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Tokio 2021:Olympia wird zum sterilen Theater

Vor den Olympischen Spielen in Tokio

Einsam in Tokio: Ein Spaziergänger im Stadtteil Odaiba.

(Foto: Eugene Hoshiko/dpa)

Die Olympischen Spiele in Tokio werden von Trennwänden, Kontaktverboten und Zugangsbeschränkungen geprägt sein. Der tiefere Sinn erschließt sich nicht mehr.

Kommentar von Thomas Hahn

Es gehe um den "Erfolg der Spiele", hat Tokios Gouverneurin Yuriko Koike gesagt, als sie erklärte, warum zu den Sommerspielen in ihrer Metropole keine Zuschauer aus dem Ausland anreisen dürfen. Aber was meint sie mit Erfolg? Die Spiele irgendwie durch die Pandemie gebracht zu haben, ohne dass jemand krank wurde? Wenn das der Anspruch ist, sind die Verantwortlichen aus Regierungs- und Sportpolitik ihrem Ziel tatsächlich ein Stück näher gekommen.

Die Frage ist jedoch: Kann das der einzige Anspruch sein? Die Entscheidung gegen die massenweise Einreise von Olympia- und Paralympics-Fans ist nach Stand der Pandemie nachvollziehbar. Und wenn man wie das Internationale Olympische Komitee vor allem die Bedürfnisse der zahlenden Fernsehsender im Blick hat, kann man es durchaus so sehen wie der erfahrene IOC-Funktionär Dick Pound; der sagte früher im Jahr, Zuschauer seien "schön, aber kein Muss".

Aber wenn man sich unter Olympischen und Paralympischen Spielen Ereignisse vorstellt, die Menschen zusammenbringen und Atmosphären der Vielfalt erschaffen, dann kann man sich mittlerweile nicht mehr vorstellen, wie diese Spiele noch ein Erfolg werden sollen. Zumal der Einreise-Bann auch die meisten Volunteers aus dem Ausland betrifft, die mit ihren Sprachkenntnissen und ihrer unverfälschten Begeisterung sicher Lichtblicke gewesen wären.

Muss man die schöne olympische Idee wirklich dem Trotz des Kommerzsports opfern?

Nein, mit Blick auf die Werte des Großereignisses kann man im Grunde schon jetzt sagen, dass die Spiele ein Misserfolg sind. Die japanischen Organisatoren tun ihr Bestes. Aber wie will man ein Weltsportfest retten, das die Welt nicht ins Stadion lassen kann? Diese Spiele sind wegen der Pandemie bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie werden zu einem sterilen Theater mit Trennwänden, Kontaktverboten und Zugangsbeschränkungen getrimmt. Der tiefere Sinn erschließt sich nicht mehr.

Was also tun? Japan hat seinen Stolz. Gesichtsverlust geht nicht, also zieht man die Feier durch, obwohl es fast nichts mehr zu gewinnen gibt. Andere müssten Fakten schaffen. Regierungen, Verbände und Aktive müssten einsehen, dass die Zeit noch nicht reif ist für unbeschwerte Spiele, und den Japanern eine ehrenwerte Absage ermöglichen. Natürlich, das wäre bitter traurig für alle, die auf Olympia und die Paralympics hingearbeitet haben. Aber die Coronavirus-Kurven weltweit sinken einfach nicht wirklich ab. Die Impfprogramme laufen schleppend. Olympia soll in vier Monaten beginnen. Muss man die schöne olympische Idee wirklich dem Trotz des Kommerzsports opfern?

© SZ
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