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Motorsport:In zwei Welten

Sophia Flörsch will 2020 den nächsten Schritt in Richtung Formel 1 machen und wird in Le Mans starten.

Von Anna Dreher

Sophia Flörsch ist schon fast an Alexander Smolyar vorbei gewesen. Zwölf Runden waren gefahren und Flörsch hatte sich mit ihrem Rennwagen wieder etwas weiter nach vorne gearbeitet im Fahrerfeld, immer in Richtung Punktewertung. Aber über ihr Überholmanöver freuen konnte sie sich nicht. Smolyar kollidierte mit Flörsch, ihr orange lackiertes Auto drehte sich, landete auf dem Gras der Streckenbegrenzung und fuhr rückwärts durch eine Werbebande, bis es schließlich zum Stehen kam. Wieder nichts Zählbares geholt. "Er hat mein Heck berührt und mich herumgewirbelt", funkte sie an ihr Team, erstaunlich ruhig.

Für Flörsch, 19, geht es immer auch darum, Spaß zu haben als Rennfahrerin. Aber diese Einstellung täuscht nicht über den Ehrgeiz und die Ernsthaftigkeit der Münchnerin hinweg. Flörsch weiß sehr gut, um was es jedes Mal geht, wenn sie sich hinter das Lenkrad eines Rennwagens setzt: ihre Zukunft.

Vier Mal sind Flörsch und ihre 29 Konkurrenten in der Nachwuchsserie Formel 3 in diesem Jahr bisher gestartet, die Rennen fanden im österreichischen Spielberg statt. Beim Saisonauftakt kam Flörsch auf Platz 26, im zweiten Lauf auf Platz 16, im dritten auf Platz 21, im vierten fiel sie nach der Kollision aus. Vor allem in der Qualifikation muss sie sich verbessern. Eigentlich kann es dieses Wochenende beim fünften und sechsten Rennen auf dem Hungaroring in Budapest also nur besser laufen. Zumindest nicht mehr arg viel schlechter. In der Gesamtwertung der Nachwuchsklasse liegt Flörsch auf Rang 24. "Ich habe kein Budget ohne Limit und dadurch nicht die Vorbereitungsmöglichkeiten wie manch anderer", sagt Flörsch am Telefon nach ihrer Ankunft in Budapest. "Dafür schlage ich mich ganz gut. Ich versuche, das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Dass ich den Sport überhaupt in dieser Form ausüben kann, ist für mich etwas Großes und nicht selbstverständlich."

Formula 3 Championship - Round 3:Budapest - Practice & Qualifying

Ein Rennwagen mit dem eigenen Namen drauf: Formel-3-Fahrerin Sophia Flörsch.

(Foto: Bryn Lennon/Getty)

Das Budget dafür stellen zu können, ist diesen Winter eine besonders große Herausforderung gewesen. Je nach Team liegt der Betrag dafür zwischen 850 000 und 1,4 Millionen Euro. Reisen, Trainier, Tests, Reifen, Unfallkosten nicht eingerechnet. "Wenn man nicht aus einer sehr vermögenden Familie kommt oder einen prominenten Namen hat, ist es jeden Winter ein Zittern und Bangen", sagt Flörsch, die in diesem Jahr auch gegen David Schumacher fährt, den Sohn des früheren Formel-1-Piloten Ralf. "Aber dann kam das Angebot von Campos Racing, wir bekamen das Budget zusammen - und alles sah gut aus."

2019 war für sie das Jahr der Rückkehr nach ihrem schlimmen Unfall beim Grand Prix von Macau im November 2018. Nach dem Crash war sie mit mehreren Wirbelbrüchen stundenlang operiert worden. Aber sie arbeitete sich zurück ins Cockpit und fuhr beim Formula Regional European Championship mit. 2020 ist nun ihr erstes Jahr in der Formel-3-Serie des Automobilweltverbandes Fia, die auf denselben Strecken und im Vorprogramm der Formel 1 fährt. Es soll das Jahr werden, in dem sie so viele Erfahrungen sammelt, um 2021 jene Resultate abzuliefern, die ihr die Aufmerksamkeit von Teams der höherklassigen Formel 2 bringen - und ist schon jetzt ein Jahr, das vielversprechend anfing.

Sophia Flörsch.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Februar, als Flörsch noch nicht wusste, wie ihre unmittelbare Zukunft im Motorsport aussehen würde, erhielt sie - umgeben von Olympiasiegern und Weltmeistern wie ihrem Formel-1-Idol Lewis Hamilton - bei den Laureus World Sports Awards den Preis für das "Comeback des Jahres". In ihrer Dankesrede sagte sie selbstbewusst: "Hoffentlich stehe ich eines Tages hier und halte die Trophäe für die beste Sportlerin in meiner Hand."

Der Weg zu ihrem Ziel - es als bezahlte Fahrerin in die Formel 1 oder die elektrisch betriebene Formel E zu schaffen - ist noch weit. In diesem Jahr aber könnte sie nächste entscheidende Schritte machen.

Auf erste Tests mit Campus Racing in Bahrain folgte die unfreiwillige Pause durch das Coronavirus, die sie mit vielen Kraft- und Ausdauereinheiten, Trainingsfahrten im Simulator sowie E-Sport-Starts überbrückte. Erst im Juli ist die Ampel von Rot auf Grün gesprungen, für Flörsch nicht nur in der Formel 3, sondern auch in der europäischen Langstreckenserie ELMS. Sie will profitieren von den unterschiedlichen Herausforderungen und Erfahrungen aus beiden Motorsportwelten, wenn sie diese und kommende Saison für das Richard Mille Racing Team startet - inklusive dem legendären 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Die Pandemie hat die Kombination erschwert, viele Termine überschneiden sich. Vor Le Mans wird Flörsch wohl nur an einem ELMS-Rennen teilnehmen können, die Formel 3 geht vor. Die Aufmerksamkeit aber wird vor allem auf der Langstrecke höher sein: Flörsch fährt mit der Kolumbianerin Tatiana Calderón und der Britin Katherine Legge, die sich diese Woche bei Tests jedoch Knochenbrüche zuzog und vorerst ausfällt. "Wir sind das erste reine Frauenteam in der LMP2-Klasse", sagt Flörsch. "Also ist es umso wichtiger, dass wir zeigen, was wir können und abliefern. Das hilft nicht nur uns, sondern dem gesamten Frauenbild im Motorsport." Le Mans findet am 19. September statt, bis dahin könnte das Team von Sophia Flörsch wieder komplett sein.

© SZ vom 18.07.2020

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