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Frank Stäbler:Stäbler hat einen verwegenen Plan

Ringer sind vielleicht Kämpfer, aber sie haben auch etwas Bodenständiges. Frank Stäbler ist heimatverbunden, er sagt, er würde niemals Musberg verlassen, um irgendwo, fernab des mittlerweile sogenannten "Musberger Ringerstreites" in Ruhe zu trainieren. Stäbler will bald unweit des elterlichen Hofes ein eigenes Haus bauen. Er bleibt, und sein neuer KSV Musberg ebenfalls, aber der Graben in der Gemeinde wohl auch. Zu viel Vertrauen ist kaputtgegangen zwischen einem konservativen Vereinsmilieu, dem der Aufstieg und das große Selbstbewusstsein seiner rund 200 Ringer missfiel, und diesem Erfolgsteam, das sich immer weiterentwickeln und nicht unterordnen will.

Aber davon will Stäbler nichts mehr hören: "Das Thema ist für mich vorbei." Seine Zeit ist knapp und seine Aufgabe gewaltig, und mit Hilfe der Musketiere kann er nun nach vorne schauen. Er hat zwar in den vergangenen Wochen mit großer Freude selbst Folien und Dämmstoff geschnitten und auch auf der großen Spezialsäge, die ein Freund bereitstellte, Platten zurecht gesägt; er hat aber eben auch zehn Zwei-Stunden-Einheiten pro Woche auf einer provisorischen Matte absolviert. In der Zwischenzeit kümmerte sich sein Vater um die Legalisierung des Hühnerstalls, auch Nutzungsänderung genannt. Diese ist nun wasserdicht und beinhaltet, dass Frank Stäbler dort professionell trainieren kann: mit wechselnden Trainingspartnern, in echter Ringeratmosphäre, also auch mal mit lauter Musik und wummernden Bässen - und vor allem in der Sicherheit, dass es jetzt keine anonymen Anzeigen von Ringer-Gegnern wegen der auffallend vielen Autos mehr gibt.

Stäbler muss nun darauf achten, dass sein Karriere-Abschlussplan auch aufgeht. Er hat ja das große Pech, dass er in den neuen Gewichtsklassen im toten Winkel liegt - mit seinen natürlichen 74,5 Kilogramm. Bei Olympia muss er in der 67-Kilo-Klasse antreten, denn die nächsthöhere 77-Kilo-Klasse ist wegen der Schwierigkeit, Muskelmasse aufzubauen, nicht zu erreichen. Also verfolgt er den verwegenen Plan, in Etappen acht Kilo abzunehmen - wobei er nichts trinken darf, was bei der Hitze und Luftfeuchtigkeit in Tokio zusätzlich belastend ist -, sich aber auch nicht unterkriegen zu lassen, die Schwächung mit Kampferfahrung auszugleichen, seine Karriere zu vergolden und dann die Laufbahn zu beenden.

Und überhaupt, was ist schon unmöglich?

Dieses Projekt startet nun mit seiner letzten Europameisterschaft, die ihm auch einen Formtest liefern wird. Darauf folgt eine letzte Erholungspause, dann eine harte Trainingsphase, ehe schon die erste Abnehm-Periode für Tokio beginnt. Sieben Tage vor seinem Olympiaauftritt wird er dann in Japan eintreffen, sich akklimatisieren und schließlich in der Sauna verschwinden, um als Leichtgewicht auf die Matte zu treten.

Das ist fast unmöglich, andererseits war es Stäbler bei seinem ersten WM-Sieg in Las Vegas vor rund vier Jahren, wo er sogar auf 66 Kilo abkochen musste, auch gelungen. Und überhaupt: Was ist schon unmöglich? Im Ringen hängt sehr viel von Psychologie ab, und die Psychologie sagt ja auch, dass Menschen unter miserablen Bedingungen und mit dem Rücken zur Wand oft besonders stark werden.

Und dem 5000-Seelen-Ort Musberg ist es natürlich zu wünschen, dass sich der Graben schließt und die Parteien sich versöhnen; andererseits wäre es schon auch ein lustiger Clou, wenn Frank Stäbler sich später bei der Gegenseite fast bedanken müsste, weil er gerade wegen der Querelen und Hindernisse der vergangenen Jahre besonderen Ehrgeiz und Energie entfacht hatte für seinen Olympiamedaillengewinn. Jedenfalls sagt er: "Die Voraussetzungen waren komplett beschissen - bis heute. Doch ab jetzt habe ich einen Riesenvorteil."

Um richtig loszulegen, braucht er nur noch seine Matte. Die ist das einzige, was der kleinen Ringerhalle noch fehlt. Sogar zwei Basketballkörbe hängen da, zum Auflockern, und ein paar Mattenreste sind auch verlegt, aber nur provisorisch. Doch die neue Matte ist ja schon bestellt, mit einem großen Kampfring drauf, und sechs kleinen dazu. Mit Seitenaufprallschutz an den Wänden, alles maßgeschneidert, alles tipptopp.

© SZ vom 08.02.2020/tbr

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