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Nordische Kombination:Generation NoKo

Pyeongchang 2018 Winter Olympics

Olympia-Traum: Die deutschen Kombinierer holen alle drei Medaillen.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)
  • Nach dem deutschen Dreifachsieg in der Nordischen Kombination ist die Mannschaft auch im Team-Wettbewerb der große Favorit.
  • Vor nicht allzu langer Zeit war der Sport von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet.
  • Dem deutschen Erfolg geht eine jahrzehntelange Entwicklung voraus.

Olympische Dreifachsiege sind nicht selten, Norwegens Langläufer holten beispielsweise bei diesen Spielen alle drei Medaillen im Skiathlon. Aber deren Vorfahren hatten das Langlaufen mit erfunden, was man von den Deutschen bezüglich der Nordischen Kombination nicht behaupten kann. Hierzulande wurde der kombinierte Sprung-Langlauf zwar auch ausgeübt, aber mit wechselhaftem Erfolg. Die Szene war klein, der Sport eher unbekannt, in den Achtzigern waren die Kombinierer des Deutschen Skiverbandes (DSV) nahezu abgehängt. Am Dienstag nun gewannen Johannes Rydzek Gold, Fabian Rießle Silber und Eric Frenzel Bronze im Wettkampf von der Großschanze, natürlich sind sie nun Favoriten im Team-Entscheid am Donnerstag. Voran ging eine jahrzehntelange Entwicklung dieser Mannschaft, die in all ihren Feinheiten erst im letzten Moment abgeschlossen war.

Zoff in der Mixed-Zone

Beim Weltcup in Seefeld/Österreich konnte man im Januar 2005 noch etwas von den alten Zeiten erleben. Eine Mixed-Zone im heutigen Sinne gab es nicht, einen Zaun mit Medien auf der einen und Sportlern auf der anderen Seite. Damals gingen die Reporter einfach hinter das Ziel, auf denselben Platz, auf dem sich Trainer, Kombinierer und Helfer tummelten. Die Berichterstatter bekamen hautnah die Emotionen mit, als sich Ronny Ackermann und Todd Lodwick in den Haaren lagen, weil der Amerikaner dem Deutschen wieder mal auf die Ski gestiegen war. Die Kombination war damals persönlicher, aber auch amateurhafter. Wegen der undurchschaubaren Wettkampfform war der Sport von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet. Mittendrin in Seefeld aber bereits: Hermann Weinbuch, damals 44. Er stand schon seit 1996 als Bundestrainer an der Loipe. Der Mann aus Bischofswiesen bei Berchtesgaden war 1988 als Weltmeister nicht bei Olympia eingesetzt worden und beendete mit knapp 30 seine aktive Laufbahn. Als Trainer wollte er mehr: zeitgemäßen Sport und olympischen Erfolg.

Kombinierer Wellinger

2010 gewann das Team Olympia-Bronze. Die Deutschen nahmen die Medaillen entgegen, und ja, Eric Frenzel, Tino Edelmann, Björn Kircheisen und Johannes Rydzek freuten sich. Dabei hatten sie sich mehr erhofft nach ihren ersten Weltcup-Erfolgen. Sie waren schließlich die neue Generation NoKo. Aber woher kamen auf einmal diese Hochbegabten? Schon immer wurde dieser Sport in den Vereinen gelebt, denn Kombination ist Vielfalt auf Skiern, und in der Sporterziehung ist multiples Bewegen wichtig. Der Pyeongchang-Skisprungsieger Andreas Wellinger war zum Beispiel auch einmal Kombinierer. Weinbuch und seine Abteilung verfeinerten die Talentsuche, verbesserten die Kontakte zu den Stützpunkttrainern. Und sie profitierten von der Generation um Ronny Ackermann und Georg Hettich. Der eine war zwischen 2003 und 2007 viermal Weltmeister, der andere 2006 Olympiasieger, den Kindern unter den Zuschauern war klar: In der Kombination kannst du was werden.

Der Trauma-Fänger

Weinbuch gilt als Konzepttrainer. Nicht selten sind dies Menschen, die selber früh ihre Karriere beendeten, aber mit ihrem Sport noch nicht fertig sind. Weinbuch und mittlerweile auch sein Co-Trainer Ackermann verfolgen einen modernen Sprungstil und fordern von ihren Athleten eine besondere Laufstärke, mit der sie gewisse Rückstände auf der Schanze wettmachen können. Sie haben auch das Konzept, Individuen wie den frühen Familienvater Eric Frenzel zu Hause wohnen und in Oberwiesenthal/Sachsen trainieren zu lassen. Aber sie wissen auch: wie der Sport, so sind auch seine Konzepte stets in Bewegung.

Bei Olympia in Sotschi 2014 sollte dieses Team schon auf allen Podesten stehen, Weinbuchs Läufer behinderten sich aber gegenseitig und vergaben sichere Medaillen, weil sie zwar perfekt ausgebildet waren, aber noch keine strategische Weitsicht hatten. Im nächsten Weltcup-Winter drängelten sich abermals die Deutschen gegenseitig aus dem Weg. Ein Trauma drohte. Seitdem ist Weinbuch nicht nur ein Konzeptcoach, sondern auch Unterhändler in Sachen Mannschaftsfrieden.

Die Zipfelbobstrategie

Was tut man in so einem Luxus-Dilemma? Kombinierer lernen monatelang, ihren Absprung zu verbessern, was sie vor den Weltmeisterschaften 2017 in Lahti auch geschafft hatten. Sie klotzen in der Loipe ran, um genug Power für einen Zielsprint zu haben. Aber wie sollen sie sich verhalten, wenn die Gegner nicht aus anderen Nationen stammen, sondern aus dem eigenen Team? Das Dilemma äußert sich in zwei Symptomen. Erstens eine innere, für die Leichtigkeit des Fliegens hinderliche Verspannung, weil sich niemand im Team seiner Stellung sicher sein kann. Zweitens: vermehrt Stockbrüche beim gemeinsamen Üben von Bergauf-Sprints - der Ehrgeiz brennt schon im Training. Der Teamgeist brauchte vor Lahti also Heilmaßnahmen. Alle zusammen stapften durch den Schnee bergauf, kehrten ein, tranken und aßen und redeten und fuhren auf einem Zipfelbob wieder herunter. "Das hat sie zusammengeschweißt", sagt Weinbuch.

Geheimnisvolle schwarze Anzüge

Lahti wurde ein voller Erfolg, sechs WM-Medaillen, darunter vier goldene für Rydzek - und doch richtete sich der Blick schon bald auf das nächste Ereignis: Pyeongchang 2018. Weinbuchs Team verfiel wieder in innere Verspannung, kam im Weltcup nur selten aufs Podest, was Bedenken für den Höhepunkt der Ära Weinbuch aufwarf. Plötzlich waren die Norweger und der Japaner Akito Watabe besser. Weinbuch lief die Zeit davon, dabei war er längst neben Konzepttrainer und Friedensstifter auch Mentaltrainer: "Reden, reden, reden" müsse er, immer musste er seinen blockierten Springern darlegen, dass die Norweger in ihren geheimnisvollen schwarzen Sprunganzügen gar nicht so viele Vorteile haben, dass ihnen, den Deutschen, nur ein Erfolgserlebnis fehle. Am Ende wurde der Pessimismus im Training einfach ausgetrickst. Die Springer starteten zwei Luken höher, hatten mehr Anlauf und kamen weiter nach unten. Auf der Großschanze, dem zweiten Wettkampf, flogen dann alle weiter als 130 Meter, es war die Grundlage für diesen Dreifachsieg. Geist und Verstand hatten natürlich mitbekommen, dass der Anlauf verlängert worden war. Doch das Sprung- und Fluggefühl ließ sich überlisten und kehrte zurück - in den letzten Tagen vor dem Abschluss eines jahrzehntelangen Projekts.

© SZ vom 22.02.2018/schm

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