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NHL:Die Lawine, das sind die anderen

Colorado Avalanche - kaum ein Name klang im Eishockey der Nullerjahre derart verheißungsvoll. Es folgte eine magere Zeit - und nun die schwächste Saison der Geschichte. Doch es gibt Hoffnung.

Von Johannes Kirchmeier

Die gute Nachricht zuerst: Es gab in der nordamerikanischen Profiliga NHL schon mal schlechtere Teams als Colorado Avalanche. Die Washington Capitals etwa. Die gewannen in ihrer ersten Saison 1974/75 gerade einmal acht ihrer 80 Spiele. Dagegen sind die 20 Siege von Colorado in dieser Saison eigentlich ganz gut.

Es ist jedoch nur eine von vielen Wahrheiten, dass die Avalanche in diesen Tagen mehr Punkte erwirtschaftet haben als die Capitals vor 42 Jahren. Eine andere drückt die Tabelle dieser Saison aus: In der steht der Stolz Denvers, der Hauptstadt Colorados, abgeschlagen auf dem letzten Platz - und nach 73 Partien zehn Siege hinter dem Vorletzten Arizona Coyotes, für die der Landshuter Tobias Rieder stürmt. Colorado spielt die schwächste Saison der Klub-Geschichte.

Es darf daher wieder einmal als ganz normale Woche für Colorado bezeichnet werden, was sich in den vergangenen Tagen ereignet hat. Am Samstag unterlag die Avalanche Detroit 1:5, am Sonntag Chicago 3:6, am Dienstag St. Louis 2:4 und am Donnerstag Leon Draisaitl und den Edmonton Oilers 4:7. Mit einer 4:2-Führung startete die Avalanche ins letzte Drittel, ehe sie 0:5 unterging. "Sie trafen einmal und wir standen herum", sagte Colorados Trainer Jared Bednar. "Es sah so aus, als ob wir Angst vorm Verlieren hatten. Und das passiert dann auch: Du verlierst."

Tyson Barrie, Derek Ryan

Egal wie sehr sie sich bemühen, die Colorado Avalanches sind derzeit nicht konkurrenzfähig.

(Foto: David Zalubowski/AP)

Die Lawine, was Avalanche übersetzt heißt, ist nicht mehr das Team vom Fuße der Rocky Mountains. Die Lawine, das sind die anderen, die Colorado Partie für Partie überrollen.

Dabei schien den Spielern der Avalanche doch ein Sieger-Code in die DNA eingepflanzt zu sein. 1995, gleich in der ersten Saison, nachdem die Organisation zuvor unter anderem mit dem Deutschen Uwe Krupp aus dem kanadischen Quebec nach Denver umzog, gewann die Avalanche den Stanley Cup, die Meisterschaft der NHL. Krupp, mittlerweile Trainer der Eisbären Berlin, schoss dabei im entscheidenden Spiel in der dritten Verlängerung von der blauen Linie aus den 1:0-Siegtreffer. "Das ist schon gigantisch", sagte er später.

Joe Sakic, einer der Helden von einst, ist inzwischen General Manager

Gigantisch sind auch die Namen, die man heute noch mit Colorado Avalanche in Verbindung bringt. Die Angriffsreihen um die Mittelstürmer Peter Forsberg und Joe Sakic prägten die späten Neunziger- und frühen 2000er-Jahre in der NHL. 2001 gewann Colorado noch einmal die Meisterschaft in der stärksten Eishockeyliga der Welt. In diesen Jahren lieferten sich Colorado und die Detroit Red Wings einen legendären Kampf um die Vorherrschaft in der Liga, Detroit gewann die Meisterschaften 1997 und 1998 und ist damit bis heute das letzte Team, das einen Stanley Cup verteidigen konnte. Prägende Spieler in Detroit waren damals Steve Yzerman, Brendan Shanahan, Nicklas Lidström oder Wjatscheslaw Fetissow. Zwei weitere Red-Wings-Titel folgten 2002, mit dem zu den Red Wings gewechselten Uwe Krupp, und 2008.

Inzwischen eint die beiden einstigen Konkurrenten um den Titel die Erfolglosigkeit, denn auch Detroit ist unten angekommen und aktuell das fünftschlechteste Team der Liga. Es ist jedoch kein Zufall in der NHL, dass zwei Teams, die bis vor zehn Jahren die Titel sammelten, nun die Verlierer vom Dienst darstellen.

Solche Perioden stehen als Sinnbild für das nordamerikanische Sportsystem. Es ist eines, das anders als das europäische den Klubs eine möglichst große Chancengleichheit einräumt. Wenn man so will, spielen die beiden Teams derzeit um die prägende Spielergeneration der kommenden 15 Jahre. Denn als schwächere Klubs in dieser Saison dürfen Detroit und Colorado vor der kommenden Spielzeit im Draft, der jährlichen Talente-Auswahl, früher als die besser platzierten Konkurrenten zugreifen - und sich die potenziell besseren Nachwuchsspieler sichern.

Der Erfolg der Edmonton Oilers ist ein Beispiel, das in Colorado Hoffnung macht

Vielleicht ist es also nicht von langer Dauer und gar nicht so schlimm, dass sie insbesondere in Colorado die Leidensfähigkeit ihrer vom Erfolg alter Tage verwöhnten Fans strapazieren. "Ich will langfristig das Beste für meine Organisation", sagte daher jüngst auch Joe Sakic, inzwischen 47 Jahre alt und General Manager der Avalanche, dem US-Sender ESPN. "Um voranzukommen, müssen wir jünger und schneller werden." Den Plan, den sie im US-Sport Rebuild, Umbau, nennen, setzte Sakic dieses Jahr nach und nach um. Altgediente Spieler, wie den 39-jährigen Veteranen Jarome Iginla oder Cody McLeod, 32, gab Sakic ab und sicherte sich dafür im Gegenzug Draft-Rechte anderer Klubs in den kommenden Jahren. Die jüngeren Cracks hielt die Avalanche: den 24-jährigen Flügelstürmer und Kapitän Gabriel Landeskog aus Schweden und den 21-jährigen Kapitänsvertreter und Draft-Pick Nummer Eins von 2013, Nathan McKinnon aus Kanada. Um diese Spieler soll ein neues schlagkräftiges Team entstehen.

AVALANCHE SAKIC HOLDS CAMPBELL TROPHY AFTER VICTORY OVER BLUES

Goldene, jedoch vergangene Tage: 2001 gewinnt der damalige Avalanche-Kapitän Joe Sakic die Meisterschaft. Heute ist er der General Manager des Teams.

(Foto: Reuters)

So wie etwa bei den Toronto Maple Leafs oder den Edmonten Oilers, zwei der schlechteren Teams der Vorjahre. Beide befinden sich mit aufgehübschteren Kadern auf dem Weg in die Playoffs. Edmonton mit Draisaitl und Connor McDavid, dem Nummer-Eins-Pick von 2015 und derzeit besten Punktesammler der Liga, trauen die Experten sogar eine gewichtige Rolle im Titelkampf zu.

Die Lawine könnte also auch in Denver schon bald wieder ins Rollen kommen. Der jüngst nach Los Angeles gewechselte Jarome Iginla sieht eine konkurrenzfähige Mannschaft heranwachsen: "Es gibt viele gute junge Spieler hier. Ich glaube, Colorado hat eine vielversprechende Zukunft", sagte er vor seinem Abgang. Auch wenn der Klub in der Gegenwart erst einmal noch die schlechteste Saison seiner Geschichte zu Ende bringen muss.

© SZ vom 26.03.2017
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