bedeckt München 22°

Meisterschaft im Radsport:Ein Korb nach dem anderen

Radrennen Eschborn-Frankfurt

Pascal Ackermann (Mitte) klettert mit den anderen Fahrern des Hauptfelds beim Radklassiker Eschborn-Frankfurt den Mammolshainer Berg hoch.

(Foto: dpa)
  • Der deutsche Radsport steckt in Schwierigkeiten - aktuell ist fraglich, ob sich noch ein Veranstalter für die deutsche Meisterschaft findet.
  • Ein richtiger Boom ist trotz mancher Erfolge bei der Tour de France nicht entstanden.
  • Es geht bei der Ausrichtung des Events auch ums Geld.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Es ist für die besten deutschen Radsportler kein ganz unwichtiger Termin, der in den letzten Juni-Tagen ansteht. Das Wochenende vor dem Start der Tour de France ist seit ein paar Jahren der Zeitraum, für den die nationalen Meisterschaften vorgesehen sind. Doch diesmal verbinden die deutschen Profis mit diesem Datum ein großes Fragezeichen: Denn obwohl es nicht mehr lange bis Ende Juni dauert, hat der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) noch immer keinen Austragungsort gefunden. Und immer konkreter beschäftigt sich die Szene mit dem blamablen Szenario, dass es gar keine richtige deutsche Meisterschaft geben könnte.

Der Verband möchte sich zu diesem Thema gerade nicht detaillierter äußern. "Wir prüfen im Moment noch zwei Alternativen", teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. Aber selbst wenn es dem BDR im allerletzten Moment noch gelingen sollte, einen Veranstalter für das Event zu finden, so verdeutlicht dieses Thema gerade bestens die Schwierigkeiten und den Status des Radsports in Deutschland.

Denn in den vergangenen Jahren gab es hierzulande vordergründig zwar mehr Radsport - insbesondere durch das Engagement der Aso, dem Vermarkter der Tour de France. Das führte etwa zum Grand Départ, dem Tour-Start in Düsseldorf 2017, zur Rückkehr der Deutschland-Tour oder einer Aufbesserung des Rad-Klassikers rund um Frankfurt. Aber viele kleinere und mittelgroße Rennen konnten sich nicht mehr halten.

Dass dies auch die nationalen Meisterschaften betrifft, ist kein neues Phänomen. Schon mehrfach gestaltete sich die Suche schwierig. 2018 etwa sprang erst im letzten Moment die kleine südhessische Gemeinde Einhausen (6500 Einwohner) ein, mit abgespecktem Konzept. In diesem Jahr hagelte es bereits zahlreiche Absagen, etwa von Solingen, und nun bleiben laut BDR nur noch zwei Alternativen.

Eine davon soll der Sachsenring sein - also jener Rundkurs, der im Motorsport zu den Traditionsstrecken gehört. Dort fanden in den vergangenen Jahren zwar kleinere Rennen statt (und vor 60 Jahren bei noch deutlich anderem Strecken-Layout sogar eine Rad-WM). Doch die Länge des Rundkurses beträgt nur 3,5 Kilometer, ein DM-Rennen der Männer über 200 Kilometer. Da stellt sich die Frage, ob sich der Straßen-Radsport derart präsentieren möchte. Zwar soll es auch zu einer anderen Gemeinde Kontakte geben, nur wird es überall schwierig sein, binnen kurzer Zeit eine Veranstaltung dieser Größenordnung zu organisieren und etwa die zahlreichen behördlichen Genehmigungen einzuholen.

Das Problem hat vielfältige Gründe. Die Radsport-Welle, die sich mancher ob des Tour-Besuches oder der starken Auftritte diverser deutscher Pedaleure erhofft hatte, bricht einfach nicht los. Die Suche nach Sponsoren bleibt extrem schwierig, auch das Doping-Thema spielt weiter eine Rolle. Und vielen Städten sind die finanziellen Anforderungen, die bei einem solchen Event entstehen, zu hoch.

Die Zeit drängt

Der BDR empfindet als entscheidendes Problem "die Kosten für die Veranstalterorte, die aufgrund der behördlichen Vorgaben entstehen, insbesondere durch die notwendigen Absperrmaßnahmen. Diese Bürokratie erschwert den Straßenradsport extrem", heißt es. Da können bei der Ausrichtung der deutschen Meisterschaft allein für die Sicherheitsauflagen schon Kosten in einem ordentlichen sechsstelligen Bereich zusammenkommen.

Von manchen Protagonisten der Szene kommt aber auch die Kritik, dass der BDR Ausrichterstädten nicht viel anbieten könne, zum Beispiel eine Live-Übertragung im TV, die Sponsoren anziehen würde. Stattdessen verlangt der Verband sogar Gebühren vom Veranstalter - als Minimum gelten 30 000 Euro. "Man wird allein gelassen", sagt Algis Oleknavicius, Organisator verschiedener Rennen, der in den vergangenen Jahren schon zweimal einen Ausrichterort besorgte: "Beim BDR müsste einiges geändert werden, und man müsste sich rechtzeitig nach Veranstaltern umsehen."

In Anbetracht der drängenden Zeit dürfte es einem Last-Minute-Interessenten zwar nicht schwerfallen, in den Gesprächen mit dem BDR diese Veranstalter-Gebühr herunterzuhandeln. Aber teuer würde es für ihn ob der Absperr- und Sicherheitsauflagen immer noch. Und dass "sich der BDR an diesen Kosten beteiligt, halte ich für ausgeschlossen", so die Verbandssprecherin.

Längst laufen in der Branche daher Überlegungen darüber, was passiert, sollte sich keine deutsche Gemeinde finden. Die wahrscheinlichste Lösung dürfte dann so aussehen, dass sich der BDR bei der nationalen Meisterschaft eines Nachbarlandes einkauft. Die Schweiz etwa wäre eine Möglichkeit, sie hat mit Fischingen im Thurgau sogar schon einen Austragungsort gefunden.

© SZ vom 08.05.2019/jbe
Zur SZ-Startseite

Radprofi Julian Alaphilippe
:Kleine Zweifel am neuen Entertainer

Der beste Fahrer des Frühjahres gewinnt auch Mailand - Sanremo: Doch manche Beobachter empfinden den Aufstieg von Julian Alaphilippe als ein wenig zu unbeschwert.

Von Johannes Knuth

Lesen Sie mehr zum Thema