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Missbrauchsskandal im US-Turnen:"Du hast meine Eltern davon überzeugt, dass ich eine Lügnerin wäre"

USA Gymnastics Doctor Larry Nassar Sentenced On Multiple Sexual Assault Charges

Der ehemalige Mannschaftsarzt Larry Nassar vor Gericht.

(Foto: AFP)
  • Bei einer Gerichtsanhörung bezichtigen zahlreiche Opfer den wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten ehemaligen US-Kunstturnarzt Larry Nassar direkt.
  • Eines der Opfer macht Nassar für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich.
  • Bereits zu Wochenbeginn hatte auch die viermalige Olympiasiegerin Simone Biles Nassar beschuldigt, sie über Jahre hinweg missbraucht zu haben.

Hoch emotional und teilweise von Weinkrämpfen geschüttelt haben bei einer Gerichtsanhörung in Lansing/Michigan zahlreiche Opfer den wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten ehemaligen US-Kunstturnarzt Larry Nassar direkt bezichtigt. "Er hat mein Vertrauen missbraucht und mich mehr als hundertmal bedrängt und genötigt", sagte die frühere Turnerin Alexis Moore unter Tränen.

Vier mutmaßliche Opfer äußerten sich direkt im Gerichtssaal, weitere Aussagen wurden anhand von Videoaufzeichnungen protokolliert. Der 54-jährige Nassar, in einen blauen Gefängnisdress gekleidet, vergrub mehrfach das Gesicht hinter seinen Händen und schluchzte bisweilen.

"Kleine Mädchen bleiben nicht für immer klein"

Kyle Stephens, einst Babysitterin von Nassars Tochter, warf Nassar vor, sie über sechs Jahre sexuell missbraucht zu haben und für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich zu sein. Nassar, ein Freund ihrer Familie, habe begonnen sie zu missbrauchen, als sie sechs war. Als sie ihren Eltern davon erzählte, hätten sie ihr nicht geglaubt. "Du hast meine Eltern davon überzeugt, dass ich eine Lügnerin wäre", sagte Stephens: "Kleine Mädchen bleiben nicht für immer klein. Sie wachsen zu starken Frauen, die zurückkehren, um deine Welt zu zerstören." Als ihr Vater begriffen habe, dass sie die Wahrheit erzählte, habe er sich das Leben genommen, sagte Stephens einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge.

Donna Markham sagte laut der Zeitschrift Sports Illustrated aus, ihre Tochter Chelsea sei von Nassar sexuell missbraucht worden. Sie habe eine Rückenverletzung, die sie im Alter von zehn Jahren beim Sturz von einem Schwebebalken erlitten habe, behandeln lassen wollen. Ihre Tochter habe sich nie wieder von dem Missbrauch erholt, Drogen genommen und 2009, im Alter von 23 Jahren, Selbstmord begangen.

Bereits zu Wochenbeginn hatte auch die viermalige Olympiasiegerin Simone Biles als bislang prominentestes Opfer Nassar beschuldigt, sie über Jahre hinweg missbraucht zu haben. Die 20-Jährige war damit die vorerst letzte Athletin, die sich über die Praktiken des Mediziners äußerte. Ähnliche Aussagen hatten bereits die Topturnerinnen Gabby Douglas, Aly Raisman und McKayla Maroney getätigt. Unter starkem Druck steht weiterhin der US-Verband. Maroney hat bereits eine Klage eingereicht.

Die 22-Jährige soll vor einem Jahr von USA Gymnastics laut Medienberichten umgerechnet rund eine Million Dollar erhalten haben, damit sie über die Vorgänge um Nassar schweigt. Nassar wurde bereits Anfang Dezember wegen Besitzes von kinderpornografischen Materials zu 60 Jahren Haft verurteilt. Schon in wenigen Tagen droht ihm bei einem weiteren Schuldspruch eine zusätzliche lebenslange Haftstrafe.

Nahezu drei Jahrzehnte war Nassar für den US-Verband tätig, viermal gehörte er zum Olympiateam der USA. Mittlerweile hat auch der Turn-Weltverband FIG auf den Skandal reagiert. Präsident Morinari Watanabe kündigte einen Unterstützungsfond für die Missbrauchsopfer an. "Die Sicherheit von Kindern und jungen Athleten ist in unserem Sport fundamental wichtig. Wir werden keinerlei sexuellen Missbrauch in der Gemeinschaft der Turner tolerieren", sagte der Japaner.

© SZ.de/sid/chge

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