bedeckt München 21°

Madrid:Taumeln im Tanga

Herzensangelegenheit: Angel Di Maria feiert eins seiner Tore für Paris – und gegen Real.

(Foto: Thomas Samson/AFP)

Real geht in Paris 0:3 unter, obwohl beim Gegner der Champagner-Sturm ausfällt. Stattdessen tun zwei Ex-Spieler den Spaniern weh.

Wer will schon mit Bestimmtheit sagen, was Real Madrid am meisten wehtat nach diesem monumentalen 0:3? Der Umstand, dass Paris Saint-Germain quasi freihändig gewonnen hatte, also ohne seinen ersten Dreier-Sturm, weil Neymar (gesperrt), Kylian Mbappé und Edinson Cavani (beide verletzt) nur zuschauen durften? Oder tat noch mehr weh, dass zwei der drei PSG-Tore Angel Di Maria erzielte, der einst das Trikot von Real getragen hatte? Oder war der größte Schmerz, dass Real zwei Tore annulliert wurden, wie Trainer Zinédine Zidane in seine Erklärungen einfließen ließ (wobei er die Rechtmäßigkeit der Entscheidungen derart unterschlug, dass man glauben musste, er sehne die alten Zeiten zurück, als es noch keinen Videoschiedsrichter gab und er mit Real von 2016 bis 2018 drei Champions-League-Siege in Serie feiern durfte)? Oder war es vielleicht doch diese Nachricht, die am meisten wehtat: dass Real Madrid erstmals seit einem Jahrzehnt und 578 Partien ein Pflichtspiel ohne einen einzigen regulären Schuss auf das gegnerische Tor absolviert hatte? "Totaler Kollaps", konstatierte dazu der Chefchronist der Zeitung As.

All diese negativen Dinge hätte Real, salopp gesagt, auch billiger haben können. Kein Verein der Welt hat in diesem Sommer mehr Geld in die Hand genommen, um den Kader aufzurüsten. Mit Ausgaben von 307,5 Millionen Euro lag Spaniens Rekordmeister vor dem FC Barcelona (255), Atlético Madrid (243), Juventus Turin (188,5) oder auch Manchester City (168). Paris Saint-Germain, der Big Spender der Vorjahre, schaffte es mit 100 Millionen Euro gerade mal unter die Top 20. Und siehe da: Trotz (oder wegen?) der spektakulären Ausfälle lieferte PSG "eine Mannschaftsleistung, eine sehr komplette Performance", wie der deutsche Trainer Thomas Tuchel betonte. Die Zeitung L'Équipe frohlockte, PSG habe "mit den Engeln getanzt".

Der Kredit von Trainer Zidane gilt bereits als aufgebraucht. Über Nachfolger wird längst geraunt

Dies gelang unter anderem, weil ein Senegalese namens Idrissa Gueye, immerhin 30 Millionen Euro schwer, sich zum Gouverneur des Spiels aufschwang, sich als "Tintenfisch mit Fußballstiefeln" erwies und viel dazu beitrug, dass "ein PSG ohne Generäle Real im Tanga dastehen ließ", wie die spanische El País schrieb.

"Uns hat Intensität gefehlt", das war die Schlussfolgerung, die übereinstimmend Trainer Zidane, der zurückgekehrte kolumbianische Mittelfeldspieler James Rodríguez (vormals FC Bayern) und Torwart Thibaut Courtois zogen. Der Belgier im Tor war einer der großen Verlierer des Abends. Ihm wurde tags darauf vorgerechnet, dass er in 40 Spielen 58 Mal hinter sich greifen musste (1,4 Gegentreffer pro Partie), während jener Mann, der seinetwegen just nach Paris vertrieben wurde, der dreimalige Champions-League-Sieger Keylor Navas, in 162 Spielen nur 159 Mal überwunden wurde. Courtois sah beim 1:0 von Di Maria (14. Minute) schlecht aus, weil der Argentinier aus spitzem Winkel auf das vordere Toreck zielte, das der Torwart bewachte. Bei Di Marias zweitem Tor, einem Schuss von der Strafraumgrenze, machte Courtois auch keine gute Figur.

Nur beim 3:0 in der Nachspielzeit, das Reals erste Champions-League-Startniederlage seit 2006 zertifizierte, war der Torhüter frei von Schuld. Dabei bediente der von FC Bayern-Boss Uli Hoeneß gering geschätzte linke PSG-Außenverteidiger Juan Bernat seinen Kollegen von der anderen Flanke, Thomas Meunier, indem er sich als perfekter Doppelpasspartner erwies. Das alles geschah unter den glänzenden Augen von Neymar und Mbappé, die auf der Ehrentribüne feixten, ganz in der Nähe des ebenfalls anwesenden Emirs von Katar, der die üppigen Rechnungen bei PSG bezahlt und mit solch einem Abend nicht rechnen durfte. Nach dem langen Transfer-Theater um Neymar hatte der neue Sportdirektor Leonardo ja vorsorglich gelautmalt, dass dies für Paris "nicht das Jahr des Bling-Bling" werde. Doch wer weiß: Der Kader wirkt besser sortiert als das Vorgängermodell, die Mannschaft hat Tuchels Ideen absorbiert, und an der Neymar-Front scheint es zumindest Entspannung zu geben. Nach den ehrabschneidenden Anfeindungen der Vorwochen teilten die PSG-Ultras mit, dass man den Brasilianer jetzt nur noch mit Gleichgültigkeit strafen wolle.

Dafür riecht es nun in Madrid mal wieder nach Schwarzpulver. Schon vor der Partie in Paris hatte Coach Zidane lesen müssen, dass sein Kredit aufgebraucht sei. Dabei ist er erst im Frühjahr zurückgekehrt, um dem Präsidenten Florentino Pérez aus der Patsche zu helfen. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Listen möglicher Nachfolger erstellt werden - über solche wird in den einschlägigen Kreisen rund ums Bernabéu-Stadion längst geraunt: Der frühere Trainer José Mourinho gilt immer noch als Favorit von Pérez, dem Italiener Massimiliano Allegri (zuletzt Juventus) werden ähnlich gute Chancen eingeräumt. Und die Klublegende Raúl sammelt in der zweiten Real-Mannschaft Trainererfahrung, er hätte mindestens Außenseiterchancen, wenn der negative Trend sich fortsetzen sollte.

In der Liga hat Real aus vier Spielen nur acht Punkte geholt und selbst bei Siegen unsicher gewirkt. Am Sonntag geht es nach Sevilla, was nicht nur deshalb eine Feuerprobe wird, weil die Andalusier Tabellenführer sind. Coach von Sevilla ist der vor Jahresfrist bei Real geschasste Julen Lopetegui. Und was abgelegte Lieblinge anrichten können, wurde Real auch in Paris vorgeführt: durch Navas und Di Maria.

© SZ vom 20.09.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite