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Radsport:Opfer des Kalenders

Weil das Rennprogramm so dicht getaktet ist, muss das deutsche Team für die WM in Imola einige Absagen verkraften.

Von Johannes Aumüller, Imola/Frankfurt

Eines der wichtigsten Rennen dieser unorthodoxen Saison steht an, aber die Zeit davor geht der Radprofi Maximilian Schachmann mit eher dosiertem Eifer an. Am Montag hat sich der Berliner den Luxus geleistet und ist überhaupt kein Fahrrad gefahren, und die meisten anderen Tage verbringt er im Schonungsmodus. Nur am Donnerstag, da soll er einen Belastungstest bestreiten, damit der Körper nicht ganz vergisst, wie sich Radfahren im Renntempo anfühlt. Grundsätzlich aber lautet das Motto: Die Form, die jetzt noch nicht da ist, kommt bis zum WM-Rennen am Sonntag auch nicht mehr.

Maximilian Schachmann geht als Kapitän der achtköpfigen deutschen Mannschaft auf den schweren Rundkurs mit fast 5000 Höhenmetern und fast 260 Kilometer Länge. Er hat gar keine schlechte Tour de France hinter sich, zumal er diese mit einem Schlüsselbeinbruch bestritt, bei der WM zählt er nun zu den Medaillenkandidaten. Manch anderer Deutscher hingegen, dem das Profil der Runde grundsätzlich entgegenkommt, fehlt in Imola: Lennard Kämna etwa, der bei der Tour nicht nur wegen seines Etappensieges in Villard-de-Lans der auffälligste deutsche Fahrer war, aber auch Emanuel Buchmann und Nils Politt. Das Zeitfahren an diesem Freitag wiederum findet ohne den viermaligen Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin statt, der erstmals in seiner nun 13-jährigen Profikarriere das WM-Zeitfahren auslässt.

Kapitän Schachmann hat durchaus Medaillenchancen

Die WM ist in gewisser Weise ein Opfer des engen Terminkalenders, in dem die Radszene alles, was sie sonst über rund neun Monate verteilt, in einen Korridor von 100 Tagen quetscht. Gerade erst ist die Tour als Jahreshöhepunkt zu Ende gegangen, die Frühjahrsklassiker steigen diesmal in den Herbsttagen, Ende Oktober überschneiden sich sogar der Giro d'Italia und die Vuelta a España. Da müssen die Einsatzpläne sehr sorgfältig abgestimmt werden, und im Radsport gilt noch stärker als in anderen Disziplinen, dass die Fahrer zunächst einmal Angestellte ihres Teams sind - und erst danach auch Repräsentanten einer Nationalauswahl.

Vor der Straßenrad-WM in Imola

In National- statt Teamfarben: Max Schachmann, hier nach seinem nationalen Titelgewinn 2019.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Entsprechend haben viele ihre Prioritäten gewählt, auch wenn nicht nur Schachmann betont, dass die WM "nicht an Wert verloren" habe. In der Tat: Der Kolumbianer Egan Bernal oder die Briten Chris Froome und Adam Yates stornierten den Termin zwar, andere Topfahrer wie der Tour-Sieger Tadej Pogacar und sein slowenischer Landsmann Primoz Roglic oder der Belgier Greg Van Avermaert sind dabei.

Wie schwer es ist, in diesen Zeiten einen guten WM-Kader zusammenzustellen, kann Jens Zemke, 53, am besten sagen - und das in doppelter Funktion. Im Hauptjob ist er Sportdirektor beim deutschen Premiumteam Bora-hansgrohe, für das unter anderem Schachmann, Kämna und Buchmann fahren. Zugleich ist er der Renn-Verantwortliche für die Mannschaft, die der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) am Sonntag ins Straßenrennen schickt.

Erst Anfang des Monats verlegte der Weltverband UCI die WM Corona-bedingt von Aigle in der Schweiz nach Imola. Da brauchte es eine frische Analyse, wer auf dem neuen, schweren Parcours bestehen kann, "aber da kommen in Deutschland nicht so sehr viele infrage", sagt Zemke. Rund 25 Namen umfasste die erweiterte Liste. Rund die Hälfte der Kandidaten sagte in den vergangenen Wochen ab. Das liegt am straffen Programm, aber auch die strengen Corona-Regeln spielten eine Rolle. Jedes Team lebt gemäß der Vorgaben der UCI gerade in einer Blase, und wenn ein Fahrer aus der Teamblase hinaus- und in die Nationalmannschaftsblase hineinwechselt, kann das zu Problemen führen. "Natürlich hätten wir viel lieber Kämna, Buchmann oder Politt dabei gehabt, aber das war leider nicht möglich", sagt Zemke.

Quintana verteidigt sich

Radprofi Nairo Quintana hat jeglichen Dopingverdacht zurückgewiesen. Er sei ein "sauberer" Fahrer, sagte er in einer Stellungnahme. Die Staatsanwaltschaft Marseille ermittelt rund um die Arkea-Samsic-Equipe des Kolumbianers. Während der Tour war die Team-Unterkunft durchsucht worden, auch Quintanas Zimmer. "Die Behörden betraten mein Zimmer und beschlagnahmten völlig legale Vitaminpräparate", sagte Quintana. Er habe alle Fragen der Ermittler freiwillig und mit reinem Gewissen beantwortet. Die Ermittlungsbehörden entließen indes zwei Personen - dem Vernehmen nach einen Arzt und einen Physiotherapeuten - aus dem Gewahrsam. sid

In vielen Fällen erscheinen die Absagen auch sehr nachvollziehbar. Bei Tour-Etappensieger Kämna war früh klar gewesen, dass die Frankreich-Rundfahrt das große Ziel sein soll. Zeitfahr-Experte Martin soll für seine Jumbo-Visma-Equipe nach der Tour auch noch den Giro bestreiten. Kletterer Buchmann sortiert sich nach seinem verunglückten Auftreten in Frankreich gerade für die Spanien-Rundfahrt neu. "Wir finden das natürlich schade, aber in Anbetracht der besonderen Umstände durch Corona etc. ist das nachvollziehbar", teilt der BDR zur schwierigen Kadersuche mit: "Die WM kam ja sehr kurzfristig, da sind wir froh, doch eine ganz gute Mannschaft gefunden zu haben."

Es ist in der Tat immer noch ein gutes Aufgebot; Kapitän Schachmann kann etwa auf die Unterstützung der beiden Routiniers John Degenkolb und Simon Geschke zählen. Eine Bitte hat Rennleiter Jens Zemke aber doch noch: dass kurzfristig niemand aus dem nominierten Oktett mehr ausfällt. Denn unter den Ersatzfahrern sind nur noch Sprinter: "Da hätte ich dann bisschen Zweifel, ob das der richtige Parcours für die ist."

© SZ vom 24.09.2020

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