"Taunting" in der NFL:Verhöhnen verboten!

JACKSONVILLE, FL - DECEMBER 13: Tennessee Titans Running Back Derrick Henry (22) celebrates a touchdown with Tennessee; A. J. Brown

Aufgepasst beim Jubel: Die Titans-Spieler Derrick Henry (Nummer 22) und A. J. Brown (11) sollten ihre Gegner nicht zu sehr provozieren.

(Foto: David Rosenblum/Icon SMI/Imago)

Eine schärfere Regelauslegung in der NFL stößt bei Spielern wie Fans auf Kritik: "Taunting" - das Verspotten des Gegners - wird plötzlich hart bestraft. Wieso reglementiert die Liga die Emotionen so radikal?

Von Fabian Dilger

Ben Hecht, einer der legendären Drehbuchschreiber Hollywoods, hat einmal so umrissen, was eine gute Geschichte ausmacht: "Zwei Hunde, ein Knochen." Er meinte damit, dass Menschen es lieben, emotionale Konflikte zu sehen. Sie brauchen einen Helden und einen Gegenspieler, einen Guten und einen Bösen, die sich um einen Preis streiten.

Im American Football wäre dieser Knochen der Ball, um den passenderweise immer zwei Teams kämpfen. Am zweiten Spieltag der National Football League (NFL) etwa sollte der Ball zu A. J. Brown, dem Passempfänger der Tennessee Titans, fliegen. Der Verteidiger der Seattle Seahawks, D. J. Reed, vereitelte den wichtigen Pass aber, schickte die Titans-Offensive damit eigentlich vom Feld. Nach der gelungenen Aktion ballte Reed kurz die Hände zu Fäusten, wandte sich für eine Sekunde zu Brown um und gab ihm zwei, drei Worte mit. Nichts Wildes, nur ein kurzer, emotionaler Ausbruch. Auf der Stefan-Effenberg-Skala für Gegner-Provokation eher Kätzchen als Tiger. Doch die Schiedsrichter sahen darin ein Vergehen, bestraften die Seahawks mit 15 Yards Raumverlust, die Titans erhielten automatisch drei neue Angriffsversuche und fanden zurück ins Spiel.

Der Pfiff gegen Reed war einer von 13 Fällen an den ersten drei Spieltagen, die in der Football-Welt gerade großen Unmut schüren. Jedes Jahr bestimmt die NFL ein oder zwei Regeln, die die Schiedsrichter in der neuen Saison besonders streng durchsetzen sollen. Diesmal trifft es das sogenannte Taunting - damit sind alle "bemerkenswerten Aktionen" gemeint, die andere Spieler verhöhnen, hänseln oder peinlich aussehen lassen. Diese Definition öffnet ein weites Feld mit viel Interpretationsspielraum, wie der Fall Reed gegen Brown zeigt. An den ersten beiden Spieltagen pfiffen die Regelhüter besonders streng, wenn die Etikette auf dem Rasen nicht eingehalten wurde. Elf Mal führte das Taunting zu einer Bestrafung - nur im Jahr 2000 war das so früh in der Saison häufiger passiert.

Die NFL ist bei Kritik legendär bockig

Spieler, Fans, Experten und Beobachter, fast alle sind empört wegen der strengen Regelauslegung. Kritiker nennen die NFL scherzhaft schon "No Fun League", Spaßverderber-Liga. "Das ist eine Katastrophe in meinen Augen", kommentiert etwa der deutsche Football-Experte Christoph Kröger. Die NFL verteidigt dagegen ihren Befehl zum Durchgreifen: Die Trainer hätten doch gewollt, dass genauer auf die Provokationen geschaut wird. Doch sind Verhöhnungen oder vermeintliche Verhöhnungen wirklich das drängendste Problem dieses Sports? In den vergangenen Spielzeiten ist es keineswegs so gewesen, dass sich Spieler ununterbrochen wie ordinäre Kneipenlümmel aufgeführt hätten.

Die Akteure auf dem Feld jedenfalls sind ratlos. "Die Mehrheit der Fans denkt, dass das eine schlechte Idee ist - und die Mehrheit der Spieler auch", kommentiert J. C. Tretter, Präsident der Spieler-Gewerkschaft. Der 30-Jährige steht Woche für Woche als Center der Cleveland Browns auf dem Platz. "Die Fans genießen die Intensität und die pure Emotion, die die Spieler auf dem Feld zeigen. Die Spieler verstehen meistens die feine Linie zwischen dieser Emotion und unsportlichem Verhalten", sagt Tretter. Man kann die Botschaft der Athleten auch so verstehen: Was für eine dämliche Idee, darauf kann nur jemand kommen, der den Sport nicht kapiert.

Für viele sind die Hauptschuldigen für die verschärfte Regelauslegung schnell gefunden: in den Büroräumen, wo die Team-Eigentümer und die Liga-Organisation sitzen. Weil dort fast ausschließlich ältere Männer in Anzügen agieren, spötteln in den USA einige schon, das Taunting sei eine "Old-Men-Rule". Dieser Gruppe gehe es vor allem um die unproblematische Vermarktung ihres Produkts, heißt es oft - seit Jahren verliert die Liga stetig an TV-Publikum. Ist das Unterbinden des Verhöhnens also ein Versuch, die Leute wieder vor den Bildschirm zu holen? "Niemand möchte einen Spieler sehen, der einen anderen beleidigt", sagt zum Beispiel John Mara, Eigentümer der New York Giants.

NFL American Football Herren USA Commissioner Roger Goodell holds a press conference PK Pressekonferenz prior to Super

NFL-Commissioner Roger Goodell ist ein sauber vermarktbares Produkt wichtig.

(Foto: Kevin Dietsch/UPI/Imago)

Umfragen zeigen allerdings, dass die Menschen abschalten oder ihre Kinder nicht mehr zum Football schicken, weil sie sich mehr Sorgen wegen der gesundheitlichen Langzeitfolgen machen, weil sich die Aufmerksamkeit für NFL-Teams regionalisiert oder wegen der politischen Diskussionen im Football. Das Taunting erwähnten die Befragten nie. Zudem würden die Strafen den Spielfluss viel häufiger unterbrechen, attraktiver würde eine Partie dadurch nicht. Schizophren, sagen Experten wie Kröger, sei die neue Härte ebenfalls: "Auf der einen Seite wird hier verlangt, dass Menschen mit Vollspeed in andere Menschen reinlaufen." Auf der anderen Seite werden aber Emotionsausbrüche bestraft.

Die NFL zeigt sich unbeeindruckt von der Kritik, die auf sie niederprasselt. Man plane keine Änderung der Regelauslegung, teilte sie nach den zahlreichen Beschwerden mit. Wenn es etwas gibt, auf das man sich verlassen kann, dann ist es das: Wird die NFL kritisiert, dann bockt sie. Kröger meint deswegen: Die Spieler werden sich gezwungenermaßen auf die neue Linie einstellen, dann wird die Anzahl der Strafen sinken. "Auf kurz oder lang wird sich die NFL das nicht anders überlegen." Wer am Ende also den Knochen gewinnt - er muss genau aufpassen beim Feiern.

© SZ/tbr/klef
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