RB Leipzig Renaissance des Spiel­machers

Runde Sache: Neben seinen drei Toren gegen Hertha BSC feiert der Leipziger Yussuf Poulsen auch den Umstand, dass er demnächst Vater wird.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Beim 5:0 über Hertha BSC demonstriert Leipzig einen bemerkenswerten Qualitätssprung: Dieser ist vor allem zwei Neuzugängen zu verdanken - und einem Profi, der seine Lieblingsrolle spielen darf.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Am Ende, als der Vorhang fiel, war nur noch eine Frage offen: Wohin nur waren all die Pläne verschwunden, mit denen sich Hertha BSC am Wochenende auf den Weg nach Leipzig gemacht hatte? Und die dann verpufft waren, wie man es sonst nur von Hoffnungen kennt?

Von dem Mann, der sich von seinem Team unerwartet verraten fühlen durfte, von Trainer Pal Dardai also, war nach dem Spiel aber keine Antwort zu erhalten. Er habe gelernt, in solchen Situationen seinen "Mund zu halten", beschied er im Presseraum; er wolle erst heimfahren und nachdenken, "bevor ich jemanden beleidige oder Sachen sage, die vielleicht nicht in Ordnung sind". Vom anwesenden Pressekorps erntete Dardai genau das, was das Resultat abverlangte. Was hätte dieses 0:5 bei RB Leipzig auch sonst hervorrufen sollen - außer pietätvoller Stille?

Er sei "zum Glück zum ersten Mal" in so einer Situation, sagte Dardai noch. Das stimmte auch, obwohl er schon einmal mit seiner Hertha ein 0:5 hatte hinnehmen müssen, 2016 bei Borussia Mönchengladbach. Der Samstag fühlte sich für Dardai aber schlimmer an. Denn es gab so gut wie nichts, woran er sich festhalten konnte; für die Berliner stand jeder einzelne Stern am Nachthimmel für ein Scheitern im Kleinen und im Großen. "Wir lassen uns hier verarschen", schimpfte Rechtsverteidiger Valentino Lazaro. Wobei Hertha wirklich Pech hatte, gegen die beste Leipziger Mannschaft der Saison antreten zu müssen.

"Galavorstellung heute", sagte Trainer Ralf Rangnick im Telegrammstil - und zeigte auch danach nur peripheres Interesse am korrekten Satzbau: "Ich bin rundum zufrieden. Mit einer relativ offensiven Aufstellung zu fast jeder Phase des Spiels eine gute Balance im Spiel gehabt, im Spiel gegen den Ball, mit dem Ball. Spielfreude, Abschlussstärke, uneigennützig die Bälle aufgelegt. Kann man nicht viel kritisieren heute. Es war einfach ein rundum gelungener Auftritt", sagte der Coach, nachdem seine Elf der Vollendung so nahe gekommen war wie bei kaum einem der nun 50 Bundesligasiege seit dem Aufstieg im Jahr 2016.

Diese Perfektion ließ sich nicht nur, aber auch an den Toren ablesen: Es waren Treffer ins Netz, die frei waren von jeder Kraftmeierei - egal, ob man über die fein herausgespielten Tore eins oder fünf sprach, die Emil Forsberg (17.) beziehungsweise Amadou Haidara erzielten (64.); oder über den Dreierpack von Yussuf Poulsen (27., 56., 62.), der unter anderem einen brillanten Lupfer zum 4:0 enthielt.

Und es hätten noch mehr Tore sein können, am Sonntag bedankte sich Herthas Trainer Dardai bei Rangnick im Bezahlsender Sky für die vergebenen Chancen, "das war nett". Poulsen jauchzte: "Bei jedem Angriff haben wir uns eine Großchance rausgespielt, einfach ein fantastischer Abend." Poulsen hat nun so viele Saisontore (15) geschossen wie Marco Reus (Borussia Dortmund) und Luka Jovic (Eintracht Frankfurt) - und nur unwesentlich weniger als Robert Lewandowski (FC Bayern/19) und Paco Alcácer (Dortmund/16).

Dass Poulsen, 24, aufblüht wie noch nie in seiner Karriere, dürfte auch den anderen Umständen seiner Partnerin zugeschrieben werden - sie erwartet ihren ersten Sohn. Doch gegen Hertha war Poulsen nur der erste Profiteur eines Spielwitzes, den man so nicht einmal beim 6:0 gegen den 1. FC Nürnberg gesehen hatte, dem höchsten Saisonsieg des Champions-League-Kandidaten.

Emil Forsberg wirbt in eigener Sache: "Ich finde mich in einer zentralen Position viel besser."

Dem Qualitätssprung liegen zwei sagenhafte Winterzugänge zugrunde. Im Winter kamen der 21 Jahre alte Haidara, der erstmals in der Startelf stand, und der 20 Jahre alte Amerikaner Tyler Adams, der schon alle Kapitel aus der Bibel der "Sechser" in Versform rezitieren kann. Die beiden veränderten die so oft von reinem Gegenpressing geprägte Lehre des RB-Spiels, weil sie zusammen mit ihrem Mittelfeldkollegen Kevin Kampl enorm viel dazu beitrugen, dass der Schwede Forsberg seinem kunstvollen Spielen frönen konnte.

Oft hat Forsberg sich in Leipzig auf dem Flügel oder der Halbspur verstecken müssen - so wie es der ehemalige Coach Louis van Gaal einst Spielern wie Rivaldo oder Riquelme auftrug. Van Gaal befahl den Künstlern, sich zu denaturalisieren, um sich in einen natürlich ausschließlich von van Gaal definierten Dienst der Elf zu stellen.

Er spiele dort, wo der Trainer ihn hinstelle, betonte Forsberg am Samstag, er könne auch auf der linken Seite agieren. Aber gegen Hertha brillierte er hinter den Spitzen so auffällig, dass er die Gelegenheit nutzte, um nach der Partie eine Grundsatzerklärung in eigener Sache abzugeben. "Ich bin ein Trequartista!", sagte Forsberg unter Verwendung eines italienischen Begriffs, der aus den Zeiten von Sívori, Mazzola, Rivera oder, noch früher, Niels Liedholm stammt. Und der jenen Mittelfeldspielern zugeteilt wird, die das dritte Viertel des Spielfelds regieren, mit Ideen, Pässen und Torgefahr. "Ich finde mich in einer zentralen Position viel besser", sagte Forsberg.

Für die Leipziger ist die Renaissance des Spielmachers eine umso bedeutendere Nachricht, als am Dienstag im Pokal-Viertelfinale die Reise nach Augsburg ansteht und dort Ideen gefragt sind. Die Schwaben haben die Leipziger erst neulich mit einem extrem defensiven Spiel geärgert. "Das wird ein harter... wie sagt man? Brocken!", sagte Forsberg, der schon jetzt das Finale in Berlin (23. Mai) im Blick hat. "Ich will unbedingt da hin", sagte er.