die einheimischen Talente, die jahrelang im Verborgenen blieben, plötzlich wieder an der Oberfläche auf. Im Pokal-Halbfinale standen zwölf Schotten in den Startformationen - aus Überzeugung, aber auch, weil die ausländischen Ligen finanziell inzwischen weit entfernt sind. Mit jenen 3,5 Millionen Euro, die Celtic in dieser Saison aus der Fernsehvermarktung einkalkulieren kann, lassen sich Spieler aus Mitteleuropa kaum noch überzeugen, nach Glasgow zu wechseln.

Immerhin hat sich die neue Generation schottischer Talente vom Spielstil ihrer Vorfahren emanzipiert, ohne deren Ideale aufzugeben. Sie setzen weiter jedem Ball nach, jeder Zweikampf ist eine körperliche Auseinandersetzung mit maximaler Intensität. Trotzdem finden in den Angriffsreihen kleine, dribbelstarke Spieler ihren Platz, der körperlich robuste, aber unbewegliche Stoßstürmer ist fast abgeschafft.

So wie Kinder das auf dem Bolzplatz tun

Das Glasgower Pokal-Derby hat die Basistugenden des Spiels wieder zum Leben erweckt, jene Tugenden, die bei europäischen Spitzenvereinen zunehmend verschwinden. Den Jugendabteilungen großer internationaler Klubs würde es nicht schaden, sich einmal Sequenzen dieser Partie anzusehen. Rangers und Celtic boten Fußball in Reinform, frei von strategischen Hintergedanken griffen sie an, so wie Kinder das auf dem Bolzplatz tun.

In 120 Spielminuten gab es keine Verletzungsunterbrechung. Einmal prallte Rangers-Kapitän Lee Wallace mit dem Kopf an die Schulter seines Gegenspielers, leicht benommen kniete er am Boden. Die Zuschauer pfiffen ihn so lange aus, bis er ohne Behandlung wieder aufstand. Zeitspiel ist in Schottland verhasst, über allem steht die Einhaltung der Fairness. Trainer und Spieler erlauben sich nicht, Entscheidungen des Schiedsrichters wild gestikulierend zu kommentieren. Nach einem Freistoßpfiff blockiert niemand den Ball.

Diese Werte könnten neben Celtic nun auch wieder die Rangers über ihr Land hinaus transportieren. In einem Monat treffen sie im Pokalfinale auf Hibernian Edinburgh, der Sieger nimmt an der Qualifikation zur Europa League teil.