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Premier League:Achsel im Abseits, Knie kaputt

Everton v Liverpool - Premier League - Goodison Park Everton goalkeeper Jordan Pickford challenges Liverpool s Virgil v

Knie eingeklemmt, langer Ausfall zu befürchten: Evertons Torwart Pickford senst Liverpool-Verteidiger van Dijk im Stile eines Kampfsportlers um.

(Foto: Peter Byrne/imago images)

Jürgen Klopp und der FC Liverpool beklagen nach einem aufwühlenden 2:2 im Derby bei Spitzenreiter Everton Verletzungen von Virgil van Dijk und Thiago - und ein aberkanntes Siegtor nach Millimeter-Videobeweis.

Von Sven Haist, London

Als Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung liefen Jürgen Klopp und Carlo Ancelotti nach Abpfiff gemeinsam übers Spielfeld und legten ihren Arm jeweils um den Trainerkollegen. Bevor sich die Wege am Ausgang trennten, formte Ancelotti den Zeige- und Mittelfinger zum Friedenszeichen. Die Interpretation der versöhnlichen Geste nach dem eher unversöhnlichen 238. Merseyside-Derby zwischen dem FC Everton und dem FC Liverpool war unverkennbar: Peace, my friend! - Friede, mein Freund!

In ihren langen Karrieren haben sich Klopp und Ancelotti mittlerweile neun Mal duelliert, fünf Aufeinandertreffen fanden in den zurückliegenden 13 Monaten statt. Die Gesamtbilanz: Drei Siege für Klopp, drei für Ancelotti - und nach dem 2:2 am Samstag gibt es nun auch drei Unentschieden. Dadurch verpasste Everton es am zehnten Jahrestag des bisher letzten Siegs über den Stadtnachbarn, die vermaledeite Serie zu brechen. Umgekehrt reichte es für Liverpool am fünften Jahrestag des Klopp-Debüts in der Premier League wieder mal nicht zu einem Sieg im Goodison Park.

Bis auf Liverpools 1:0 Ende 2016 (Torschütze: Sadio Mané, 90.) endeten in diesem Stadion acht der vergangenen neun Derbys mit einem Remis. "Same old result", kommentierte Klopp lakonisch - alles beim Alten. Mehr musste zum Ergebnis nicht gesagt werden. Für Liverpool gab es eh wichtigere Themen, zum Beispiel eine nicht gegebene rote Karte, das aberkannte Siegtor - sowie zwei verletzte Spieler.

Der teils ins Grobe abdriftende Schlagabtausch zwischen den Rivalen deutete sich gleich zu Beginn an. In den ersten zwei Aktionen holte Liverpools Abwehrstratege Virgil van Dijk erst Evertons Zugang James Rodríguez, dann Torjäger Dominic Calvert-Lewin unsanft von den Beinen. Liverpools körperbetonte Gangart war wohl als Reaktion auf das jüngste 2:7-Inferno bei Aston Villa zurückzuführen, wo zeitweise die Abwehrarbeit eingestellt zu sein schien. In der sechsten Minute gab es die unrühmliche Antwort: Im Stil eines Kampfsportlers sprang Everton-Torhüter Jordan Pickford im Strafraum mit beiden Füßen auf van Dijk zu, wodurch dessen rechtes Bein auf Kniehöhe eingeklemmt wurde. Das Foul sah genauso schrecklich aus, wie sich seine Beschreibung liest.

Nach minutenlanger Behandlung humpelte Klopps Abwehrboss van Dijk vom Platz. Seit seinem Wechsel im Winter 2018 hat der Niederländer für Liverpool keine Ligapartie verpasst. "Virgil spielt mit so ziemlich allen Schmerzen, aber diesmal konnte er nicht weitermachen. Das ist nicht gut", erklärte Klopp. Am Sonntagabend gab der Klub dann bekannt: Bänderverletzung, van Dijk muss operiert werden. Der Guardian berichtete mit Verweis auf das Klub-Umfeld von einer Kreuzbandverletzung und mehren Monaten Ausfallzeit. Bei der Aktion soll van Dijk zuvor einen Millimeter im Abseits gestanden haben. Das hob den fälligen Elfmeter für Liverpool auf - hätte allerdings trotzdem zwingend die rote Karte für Pickford zur Folge haben müssen nach dessen Blutgrätsche. Doch das Foul wurde von Schiedsrichter Michael Oliver und Videoassistent David Coote glatt übersehen. Der Guardian kritisierte, dass der Videoassistent zwar stets pedantisch über Themen urteilen würde, die fürs menschliche Auge kaum wahrnehmbar seien - aber eklatante Vergehen wie von Pickford nicht bemerke. Das gleiche einem Parkwächter, der einen Strafzettel für zweiminütiges Zuspätkommen ausstelle, aber den Dieb ignoriere, der mit dem Brecheisen die Windschutzscheibe des Autos einschlage. Zum Teil war zu hören, dass eine rote Karte wegen der Abseitsstellung nicht habe gegeben werden dürfen. Doch persönliche Spielerstrafen sind jederzeit möglich, egal ob ein Spiel unterbrochen ist. Weit über die Grenzen des Erlaubten ging nach Pickford auch Evertons Richarlison: Mit durchgestrecktem Fuß traf er frontal das rechte Knie von Thiago. Platzverweis (90.)! Der Zugang vom FC Bayern hielt bis Abpfiff durch, klagte hinterher jedoch über Schmerzen im angeschwollenen Gelenk. Wie van Dijk musste Thiago ins Spital.

Bei keiner anderen Spielansetzung der Premier League hat es in Summe mehr Platzverweise gegeben als jene 22 im Merseyside-Derby (15 für Everton, sieben für Liverpool). Pickford und Richarlison entschuldigten sich nach der Partie bei ihren Gegenspielern. Die beiden karrieregefährdenden Attacken reduzierten die vier sehenswerten Tore aber fast zum Beiwerk.

Nach zweimaligem Rückstand durch Sadio Mané (3.) und Mo Salah (72.), der sein 100. Tor im 159. Pflichtspiel für Liverpool erzielte, gelang Everton jeweils der Ausgleich: durch Kopfballtore von Michael Keane (19.) und Mittelstürmer Calvert-Lewin (81.), der damit in allen fünf Ligaspielen getroffen hat. Mit 13 Gegentoren hat Liverpool nun zu diesem Saisonzeitpunkt so viele Treffer kassiert wie zuletzt vor 67 Jahren. In der Tabelle bleibt der Meister drei Punkte hinter Spitzenreiter Everton.

Einen Punktegleichstand verhinderte der aberkannte Liverpool-Siegtreffer von Jordan Henderson in der Nachspielzeit. Bei der Entstehung soll sich Mané laut kalibrierten Linien mit der Achsel im Abseits befunden haben. Seit dieser Saison gehört dieser Bereich zu jenen Körperteilen, mit denen ein regelgerechtes Tor erzielt werden kann - und das somit als abseitsrelevant zu ahnden ist. Mit bloßem Auge war das Urteil nicht einzuschätzen. "Ich habe kein Abseits gesehen", sagte Klopp: "Ich hatte zehn Interviews und jeder erzählt mir, dass es kein Abseits war. Das hebt nicht meine Laune." Dem Vernehmen nach hat Liverpool bei der Liga einen Antrag zur Untersuchung der kontroversen Entscheidungen eingereicht - aber das wird nichts verändern. Über den Unmut hilft nur eine Erkenntnis hinweg: Do not hate the player, hate the game! Frei übersetzt: Verdamme das System, nicht den Ausführenden!

© SZ vom 19.10.2020

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