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Regionalliga:Türkgücü stellt den Aufstieg infrage

Türkgücü München will bei Aufstieg für Heimspiele wegziehen

Vier Jahre Abklatschen für nichts? Die Aussicht auf eine Teilnahme an einer dritten Liga, in der es auch in der kommenden Saison Geisterspiele geben könnte, ist für Türkgücü nicht verlockend und finanziell womöglich abschreckend.

(Foto: Christian Butzhammer/dpa)

Obwohl der Einzug in den Profifußball so gut wie vollzogen ist, scheint der Verein zu zögern.

Von Christoph Leischwitz

Der ganze Aufwand - für nichts? Innerhalb von vier Jahren hat Hasan Kivran den SV Türkgücü-Ataspor runderneuert. Er hat den Vereinsnamen verkürzt, dem türkischen Wappen eine bayerische Raute hinzugefügt. Er hat einen Durchmarsch aus der Landesliga finanziert und zuletzt fast zwei Dutzend Spieler nach München geholt, die von der dritten Liga träumen. Er hat sich jahrelang dafür eingesetzt, dass die Mannschaft im Grünwalder Stadion spielen darf. Und jetzt, kurz vor der Ankunft im Profifußball, sagt Türkgücüs Geschäftsführer Max Kothny: "Da muss noch viel zusammenkommen, damit das mit dem Aufstieg passt." Plötzlich ist der Aufstieg für den klaren Tabellenführer, just in dem Jahr, in dem die Regionalliga Bayern einen direkten Aufsteiger entsendet, nur noch eines von mehreren Szenarien.

Schuld ist natürlich die Corona-Krise. Zumindest gibt Kothny das als Hauptgrund an. Denn sollte die Regionalliga ihre Saison zu Ende spielen, dann höchstwahrscheinlich ohne Zuschauer. Und sollte dann die dritte Liga auch noch mit Geisterspielen in die nächste Saison starten, hätte sich Türkgücü zwar den Traum vom Einzug ins Grünwalder Stadion erfüllt, dort aber keinen einzigen Zuschauer empfangen. Zweitens sei somit die gesamte Etatplanung fraglich, sagt Kothny, weil man nicht wisse, welche Sponsoren man für so eine Saison gewinnen könne. Drittens sei auch die Stadionfrage noch nicht geklärt. "Wir haben die Lizenz für die dritte Liga unter Auflagen erhalten", berichtet der Geschäftsführer. Die Hauptauflage ist das fehlende Stadion. Der Verein kann das "Grünwalder" noch nicht angeben, weil der Nutzungsvertrag noch nicht unterschrieben sei. Bekanntlich hatte der Deutsche Fußball-Bund sein Veto eingelegt: Drei Mannschaften in derselben Liga in einem Stadion, das sei nicht möglich, aktuell sind schon der TSV 1860 und der FC Bayern II Drittligisten. Türkgücü warte auf das klärende Gespräch mit der Stadt, dem Vermieter des Stadions. Man warte sogar noch auf den Termin dafür.

Fraglich ist aber, ob es tatsächlich allein an der Krise liegt, dass Türkgücü plötzlich zögert. Nach SZ-Informationen soll Präsident Kivran schon gegen Ende der Winterpause gegenüber der Mannschaft mit dem Abbruch des Projekts Türkgücü im kommenden Sommer gedroht haben. Zu einer Zeit also, als es die Corona-Krise noch nicht gab, sich aber schon abzeichnete, dass die Lizenzierung für die dritte Liga kompliziert werden könnte.

Somit bleiben die Absichten der Vereinsführung erst einmal nebulös. Offenbar scheint man sogar beim Bayerischen Fußball-Verband (BFV) nicht genau zu wissen, was der Verein nun eigentlich plant. Dafür spricht auch eine Entscheidung vom vergangenen Freitag. Da verschickte der BFV eine Pressemitteilung bezüglich einer Satzungsänderung. Diese beinhaltet nun ein Szenario, in dem der bayerische Startplatz für die nächste DFB-Pokal-Hauptrunde an den FC Schweinfurt 05 gehen könnte, wenn Türkgücü in die dritte Liga aufsteigt. Und zwar dann, wenn die dritte Liga die Saison fortsetzt, also noch im Sommer seine Aufsteiger kennen muss. In diesem durchaus wahrscheinlichen Fall würde Türkgücü aufsteigen, bevor die Regionalliga die Saison im Herbst zu Ende spielt, und dann aus der Wertung genommen, sodass (höchstwahrscheinlich) Schweinfurt Tabellenführer wäre. In einer Videokonferenz des BFV mit den Regionalliga-Klubs hat sich Türkgücü zu diesem Vorschlag nicht geäußert, ihn also indirekt durchgewunken. Kurz zuvor hatte es bei Türkgücü noch geheißen, der Pokalstartplatz stehe nicht zur Debatte, sowohl aus Prestige- als auch aus finanziellen Gründen. Umgekehrt wäre die Pokalteilnahme aber in jedem Szenario so gut wie sicher, wenn sich der Verein entscheidet, nicht aufzusteigen.

Möglich ist, dass Kivran wirklich keine Lust hat, noch mehr als geplant aus eigener Tasche zu bezahlen. Es ist aber auch möglich, dass der Verein gerade mit der Situation kokettiert. Eine schnelle Entscheidung steht offenbar nicht an, auch wenn sie allseits erwünscht ist. Geschäftsführer Kothny sagt, man wolle erst noch den DFB-Bundestag abwarten, der ab dem 25. Mai stattfindet.

Auch in Schweinfurt ist Abwarten angesagt - zu dem Szenario, als Zweiter plötzlich aufsteigen zu können, möchte man sich derzeit noch nicht äußern. Unabhängig davon hat die Stadt ihre Stadionpläne vorangetrieben und im vergangenen Jahr eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Selbst wenn diese zu dem Schluss kommen sollte, dass ein drittliga-taugliches Stadion, etwa aus Gründen des Denkmalschutzes, an einen anderen Ort gebaut werden müsste, stünde dem Bau wenig im Wege. Aktuell haben die Unterfranken also mindestens ein Zukunftsproblem weniger als Türkgücü.

© SZ vom 12.05.2020
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