Saisonstart im Handball:Maulkorb für alle

Die Bundesliga debattiert über eine kuriose Regeländerung, Aron Pálmarsson könnte Kiels stärkste Waffe im Titel-Duell mit Meister HSV Hamburg werden, die Rhein-Neckar Löwen bleiben der tragischste Klub der Liga: zehn Dinge, die Sie vor dem Start der neuen Handball-Saison wissen sollten.

Carsten Eberts

10 Bilder

HANDBALL-WORLD2007-EGY-CZE

Quelle: AFP

1 / 10

Die Bundesliga debattiert über eine kuriose Regeländerung, Aron Pálmarsson könnte Kiels stärkste Waffe im Titel-Duell mit Meister HSV Hamburg werden, die Rhein-Neckar Löwen bleiben der tragischste Klub der Liga: zehn Dinge, die Sie vor dem Start der neuen Handball-Saison wissen sollten.

Von Carsten Eberts

Es ist schon eine seltsame Geschichte: Gerade im Handball, wo Schiedsrichter mehr Macht haben als in jeder anderen Sportart, hat die Bundesliga (HBL) neue Durchführungsbestimmungen erlassen: Spielern und Offiziellen ist es fortan verboten, sich bis 48 Stunden nach einem Spiel zur Leistung der Referees zu äußern. Im Basketball wird dies ähnlich praktiziert - die Liga erhofft sich dadurch weniger emotionsgesteuerte Kritik nach einer Partie. Das Kuriose daran: Die Regelung gilt nur für Akteure, die direkt am Spiel beteiligt sind. Spielt also der THW Kiel gegen den HSV Hamburg, darf sich Füchse-Manager Bob Hanning (der nebenbei auch TV-Experte ist) genüsslich über die Schiedsrichterleistungen auslassen. Egal, was Hanning sagt: Die Offiziellen von Kiel und Hamburg können ihm nicht mal widersprechen. Das passt - vorsichtig formuliert - nicht jedem.

Handball-WM Spanien - Deutschland

Quelle: dpa

2 / 10

Einen "Gesichtswechsel" vollzieht die SG Flensburg-Handewitt, so formuliert es Geschäftsführer Holger Kaiser. Jahrelang galt Flensburg als erste Filiale für dänische Nationalspieler: Lars Christiansen spielte hier, auch Lars Krogh Jeppesen oder Joachim Boldsen, aktuell stehen mit Søren Rasmussen, Anders Eggert, Thomas Mogensen, Lasse Svan Hansen und Michael Knudsen erneut fünf Dänen im Kader. Und nun? Plötzlich holt die SG deutsche Spieler, gleich drei, darunter mit Lars Kaufmann (aus Göppingen) und Holger Glandorf (im Bild, aus Lemgo) zwei aktuelle Nationalspieler. Das gab es noch nie. "Wir werden künftig ein deutsch-dänisches Gesicht haben", sagt Kaiser mit Blick auf die kommende Saison. Nicht wenige glauben: Es könnte ein recht erfolgreiches Gesicht werden.

THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt (Sonntag, 4. September, 17.30 Uhr)

HSV Hamburg v TV Grosswallstadt - Toyota HBL

Quelle: Bongarts/Getty Images

3 / 10

Die Zeiten, in denen der TV Großwallstadt um die deutsche Meisterschaft mitspielte, sind längst vorbei. In dieser Spielzeit dürfte sich Bayerns einziger Erstligist noch ein Stückchen weiter von solchen Zielen entfernen. Denn Großwallstadt muss sparen, setzt vehement auf die Jugend. Das gleicht einem Experiment: Trainer Peter David (im Bild) hat nur noch eine erfahrene erste Sieben zur Verfügung - dahinter wurde der Kader mit Jugendspielern aufgefüllt. Kann das gutgehen? "Das erste Saisonziel ist es, uns in der Tabelle nach hinten abzusichern", verkündet David deshalb vorsichtig. Nicht wenige fürchten: Ereilt den TVG das Verletzungspech erneut so vehement wie in der vergangenen Spielzeit, droht dem siebenmaligen Meister tatsächlich der Abstiegskampf.

TV Großwallstadt - Rhein-Neckar Löwen (Mittwoch, 7. September, 20.15 Uhr)

HSV Hamburg v VfL Gummersbach - Toyota HBL

Quelle: Bongarts/Getty Images

4 / 10

Gerade hat die Bundesliga eine finanziell höchst schwierige Spielzeit hinter sich: Der DHC Rheinland ging noch während der Saison in die Insolvenz, ein ähnliches Szenario konnte beim VfL Gummersbach nur knapp vermieden werden. Da überraschen folgende Zahlen doch ein wenig: Mit insgesamt 73,65 Millionen Euro* gehen die Bundesligisten mit einem Rekordetat in die neue Saison. Krösus ist weiter der THW Kiel (9,5 Millionen Euro), gefolgt vom HSV Hamburg (9,0 Millionen) und den Rhein-Neckar Löwen (geschätzte 7,5 Millionen). Am Ende der Tabelle stehen erwartungsgemäß die drei Aufsteiger: Bergischer HC (2,0 Millionen), Eintracht Hildesheim (geschätzte 1,8 Millionen) und TV Hüttenberg (0,95 Millionen).

*Alle Zahlen: dpa

HSV Hamburg v THW Kiel - Handball Supercup 2011

Quelle: Bongarts/Getty Images

5 / 10

Wie gut der THW Kiel trotz seiner beinahe historischen Vize-Meisterschaft in dieser Saison besetzt ist, zeigten die ersten Spielminuten beim Supercup gegen den HSV Hamburg. Da wirbelten die Kieler den Deutschen Meister nieder, im Rückraum spielte Trainer Alfred Gislason mit Daniel Narcisse, Momir Ilic und Kim Andersson. Erst dann, nach einer guten Viertelstunde, brachte er Aron Pálmarsson: Der schmächtige Isländer ist längst auf dem Weg, ein stilprägender Mittelmann der Liga zu werden, vielleicht der überragende Akteur der Saison. Pálmarsson, gerade 20, spielt klug und rasant, hat einen der schnellsten ersten Schritte der Liga, federt sich elegant durch die viel wuchtigeren Abwehrspieler. "Er ist ein Riesenspieler, der in den kommenden Jahren noch besser werden wird", sagt sein Kapitän Marcus Ahlm. Mit dieser Meinung steht Ahlm nicht alleine.

THW Kiel - SG Flensburg-Handewitt (Sonntag, 4. September, 17.30 Uhr)

HSV Hamburg - THW Kiel

Quelle: dapd

6 / 10

An den Gedanken müssen sich deutsche Handballgucker erst noch gewöhnen: Thierry Omeyer, der formidable Torwart des THW Kiel, wird bald nicht mehr Keeper des Rekordmeisters sein. Der Vertrag des Franzosen endet zwar erst 2013 - doch Omeyer (in der Bildmitte) hat von seinem früheren Klub HB Montpellier ein lukratives Angebot erhalten und will nicht in Kiel verlängern. "Der Verein respektiert seinen Wunsch", sagt THW-Geschäftsführer Klaus Elwardt. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich beide Parteien auf eine frühere Vertragsauflösung einigen, zumal die Kieler dann noch etwas Geld bekommen würden. Klar ist jedoch: Ab sofort ist der THW auf der Suche nach einem neuen Spitzentorwart. Wenn auch erst für 2012 oder 2013.

DHB-Supercup - HSV Hamburg - THW Kiel

Quelle: dpa

7 / 10

Nach dem Supercup in München hatte der Deutsche Meister nicht gerade wenige Sorgen. Mit drei Rechtshändern musste HSV-Trainer Per Carlén (rechts im Bild) im Rückraum antreten, da sein Sohn Oscar (Reha nach Kreuzbandriss) und Marcin Lijewski (Knöchelverletzung) wohl auch zum Saisonstart ausfallen werden. Das ist keine optimale Situation - der HSV Hamburg hat damit eindeutig mehr Probleme als zum Start der vergangenen Saison, als Hamburg auch vom großen Kieler Verletzungspech profitierte. "Uns fehlen vielleicht noch zehn Prozent", sagte Trainer Carlén nach dem Supercup gegen Kiel. Genau jene zehn Prozent werden jedoch den Ausschlag geben, ob Hamburg den THW tatsächlich ein zweites Mal hinter sich lassen kann.

HSV Hamburg - TuS N-Lübbecke (Samstag, 3. September, 20.15 Uhr)

Rhein-Neckar-Löwen - Montpellier HB

Quelle: dpa

8 / 10

Erst im vergangenen Jahr wurden die Rhein-Neckar Löwen vom Schicksal getroffen, als der Pole Karol Bielecki nach einem Foul auf dem linken Auge erblindete. Bielecki kämpfte sich zwar zurück, spielt mittlerweile auf faszinierende Art, die ihm nach seinem Unfall kaum ein Arzt zugetraut hätte. Nun hat das Schicksal den Klub zum zweiten Mal ereilt: Bei Bjarte Myrhol, dem Kreisläufer aus Norwegen, wurde vor wenigen Wochen ein Hodentumor diagnostiziert. "Natürlich war die Nachricht am Anfang ein Schock. Aber nun bin ich ganz ruhig. Ich weiß, dass ich sehr gute Chancen habe, wieder ganz gesund zu werden", sagte Myrhol (rechts im Bild). Er wurde bereits operiert - und bereitet sich fortan auf seine Rückkehr vor. "Wir haben bewusst auf Neuverpflichtungen verzichtet, weil überhaupt nicht absehbar ist, wann er wieder zur Mannschaft stößt", erklärte Manager Torsten Storm. Es wäre das zweite unglaubliche Comeback bei den Löwen binnen weniger Monate.

HSV Hamburg - BM Ciudad Real

Quelle: dpa

9 / 10

Wenn es darum geht, welche Mannschaft in den Titel-Zweikampf zwischen Kiel und Hamburg eingreifen kann, werden zuvorderst die Rhein-Neckar Löwen genannt. Allerdings erscheint ein solcher Coup in dieser Saison noch ein wenig unwahrscheinlicher: Die Mannheimer vollziehen den neuerlichen Umbruch. Weil Geldgeber Jesper Nielsen sich einen Jugendtraum erfüllen und in Kopenhagen ein zweites Topteam aufbauen will, verließen in Olafur Stefansson und Gudjon Valur Sigurdsson zwei Topleute den Klub. Außerdem plagen die Löwen große Verletzungssorgen. Neben Bjarte Myrhol wird auch Rechtsaußen Ivan Cupic (Schulterblessur) mehrere Monate fehlen. "Diese Ausfälle schwächen uns und darüber mache ich mir viele Gedanken. Die Situation ist fraglos schwierig", sagte Trainer Gudmundur Gudmundsson. Freude bereitet ihm einzig der Transfer von  Krzysztof Lijewski (links Im Bild) vom HSV Hamburg: "Einen stärkeren Mann als ihn hätten wir wirklich nicht bekommen können."

TV Großwallstadt - Rhein-Neckar Löwen (Mittwoch, 7. September, 20.15 Uhr)

TV Hüttenberg Handball

Quelle: imago sportfotodienst

10 / 10

Chancenloser Aufsteiger

Kleinste Halle, kleinster Etat, größter Underdog: Der TV Hüttenberg darf sich getrost auf ein aufregendes Jahr in der Bundesliga einstellen - auf mehr jedoch höchstwahrscheinlich nicht. So ist das Städtchen Hüttenberg in Deutschland eher für seinen Hartkäse bekannt, als für erfolgreichen Handball, auch wenn der Klub vor 26 Jahren schon einmal in der ersten Liga spielte. "Wenn mir einer bei meinem Amtsantritt von sechs Jahren prophezeit hätte, dass ich eine Erstligasaison beim TVH eröffne, den hätte ich für verrückt erklärt", sagt Trainer Jan Gorr, der selbst erst 33 Jahre alt ist: "Aber jetzt werden wir alles versuchen, um das Wunder zu vollbringen." Das Wunder hieße: Klassenerhalt. Der TV Hüttenberg darf nun neun Monate lang kämpfen. Und träumen.

MT Melsungen - TV Hüttenberg (Sonntag, 4. September, 17.30 Uhr)

© sueddeutsche.de/ebc/luk
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema