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NHL:"Die Kultur des Schweigens ist verheerend"

Der ehemalige Chef-Trainer der Calgary Flames Bill Peters trat wegen Rassismus-Vorwürfen zurück.

(Foto: AP)

Die Eishockey-Profiliga NHL ist in Aufruhr, nachdem Calgarys Trainer Bill Peters wegen Rassismus- und Gewaltvorwürfen zurücktreten musste. Insider Gare Joyce hofft, dass die Enthüllungen einen Wandel im nordamerikanischen Eishockey bewirken.

Der kanadische Journalist und Schriftsteller Gare Joyce, 63, ist einer der renommiertesten Kenner der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL. Er hat eine Vielzahl von Büchern veröffentlicht, die sich mit der stärksten Eishockeyliga der Welt befassen. Gerade ist sein zweites über Sidney Crosby erschienen ("Most Valuable"). 2015 zeichnete er in der ­Biografie des ehemaligen NHL-Spielers Patrick O'Sullivan dessen Leidensweg nach ("Breaking Away").

Gerade deswegen ist er in der aktuellen Debatte ein gut informierter Gesprächspartner. Denn die NHL ist in Aufruhr, nachdem Calgarys Trainer Bill Peters wegen Rassismus- und Gewaltvorwürfen zurücktreten musste. Peters' Fall zeichnet ein alarmierendes Bild der Umgangsformen in der Liga.

SZ: Der Fall von Calgarys Headcoach Bill Peters, der wegen verbaler und tätlicher Übergriffe zurücktreten musste, hat einiges ausgelöst. Ins Rollen gebracht wurde er durch den gebürtigen Nigerianer Akim Aliu, der Peters rassistische Äußerungen vorwarf. Wie kam es dazu?

Gare Joyce: Ich kenne Aliu seit 2006, als ich eine Geschichte für das ESPN Magazine über ihn schrieb, nachdem er im Training des Juniorenteams Windsor von seinem Teamkollegen Steve Downie angegriffen worden war. Downie schlug ihm mehrere Zähne heraus, und zufälligerweise hatte es ein Kameramann aufgenommen. Deshalb wurden das nationale News. Auch damals spielte schon ein rassistisches Element hinein, doch Aliu wollte auf keinen Fall die Rassismuskarte spielen. Denn er befürchtete, dies könnte seiner Karriere schaden. Ich wusste auch von den Vorfällen mit Bill Peters.

Sie durften aber nichts schreiben?

Nein. Aliu bat mich, nichts zu schreiben. Vor zehn Tagen rief er mich an und sagte: "Schau dir mal meinen Twitter-Account an." Da war es raus. Er ist 30, hatte wohl das Gefühl, dass er sportlich nicht mehr viel zu verlieren hat. Und es traf ihn, dass Peters einen NHL-Job hatte, er aber nicht. Wie schnell die NHL auf Alius Vorwürfe reagierte, dass ihn Ligachef Gary Bettman Tage später bereits zum Gespräch empfing, zeigt mir, wie sehr sich die NHL vor solchen ­Enthüllungen fürchtet. Sie würde die Situation gerne kontrollieren.

Was schwierig sein dürfte. Nach Aliu äußerten sich weitere Spieler über verbalen oder sogar tätlichen Missbrauch ihrer Ex-Trainer. Hat Sie diese Welle überrascht?

Ich bin mir nicht sicher, ob sich Aliu bewusst ist, was er alles ausgelöst hat. Und was der langfristige Effekt sein wird. Wäre er nicht an die Öffentlichkeit gegangen, hätte einer wie Johan Franzén, der in Detroit von Mike Babcock bis zum Nervenzusammenbruch gedemütigt wurde, sich nicht geäußert (gegenüber dem schwedischen Expressen). Das zeigt, wie schwer es ist, darüber zu reden. Franzén spielt ja schon mehrere Jahre nicht mehr und deckte Babcock und die Red Wings trotzdem weiter. Der Fall Babcock beschäftigt mich fast noch mehr als der von Peters.

Wieso?

Babcock war der Lieblingssohn von Hockey Canada. Er coachte das Olympiateam zweimal zu Gold, leitete jeden Sommer Seminare für junge Coaches. Das, was man jetzt von ihm hört, passt so gar nicht dazu, wofür Hockey Canada stehen möchte. Dass man für alle da sein will, Gleichberechtigung propagiert, sich für Para-Eishockey einsetzt. Babcock hatte mehr Power als der Präsident von Hockey Canada. Die Frage ist: Wird er nochmals einen Coachingjob bekommen? Ich schließe es nicht aus. Craig MacTavish wurde verurteilt wegen eines ­Unfalls mit Todesfolge, war im Gefängnis und coacht auch wieder (beim Spengler-Cup in Davos führt er diesmal das Team ­Canada, Anmerkung der Red.). Wenn sich ein NHL-Team erhofft, mit Babcock den Stanley-Cup zu gewinnen, wer weiß? Erfolg und Gier sind größere Triebfedern als Moral.

Auch der frühere Züricher Coach Marc Crawford steht in der Kritik: Er wurde von Chicago als Assistent suspendiert, weil er in Los Angeles auf der Bank Spieler in den Rücken getreten hatte. Betroffen war auch Patrick O'Sullivan, über dessen Leidensgeschichte Sie 2015 ein Buch veröffentlichten. Wie stehen Sie zu Crawford?

Im Buch berichtete O'Sullivan ja auch schon über die Tätlichkeiten Crawfords. Aber damals wurde es unter den Teppich gekehrt. Für O'Sullivan war es besonders hart, weil er schon von seinem Vater geschlagen worden war. Als er von Los Angeles zu Edmonton transferiert wurde, sagte er, er würde gerne mit einem Psychologen reden. Das Management lachte ihn nur aus. Ich hoffe, die Klubs reagieren heute etwas weiser. Zu Crawford: Sein Vater war ja auch Coach. Ich bin überzeugt, dass er stark von seinem Vater geprägt wurde, was seine Methoden und Werte angeht.

Bei den ZSC Lions sagen die Spieler, Crawford sei sehr laut gewesen, aber nie tätlich geworden und habe die Grenze nicht überschritten. Könnte er sich gebessert haben?

Ich möchte gerne glauben, dass sich Menschen weiterentwickeln. Ich kann nicht urteilen über Crawford, dafür kenne ich ihn zu wenig. Ich denke, Coaches richten sich danach, was funktioniert und was nicht. Aber das ist nicht nur ein Problem des Eishockeys. Schauen Sie nur, wie Alberto Salazar im Nike Oregon Project mit einigen Läuferinnen umging. Was diese ­alles erdulden mussten. Das finde ich schlimmer als die exzessive Verwendung von Asthma-Medikamenten. Es sind verstörende ­Zeiten. Die Sportberichterstattung ist zu einer Horrorshow geworden.

Was betrachten Sie als das größte Problem? Tätlichkeiten, verbale Übergriffe, sexuelle oder rassistische Beleidigungen?

Alles ist schlimm. Das größte Problem ist die Angst, Übergriffe öffentlich zu machen. Es gilt immer noch das Credo: Was in der Kabine geschieht, bleibt in der Kabine. Die Kultur des Schweigens ist verheerend. Franzén hätte etwas bewirken können, wenn er sich damals über Babcocks Methoden geäußert hätte. Es gibt zwei Ansätze, um etwas zu verändern. Ich glaube, am einfachsten wäre das Problem von oben herab zu lösen. Indem das ­Management durchgreift. Denn ich verstehe schon, dass die Spieler um ihre Jobs fürchten. Und niemand will ein Nestbeschmutzer sein. Die Verbände, Ligen und Klubs sind nun immerhin sensibilisiert. Aber ich habe das Gefühl, sie sorgen sich mehr um ihr Image als um das Wohlergehen der Spieler.

Tragen die Enthüllungen dazu bei, dass die sog. "Trainer alter Schule" aussterben?

Sie sterben sowieso aus. Sie sind ja von der Mortalität nicht ausgenommen. Der Prozess ist im Gange, überall kommt neues Blut hinein. Diese Aufarbeitung wird dazu beitragen, dass die Coaches künftig mehr den konstruktiven statt den strafenden Ansatz wählen. Aber ein kompletter Kulturwandel braucht Zeit. Ich hoffe, ich erlebe es noch, dass der vollzogen ist.

Eishockey ist in Kanada so etwas wie eine Religion. Werden nun Grundwerte debattiert wie Widerstandsfähigkeit und Härte? Und dass man sich durchbeißt, ohne zu jammern?

Die Debatte hat schon lange begonnen. Die jüngeren Hockeyfans haben in ihren Herzen keinen Platz mehr reserviert für die Trainer alter Schule. Und durch die sozialen Medien wurde der Diskurs über Eishockey demokratisiert. Da kann man gut den Puls der Fans nehmen. Ich war angenehm überrascht, wie viel Unterstützung Aliu und die anderen Spieler erhielten, als sie ihre Storys öffentlich machten.

Ein Zeichen des Wandels ist auch, dass der Moderator Don Cherry von Sportsnet entlassen wurde, nachdem er die Immigranten angefeindet hatte.

Absolut. Die meisten finden, das hätte schon viel früher passieren sollen. Die jüngeren Fans konnten sich mit ihm nicht mehr identifizieren. Als mein Buch über Patrick O'Sullivan herauskam, äußerte sich auch Don Cherry im "Coach's Corner" in der wöchentlichen TV-Show Hockey Night in Canada darüber. O'Sullivan hatte ja für sein Juniorenteam gespielt, für Mississauga. Cherry sagte sinngemäß: "Was O'Sullivan von seinem Vater angetan wurde, ist schrecklich. Aber er hat aus ihm einen ziemlich guten Spieler gemacht, nicht?" Es ist einfach widerlich, so etwas zu sagen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was Don Cherry über Bill Peters, Mike Babcock und Marc Crawford gesagt hätte, dürfte er noch im Fernsehen auftreten.