Rugby Wird Rugby in Deutschland doch noch populär?

Die deutsche Rugby-Auswahl gegen Belgien bei den Europe Championship im März 2017, mit Jacobus Otto (2.v.r.)

(Foto: )
  • Deutschland war noch nie bei einer Rugby-WM dabei und kommt nun zu der Chance, doch noch bei der WM in Japan in einem Jahr dabei zu sein.
  • Die deutsche Auswahl profitiert davon, dass der Weltverband Belgien, Rumänien und Spanien zurückstufte. Deren Verbände hatten in der Qualifikation angeblich nicht gemeldete Spieler eingesetzt.
  • Für den Startplatz müsste das Team ein Turnier in Marseille gewinnen, am Sonntag ist das erste Spiel gegen Hongkong (15.55 Uhr)
Von Tobias Schächter

Sean Armstrong lächelt verschmitzt. "Dass wir nach diesem Jahr doch noch die Chance auf die WM-Teilnahme haben, ist schon kurios", sagt er. Noch nie hat Deutschland an einer Rugby-Weltmeisterschaft teilgenommen und vor zwölf Monaten schien es so, als wäre auch der nächste Anlauf gescheitert. Doch nun ist aufgrund kurioser Entwicklungen die Hoffnung plötzlich zurück und Armstrong weiß: "So eine Chance kommt so schnell nicht wieder."

Der November ist im Weltrugby der Monat der großen Testmatches. So forderte diesen Samstag in Twickenham vor 80 000 Zuschauern unter anderem England den Weltmeister aus Neuseeland heraus, die Gäste gewannen 16:15. Doch im Schatten der großen Spiele kämpft ab diesem Wochenende in Marseille die deutsche Rugby-Auswahl um den letzten noch freien Platz für die WM im kommenden Jahr in Japan. Am Sonntag trifft Deutschlands 15 auf Hongkong, eine Woche darauf auf Kanada und zum Abschluss auf Kenia. Armstrong, 31, hat zuletzt die Entwicklung im deutschen Rugby mitgeprägt. 2007 war er aus Brisbane für eine Probetour für drei Monate nach Deutschland gekommen und ist in Heidelberg geblieben, auch der Liebe wegen. Viele Jahre spielte er als Kapitän der deutschen Auswahl, nun sagt er: "Dieses Turnier ist der Höhepunkt, wir wollen unbedingt den maximalen Erfolg."

Die Chance bekam die DRV-Auswahl nur, weil der Weltverband Belgien, Rumänien und Spanien zurückstufte. Deren Verbände hatten in der Qualifikation angeblich nicht gemeldete Spieler eingesetzt. Deutschland durfte deshalb K.o.-Spiele gegen Samoa bestreiten - verlor aber Hin- und Rückspiel. Nun gibt es für die "Schwarzen Adler", wie sich das Team neuerdings nennt, die Möglichkeit, über das Viererturnier in Marseille den letzten Teilnehmerplatz zu sichern, nur der Gesamtsieger ist im Herbst 2019 in Japan dabei, und trifft dort in den Gruppenspielen unter anderem auf die All Blacks, den Weltmeister aus Neuseeland. Das ist im Rugby weltweit der Referenzpunkt für Begeisterung und Spielkunst, Deutschland dagegen ist Entwicklungsland. Armstrong hat schon Recht, ein Aufeinandertreffen dieser beiden Mannschaften wäre kurios - zumal nach den Turbulenzen in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten.

Letzten Herbst produzierte das deutsche Rugby negative Schlagzeilen. Die besten Akteure, auch Armstrong und der neue Kapitän Michael Poppmeier, bestreikten damals Spiele der Nationalmannschaft, weil sie der Verbandsführung Amateurhaftigkeit vorwarfen. Anlass war das Zerwürfnis zwischen Großsponsor Hans-Peter Wild und der Verbandsführung. Der Milliardär aus Heidelberg investierte in den vergangenen 15 Jahren rund 20 Millionen Euro in die Rugby-Förderung, an seiner Wild-Rugby-Academy (WAR) waren bisher die meisten Nationalspieler angestellt. Ende November will Wild die WAR aber schließen, und eigentlich plante der 77-Jährige auch, sich zurückzuziehen. Das Engagement für mehr Rugby-Begeisterung und mehr Professionalität in der Verbandsspitze empfand er als einsamen Kampf.

Aber nun, nach dem Rücktritt des alten Präsidiums und der plötzlichen Chance, sich doch für die WM zu qualifizieren, unterstützt der Unternehmer die Nationalmannschaft wieder. Die Hälfte der 600 000 Euro, die die zehnwöchige Vorbereitung und das Turnier in Marseille kosten, übernimmt Wild, dessen Familie mit einem Softdrink-Unternehmen reich wurde. Seit Dienstag logiert der DRV-Tross in Aix-en-Provence.