Olympische Spiele 2008 Ästhet der Macht

Zhang Yimou kommt das Verdienst zu, als erster Künstler seit dem Tod des Kaisers vor 2200 Jahren den blutrünstigen Tyrannen als von Sorge um sein Volk zerfressenen Menschen zu zeichnen. Warum er unser Mitleid verdient? Weil er - unter Schmerzen - für das heilige Reich tötet. "Ich töte, um das Töten zu beenden. Ich brandschatze, um Ordnung zu bringen", klärt der Kaiser in "Hero" den Attentäter auf, der angeschlichen war, ihn zu beseitigen: "Ich erobere, um das Reich zu einen." Dann verdrückt der Kaiser eine Träne, und der Attentäter lässt sich gerührt fassen und hinrichten. Aha, resümierte ein Kritiker hernach sarkastisch: "Wer die meisten Leute umbringt ist also der größte Pazifist." Tatsächlich erklärte Zhang Yimou, sein Held opfere sich "für eine gerechte Sache". Und auch der Hongkonger Hauptdarsteller Tony Leung pries den Pazifismus des Films. "Zum Beispiel", sagte Leung, "nahm ich während des 4. Juni 1989 (Massaker am Platz des Himmlischen Friedens, Anm. d. Red.) an keiner Demonstration teil - weil die chinesische Regierung das Richtige tat: Stabilität zu erhalten, das war gut für alle."

Der Regisseur Zhang Yimou inszeniert die Eröffnungsfeier in Peking.

(Foto: Foto: AFP)

"Reaktionär der Filmwelt"

Die KP liebte den Film und liebt seither den Regisseur. Die Uraufführung fand in der Großen Halle des Volkes statt, das staatliche Filmbüro - die oberste Zensurbehörde - reichte ihn als Beitrag Chinas zu den Oscars ein. Die liberalen Intellektuellen aber verfolgten staunend den Wandel ihres Helden zum "Reaktionär der Filmwelt" (so der Kulturkritiker Zhu Dake). Wenn Zhang Yimou sich heute überhaupt verteidigt, dann gegen den Vorwurf des Kommerzes: Er kämpfe so gegen Hollywood für den Fortbestand "chinesischer Kultur und Tradition", sagte er im letzten Jahr. Ironisch nur, dass die Kommerzialisierung bei vielen die Befreiung von politischen Zwängen mit sich brachte, bei Zhang Yimou aber das Gegenteil bedeutet.

Seit den Attacken auf "Hero" meidet Zhang allzu offensichtliche Politik in seinen Filmen, manche wollten in seinem letzten Werk "Der Fluch der goldenen Blume" sogar versteckte Kritik am Massaker vom Tiananmenplatz erkennen. Für andere aber lässt sich auch dieser Film ebenso wie "Hero" als Bewerbungsstück für die Massengymnastik im Olympiastadion lesen: ein Rausch der Farben, der Spezialeffekte und der Massenszenen; dem Einzelnen im Tanz der Menge nur hie und da ein teilnahmsloser Blick. Eine Ästhetik der Macht.

Ein überzeugter Kommunist zu sein, hat Zhang Yimou noch keiner vorgeworfen; seine Kritiker sehen in ihm schlicht den Opportunisten. Der Schriftsteller Wang Shuo schlug vor, Zhang solle sich nach Ende der Spiele für den Posten des Filmministers bewerben. Zhang Yimou selbst hatte nach dem Drehschluss des "Fluches" mitgeteilt, er woll nicht ewig historische Massenspektakel verfilmen: "Vielleicht wird mein nächster Film eine tiefe soziale oder politische Botschaft haben. Schwer zu sagen."