Pferdesport:Schnelles Vertrauen

Lesezeit: 3 min

Pferdesport: "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, meine U25-Karriere zu beenden": Raphael Netz will nun mit Nachwuchspferden in den internationalen Spitzensport.

"Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, meine U25-Karriere zu beenden": Raphael Netz will nun mit Nachwuchspferden in den internationalen Spitzensport.

(Foto: Stefan Lafrentz/Imago)

In der Regel dauert es ein gutes Jahr, ein Pferd richtig kennenzulernen. Doch Raphael Netz lieh sich für die U25-EM im Dressurreiten das Spitzenpferd Ferdinand BB - und sie wurden nach neun gemeinsamen Wochen Triple-Europameister.

Von Sabine Neumann

Fast so schnell wie die Stangen im Parcours können im Viereck die Prozente fallen. Eine verpatzte Lektion, und schon fehlen wichtige Punkte. Bei den U25-Europameisterschaften im Dressurreiten vor einer guten Woche stand Titelverteidiger Raphael Netz besonders unter Druck. "Es war eine andere Situation als auf den vorigen Championaten. Diesmal war nicht die Frage, wie gut oder wie schön ich die Prüfung hinkriege, sondern ob ich sie überhaupt hinkriege", sagt der 23-Jährige - schließlich hatte er ein neues Pferd als EM-Partner: "Ferdinand BB und ich hatten erst seit neun Wochen zusammengearbeitet. Sich so schnell aufeinander einzustellen, ist eine Herausforderung."

Tatsächlich unterlief dem Duo sowohl in der Mannschaftsaufgabe als auch in der ersten Einzelwertung ein Fehler in der Einleitung zu den Zweier- bzw. zu den Einer-Wechseln. Dennoch behielt der U25-Titelverteidiger die Nerven, gab seinem Pferd Sicherheit und gewann beide Prüfungen, die erste sogar mit neuer persönlicher Bestleistung. In der abschließenden Grand Prix-Kür gelang dem Duo alles. "Darüber habe ich mich besonders gefreut", sagt Netz. So wie seine Chefin Jessica von Bredow-Werndl 2021 bei den Großen wurde er jetzt in der Altersklasse U25 Triple-Europameister. Seine Freude ist auch durchs Telefon zu spüren.

Während des Gesprächs sitzt Netz im Schritt auf Exclusive BB. Mit dem zwölfjährigen Hannoveraner hatte Netz sich zuerst für die EM qualifiziert. Dass der Dunkelfuchs am Ende sein Ersatzpferd wurde und er mit dessen 13-jährigem Stallnachbarn Ferdinand BB antrat, macht den Erfolg besonders. Jessica von Bredow-Werndl hatte bei den Deutschen Meisterschaften in Balve die Idee, ihrem Mitarbeiter ihr zweites Top-Pferd für die U25-EM zur Verfügung zu stellen. Die Weltranglisten-Erste war schwanger und musste deshalb auch auf die Teilnahme an der Weltmeisterschaft mit TSF Dalera BB verzichten. Dennoch, ein Top-Pferd zu verleihen ist mehr als großzügig. In den vergangenen zehn Jahren war Ferdinand BB stets selbst von der Olympiasiegerin aus dem Landkreis Rosenheim vorgestellt worden. Der gemeinsame Weg führte von Erfolgen in ersten Dressurpferdeprüfungen bis zum Sieg im Nationenpreis von Aachen 2021. Mitte April, kurz vor ihrer Babypause, gewann die 36-Jährige noch die internationale Grand Prix-Kür in Stadl Paura in Österreich mit ihm.

"Ich saß am 13. Juni zum ersten Mal auf Ferdl", erinnert sich Netz. Die beiden harmonierten so gut, dass die Pferdebesitzerin Beatrice Bürchler-Keller zustimmte und Netz für kurze Zeit die Zügel von Ferdinand BB übernehmen durfte. Trotz der Umgewöhnung wurde schnell klar, dass seine Erfolgschancen durch den Wechsel weiter stiegen: Keine zwei Wochen später platzierte sich das neue Paar in Brunnthal an zweiter Stelle der Intermediaire II. Auch Ende Juli in Elmlohe beim Piaff-Förderpreis, der wichtigsten deutschen Turnierserie für U25-Reiter, lief es gut. Es war die letzte EM-Sichtung, und der Teamplatz war sicher. "Ferdl und ich haben uns in der Mitte getroffen. Jeder hat sich angestrengt, den anderen zu verstehen", glaubt Netz. Ausreiten und Kuscheln seien die Basis für eine vertrauensvolle Beziehung gewesen.

"Wir reiten relativ ähnlich. Die Grundidee dahinter ist dieselbe", sagt Netz über die Werndl-Geschwister

In der Regel dauert es ein gutes Jahr, ein Pferd richtig kennenzulernen. Das Zusammenfinden auf Grand Prix-Niveau ist besonders komplex, denn bei der Feinabstimmung von Zügeln, Gewicht und Schenkeln geht es um Gramm. Der britische Weltklassereiter Carl Hester beispielsweise verzichtete darauf, mit dem Pferd seines Mannschaftskameraden Gareth Hughes bei den Weltmeisterschaften in Herning anzutreten. Die Zeit sei zu knapp, um dem Pferd gerecht zu werden, befand der Mannschafts-Olympiasieger von 2012 nach einigen Wochen gemeinsamen Trainings.

Dass Netz und Ferdinand BB die neun Wochen bis zur EM genügten, ist ein Glücksfall mit vielen Faktoren. Zum einen blieb Ferdinand BB in seiner gewohnten Umgebung. Zum anderen wurde Netz in den vergangenen sechs Jahren von den Werndl-Geschwistern und ihren externen Trainern gefördert und geprägt. "Wir reiten relativ ähnlich. Die Grundidee dahinter ist dieselbe", so Netz. Nicht zuletzt unterstützte ihn das gesamte Team in Aubenhausen, allen voran von Bredow-Werndl. Auf jedem Turnier und beim Championat war sie live per Internet zugeschaltet. "Sebastian Heinze, unser Bundestrainer, und Jessi (von Bredow-Werndl, d. Red.) haben mich für die Prüfungen vorbereitet. Paula, meine Pferdepflegerin, hat mich mit dem Handy gefilmt und ich hatte Kopfhörer", erzählt Netz.

Insgesamt neun Medaillen hat er mit drei verschiedenen Pferden bei U25-Europameisterschaften gewonnen, sechsmal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze. "Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, meine U25-Karriere zu beenden", findet Netz. Er freue sich nun auf die beiden sehr guten Neunjährigen, die er im Stall hat - er will mit Nachwuchspferden in den internationalen Spitzensport. Ähnlich machten es die Olympiasiegerin und ihr Bruder Benjamin Werndl, der kürzlich Bronze bei der Weltmeisterschaft gewann. Es wurde ein langer Weg.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema