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SC Paderborn:"In Großaspach hörst du jeden"

FC Schalke 04 - SC Paderborn

In 34 Erstliga-Spielen war Lukas Kruse beteiligt - bald aber könnte er in die Viertklassigkeit abstürzen.

(Foto: Jonas Güttler/dpa)

Vor zwei Jahren spielte Paderborn noch vor 80.000 Zuschauern in Dortmund - nun droht dem Klub der dritte Abstieg in Serie.

Der Torwart Lukas Kruse war auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als er vor zwei Jahren in einem Interview sagte: "Ich brauche das Rampenlicht nicht." Das Schicksal meinte es damals gerade gut mit ihm. Es hatte ihn mit dem SC Paderborn unverhofft in die Bundesliga geführt, in die schönsten Stadien mit den meisten Zuschauern. Lukas Kruse hatte noch nie so viel Geld verdient. Er war eingelassen worden ins Fußball-Paradies. Und er wagte, es anzuzweifeln.

Heute spielt Kruse mit dem SC Paderborn nur noch in der dritten Liga. Am Samstag geht die Saison mit einem Heimspiel gegen den MSV Duisburg weiter. Die Paderborner haben zu kämpfen, um nicht ein drittes Mal in Serie abzusteigen. Das Paradies ist nur noch eine vage Erinnerung. Aber Kruse hadert nicht mit dem Schicksal. "Es war mal ganz schön, in der Bundesliga zu spielen, das will ich nicht bestreiten", sagt der 33-Jährige. "Aber das mit dem Rampenlicht würde ich heute wieder so sagen - ich brauche keine Superlative."

Einer der spektakulärsten Tage war Effenbergs Dienstantritt

Im September 2014 hat Kruse mit dem SC Paderborn als Bundesliga-Tabellenführer beim FC Bayern gastiert - gut zwei Jahre später spielte er als Drittletzter der dritten Liga auswärts bei Preußen Münster. Im April 2015 hat er vor 80 667 Zuschauern in Dortmund gespielt - eineinhalb Jahre später gastierte er vor 1300 Zuschauern in Großaspach. Es gibt gerade keinen anderen Profi, der mit demselben Verein binnen zwei Jahren derartige Kontraste erlebt hat, und der die Kontraste des deutschen Profifußballs derart detailliert auslotet. "In Dortmund spielst du in einer Art Rausch, da ist es so laut, dass du dein eigenes Wort nicht verstehst - in Großaspach hörst du jeden einzelnen gegnerischen Fan schreien", sagt er. "In der Bundesliga spielst du in jedem Stadion auf nahezu perfektem Rasen - aber in Lotte zum Beispiel ist der Boden schon speziell." In der Bundesliga, sagt Kruse, seien die Rahmenbedingungen halt viel angenehmer.

Doch die Mächte haben sich verschworen. So wurde Kruses sukzessive Vertreibung aus dem Paradies in der zweiten Liga fünf Monate lang von Stefan Effenberg begleitet. Das Trainerdebüt des einst so erfolgreichen Profis erschütterte die ostwestfälische Fußballwelt in jeder Hinsicht. Nie zuvor hatten mehrere Tausend Menschen bei einer Trainingseinheit zugeschaut. Effenbergs Dienstantritt im Oktober 2015 war einer der spektakulärsten Tage in der Geschichte des SC Paderborn. "Er hat in den Augen vieler die große Fußballwelt ins kleine Paderborn geholt", sagt Kruse, "aber letztlich war diese Zeit eine Enttäuschung." Effenberg wurde wieder entlassen, der Klub stieg später trotzdem ab.

Kruse, in Paderborn geboren, reflektiert den Niedergang seines Heimatklubs eher sachlich als emotional. "Ich bin halt Westfale", sagt er. Entsprechend nüchtern erinnert er sich auch an jenen Septemberabend als Tabellenführer beim Gastspiel in München, an die Auswärtspartie in der Dortmunder Fußball-Oper oder an ein 1:1 in Wolfsburg, als er nach einer überragenden Leistung vom kicker in die "Elf des Tages" gewählt wurde. Sein Trikot von damals hat er behalten, genauso wie das vom ersten Bundesligaspiel gegen Mainz. Ansonsten legt er weder Wert auf Erinnerungsstücke noch auf Wehmut. "Irgendwann, wenn meine Karriere mal zu Ende ist, denke ich sicher gern an die Bundesliga zurück - aber im Moment habe ich überhaupt keine Zeit, mir Gedanken zu machen, wo man mal war."

Wenn Kruse über den dramatischen Niedergang seines Klubs spricht, über die vergebene Chance durch die Bundesliga-Zugehörigkeit und über das Auseinanderbrechen der Mannschaft in zwei Etappen nach den Abstiegen 2015 und 2016, regt sich aber doch ein bisschen Wut in ihm. "Es ist einfach schade, weil hier so viel entstanden war", sagt er. "Und es ist aberwitzig: Jetzt, wo wir in unserem neuen Trainingszentrum Bedingungen haben wie noch nie, da spielen wir nur noch dritte Liga."

Jahrelang hatte sich der SC Paderborn in der zweiten Liga etabliert und mit dem Trainer André Breitenreiter 2014 überraschend den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Erst am letzten Spieltag stieg man durch ein 1:2 gegen Stuttgart wieder ab. Der Trainer ging, einige der wichtigsten Spieler auch. Aber statt sich dann auf die zweite Liga einzulassen "und Demut zu zeigen", wie Kruse es formuliert, wollte Paderborn zurück in die Bundesliga. Das hatte schwerwiegende Folgen. Erstens: Die Spieler, die den Absprung aus Paderborn nicht geschafft hatten, waren deprimiert, die meisten von ihnen wollten eigentlich gar nicht mehr dort spielen. Und zweitens: Nach einer missratenen Phase unter dem Trainer Markus Gellhaus engagierten der damalige Sportchef Michael Born und der Präsident Wilfried Finke stolz den Debütanten Effenberg. Am Ende schimpfte sogar der Präsident auf ihn.

Während Effenberg seit zehn Monaten wieder fort ist, kämpft Paderborn um den Verbleib in der dritten Liga. Kruse und Marc Vucinovic sind die letzten beiden Spieler, die aus dem Bundesliga-Kader übrig blieben. Wie Saisonarbeiter zum Spargelstechen waren die Profis damals nach Paderborn gekommen, aber sie waren für die Bundesliga hergezogen, nicht des Klubs wegen oder der Stadt. Auch deshalb wiegen heute die Sorgen um die Zukunft viel schwerer als jede schöne Erinnerung. Kruse stürzt mit dem SC seit zwei Jahren von einem Malheur ins nächste. "Steigt Paderborn in die vierte Liga ab", sagt er, "fürchte ich, hat Profifußball hier kaum eine Zukunft."