Winterspiele in Italien Olympia in Zeiten leerer Kassen

Die italienische Delegation freut sich nach Verkündung des Austragungsortes der Olympischen Winterspiele 2026.

(Foto: dpa)
  • Mailand und Cortina d'Ampezzo werden die Olympischen Winterspiele 2026 austragen. Die Italiener setzten sich gegen die Bewerbung Stockholms durch.
  • Die Staatsfinanzen sind weiter in keinem guten Zustand. In den austragenden Regionen Venetien und Lombardei regiert die stramm rechte Partei Lega, in Mailand ein linksliberaler Bürgermeister.
  • Doch fast alle Parteien deuten den Zuschlag als Lebenszeichen und bejubeln die zweiten Spiele in Italien in diesem Jahrtausend nach Turin 2006.
Von Birgit Schönau, Rom

Freude, schöner Götterfunken. "Das ist der Erfolg eines geeinten Landes", schwärmt Giuseppe Conte, der italienische Ministerpräsident. Soeben hat Italien den Zuschlag für die Olympischen Winterspiele 2026 bekommen, die in den drei Regionen Lombardei, Venetien und Trentino-Südtirol stattfinden sollen, rund um die Hauptorte Mailand und Cortina. Und die Begeisterung ist schier grenzenlos, wobei mit Grenzen die hierzulande erkennbaren Eisernen Vorhänge zwischen regierenden Rechtspopulisten (Lega und Fünf Sterne) und oppositionellen Sozialdemokraten gemeint wären. Für die Göttin Olympia werden alle Italiener Brüder, das will nicht nur Conte glauben, sondern das malten sich am Tag nach der Glückslotterie in Lausanne auch sämtliche Medien aus. Ein "Wunder" bestaunte die linke La Repubblicá, das rechte Revolverblatt Libero zündete eine "Fackel der Hoffnung" an, die liberale Stampa entzückte ein "Italien, das gewinnt", der römische Messaggero besang die "Mannschaftsleistung".

Nur das Fünfstern-Blatt Fatto Quotidiano warnte: "Passt auf das Portemonnaie auf", womit wohl der olympische Zugriff auf die ohnehin schon sehr knappen Staatsfinanzen gemeint war. Immerhin zahlt Italien für die Zinsen seines immensen Schuldenbergs gerade so viel wie in den Bildungsetat. Angesichts leerer Kassen und grassierender Korruption hatten die Fünf Sterne deshalb dafür gesorgt, dass die von ihnen regierte Stadt Turin die Bewerbung zurückziehen musste und dass Rom, wo sie ebenfalls das Zepter führen, die Kandidatur für die Sommerspiele 2024 absagte.

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Olympische Winterspiele 2026 sind in Mailand und Cortina

Die Stadt setzte sich gegen Stockholm durch - auch dank der deutlich höheren Zustimmung unter der Bevölkerung.

Marcello Lippi wurde nach Fernost gesandt - ein Heimspiel für den ehemaligen China-Coach

Dass Turin jetzt fehlt, ist deshalb schade, weil die Hauptstadt des Piemont schon 2006 die Spiele ausrichtete. Das brachte erstens einen beträchtlichen Aufschwung in der mühsamen Emanzipation von der früher alles beherrschenden Autoindustrie des Fiat-Konzerns und zweitens eine Reihe moderner Sportstätten, die nun nicht fürs nächste Winter-Olympia genutzt werden können. Tatsächlich war auch Turin 2006 schon ein Zankapfel der Politik. Der damals amtierende Premier Silvio Berlusconi ließ sich bei der Eröffnungsfeier nicht blicken, weil er der linken Stadtverwaltung und den von ihm als arrogant empfundenen Fiat-Granden den Triumph nicht gönnte. Zur Abschlussveranstaltung erschien er dann doch - und wurde ausgepfiffen. Ein Menetekel, denn kurz danach verlor Berlusconi die Wahl.

Heute regiert die stramm rechte Lega die in 2026 gastgebenden Regionen Venetien und Lombardei. Der lombardische Regionalpräsident Attilio Fontana ist ein vom olympischen Geist nicht annähernd angewehter reaktionärer Hardliner, der im Wahlkampf die "Verteidigung der weißen Rasse" versprach. Sein Parteifreund Luca Zaia ist dagegen ein pragmatischer Liberal-Konservativer. Dritter im Bunde: Der parteilose Linksliberale Giuseppe Sala, Bürgermeister von Italiens neuer (und einziger) Boom-Town Mailand, die seit der Weltausstellung 2015 regelmäßig mehr Touristen anzieht als die hoffnungslos vermüllte Großruine Rom. Aus der Hauptstadt kommt hingegen Giovanni Malagò, der Vorsitzende des olympischen Komitees, vermutlich der geschmeidigste Mann des internationalen Sports, ganz sicher aber der mit dem besten Friseur.

Die Konkurrenz war überschaubar, sie bestand nur noch aus Stockholm und dem kleinen Wintersportort Åre. Innsbruck, Sion/Schweiz und Calgary/Kanada zogen nach negativen Volksentscheiden zurück. Zuletzt fiel noch die Türkei aus, die Rivalen hatten sich also von selbst erledigt. Die Schweden hatten in Lausanne grüne Visionen und ihre Kronprinzessin Victoria aufgeboten, die Italiener aber einen wahren Verführungsmarathon absolviert, mit "Abendessen, Geschenken und Lächeln für alle", wie es der Corriere della Sera formuliert. Etwa mit einem ehemaligen Weltmeistertrainer, der in China als Fußball-Lehrer verehrt wird.

Marcello Lippi war zur Mission nach Fernost entsandt worden, es war ein Heimspiel für den ehemaligen Coach der italienischen und chinesischen Auswahl, zudem gehört der Mailänder Traditionsklub Internazionale seit Jahren einem chinesischen Unternehmer. Der ehemalige Ferrari-Lenker Luca di Montezemolo ließ seinen Charme bei den Motor-Männerfreunden der arabischen Welt spielen - deren Frauen in Mailand einkaufen. Mode, Essen, Wein und Design, Mailänder Dom und die Dolomiten, dieses Paket erwies sich am Ende als unwiderstehlich, sogar für die Franzosen. Da macht es nichts, dass Mailand und Cortina 400 Kilometer auseinander liegen, und dass die Logistik bereits bei den Spielen in Turin und Piemont eine Zumutung war. Das IOC möchte noch einmal Glamour mitten im alten Europa, nebst Eröffnungszeremonie im Stadion von San Siro und Galaempfang in der Scala, richtig große Oper eben. Keine Frage, die Italiener werden es krachen lassen, außerdem sind die Tage dort im Winter länger, und der Après-Ski besteht garantiert nicht nur aus Bio-Kräutertee Marke Greta.

Vier Stunden für 60 Kilometer - Cortinas Infrastruktur ist mittlerweile veraltet

Sicher, der Glanz von Cortina, einst das Sankt Moritz Italiens, ist derart verblasst, dass Norditaliens Hautevolee lieber in die Schweiz fährt. Seit Cortina 1956 die ersten italienischen Winterspiele austrug, gingen im einstigen Glitzerort in den Dolomiten viele Lichter aus. Das Stammpublikum ist immer noch reich, vor allem aber betagt, genau wie die Infrastruktur. "Die Leute beklagen sich, weil sie für die letzten 60 Kilometer oft vier Stunden brauchen", berichtete der frühere Abfahrt-Spezialist Kristian Ghedina. Aber der Ruf ist noch intakt, ebenso wie die wundervolle Gebirgslandschaft. Italien - Schweden 1:0, das ist zwar keine Wiedergutmachung für jene schmachvolle Niederlage, mit der die Azzurri die letzte Fußball-WM verpassten. Immerhin jedoch ein wichtiges Lebenszeichen für ein Land, das zuletzt nur noch Selbstisolierung betreibt.

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