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SC Freiburg:Die Spaßverderber

Fussball Bundesliga - 19/20 - SC Freiburg vs. RB Leipzig - 26-10-2019 Torjubel zum 2:0 durch Nils Petersen (SC Freiburg

17 Punkte gesammelt - und zwar gegen den Abstieg: Nils Petersen (links) und der SC Freiburg.

(Foto: G. Hubbs/imago)

Intelligentes Verteidigen und eine Prise Glück: Bei den Freiburger Höhenfliegern wächst das Selbstwertgefühl, ein Heimsieg gegen RB Leipzig gilt bereits als normal.

Nils Petersen beendete seine Spielanalyse mit einem interessanten Nachsatz: "Den Sieg gegen Leipzig haben uns nicht viele zugetraut", sagte der Freiburger Stürmer - und er schob nach: "Wir uns schon!" Selbstbewusstsein haben sie also, die derzeitigen Tabellen-Höhenflieger des SC Freiburg, die sonst in der Regel eher pikiert reagieren, wenn man ihnen unterstellt, dass sie in einer Spielzeit zu Höherem berufen sein könnten als bloß zum Klassenerhalt. Deshalb haben sie derzeit ja nach offizieller Lesart und neun Spielen auch nur 17 Punkte gegen den Abstieg beisammen - und sind "natürlich keine Spitzenmannschaft" (Zitat Petersen). Doch auch aus den letzten beiden Heimspielen haben die Freiburger vier Punkte geholt - was keine so erstaunliche Bestandsaufnahme wäre, wenn die Gegner dabei nicht Borussia Dortmund und RB Leipzig geheißen hätten. Also zwei Spitzenmannschaften, die sich selbst als solche sehen.

Gegen den Champions-League-Anwärter Leipzig war beim Freiburger Sieg nach Toren von Nicolas Höfler (45.+3) und Petersen (90.+1) allerdings auch einiges Glück im Spiel, denn Leipzig dominierte den ersten Durchgang doch sehr deutlich. Zwölf mehr oder minder gefährliche Abschlüsse hatten die Gäste in den ersten 45 Minuten, 60 Prozent Ballbesitz waren bei Abpfiff für RB verzeichnet. Und doch schaffte es Freiburg, sich nach dem glücklichen Führungstor im zweiten Durchgang den Heimsieg auch zu verdienen. Hatte man im ersten Durchgang noch ebenso konsequent wie intelligent verteidigt, gab es danach auch schöne Kombinationen des SC zu sehen, ohne dass dabei die Konzentration in der eigenen Defensive nachgelassen hätte.

Und weil Leipzig nach dem starken ersten Abschnitt kraftlos bis wurstig weitermachte, ging die Rechnung für die Freiburger auch ganz gut auf. Zumal der zweite Treffer in der Nachspielzeit wie gemalt war, um zu illustrieren, was das Freiburger Offensivspiel im Augenblick auszeichnet: Der Pass von Vincenzo Grifo in den eigentlich freien Raum wurde zur zentimetergenauen Vorlage, weil Torschütze Petersen schon losgelaufen war, bevor der Ball Grifos Fuß verlassen hatte.

"Der Druck auf den Mann im schwarzen Hoodie wird nicht weniger", sagt Julian Nagelsmann

Es herrschte also mal wieder blindes Verständnis zwischen den beiden Freiburger Offensiv-Promis, die im Übrigen mal wieder zu Beginn der Partie beide noch auf der Bank gesessen hatten. Ohne zu murren, wie sich das nach Ansicht ihres Trainers Christian Streich auch gehört.

Dass der SC auch gegen die offensivwütigen Leipziger erst in der Nachspielzeit den Gegentreffer zum 2:1 kassierte, passt in die Erzählung dieser Saison, in der Freiburg bislang erst zehn Gegentore kassiert hat. Das Streich-Team lässt weniger Torchancen als in den vergangenen Jahren zu, weil auch die Spieler in Mittelfeld und Angriff wie die Berserker nach hinten arbeiten. Und weil in der Innenverteidigung derzeit eine Qualität herrscht, die bei Freiburger Mannschaften in den vergangenen Jahrzehnten selten zu beobachten war.

Philipp Lienhart, Robin Koch und Dominique Heintz sind individuell stark und ergänzen sich in der Abwehrkette prima. Wer sah, wie Robin Koch seinen ehemaligen Kaiserslautern-Kollegen Willi Orban in letzter Sekunde am Torschuss hinderte, versteht gut, warum der Sohn von "Vokuhila"-Fußballerlegende Harry Koch sich neuerdings Nationalspieler nennen darf. "Uns macht es im Moment einfach Spaß zu verteidigen", sagte Petersen, "und wir kriegen das auch ganz gut hin." Dementsprechend frustriert kämen ihm manchmal die Gegner vor: "Das macht gegen uns im Moment manchmal nicht so viel Spaß."

Ähnlich sahen es nach dem Spiel auch die Leipziger Verlierer, die in der Champions League gerade 2:1 gegen Zenit St. Petersburg gewonnen hatten und am Samstag ähnlich schlechte Laune hatten wie ihr offenherziger Trainer: "Wir müssen einfach öfter und schneller in den Sechzehner kommen", sagte Leipzigs Coach Julian Nagelsmann, der erstaunlich hart mit seinem Team und der Tabellensituation ins Gericht ging: "In der Champions League sieht es ganz gut aus, aber in der Liga ist der Druck auch auf den Mann im schwarzen Hoodie nicht weniger geworden", sagte Nagelsmann, der Mann im schwarzen Hoodie, der dabei offenbar selbst ein bisschen über sich erschrak: "Krass, dass das ein Trainer so sagt, oder?"

© SZ vom 28.10.2019

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