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Leichtathletik:Zu spät gezündet

European Athletics Team Championships Super League Bydgoszcz 2019

Sieg im ersten Versuch: Julian Weber triumphiert im Speerwurf bei der Team-EM in Polen mit Saisonbestweite.

(Foto: Adam Nurkiewicz/Getty Images)

Speerwerfer Julian Weber ist einer der wenigen deutschen Lichtblicke bei der Team-EM in Polen. Für einen Startplatz bei der WM reicht seine Bestleistung aber nicht - der DLV verteidigt die Nicht-Nominierung.

Was wohl alles in diesem Lächeln des Speerwerfers Julian Weber steckte? Gewiss Freude über seinen Sieg und jene 86,86 Meter, mit denen er am Freitagabend gerade seine Bestleistung in dieser Saison noch mal überboten hatte. Aber auch ein bisschen Trotz? Sogar ein Funke Ärger, weil er nach seinem Erfolg in der polnischen Universitätsstadt Bydgoszcz schon wusste, dass er trotz aller Bestweiten wohl nicht bei der nahenden WM in Doha mitmachen darf?

Die deutschen Leichtathleten bestritten am Wochenende die Team-Europameisterschaft, am Ende reichte es für die DLV-Auswahl für Rang zwei (317,5 Punkte) hinter Gastgeber Polen (345). Neben Weber gewannen noch ein paar weitere Teamkollegen ihre Wettkämpfe, allen voran Weitspringerin Malaika Mihambo mit 7,11 Metern bei etwas zu viel Rückenwind; sie trugen so viele Punkte in die Wertung. Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko hingegen enttäuschte mit 2,22 Metern, er verpasste erneut den Leistungsnachweis für die WM (2,25), der ihm noch fehlt. Andere Stammkräfte wiederum waren gar nicht angereist - man habe eben "die individuellen Vorbereitungsmodelle einiger Spitzenathleten im Hinblick auf die WM in Doha berücksichtigt", sagte DLV-Sportdirektor Idriss Gonschinska. Übersetzt: Lieber beim Saisonhöhepunkt alle Kräfte beisammenhaben als eineinhalb Monate davor, was ja durchaus verständlich ist.

Allerdings drehte sich in Bydgoszcz auch sonst manches um die WM, da war ja noch die Sache mit Julian Weber. Der deutsche Speerwurf ist seit einer Weile der Exportschlager des DLV, sie stellen derzeit den aktuellen Weltmeister (Johannes Vetter), den Olympiasieger und Europameister (Thomas Röhler) sowie den Gesamtsieger der letztjährigen Diamond League (Andreas Hofmann). Für Doha darf der DLV sogar vier Startplätze statt der üblichen drei verteilen, weil Vetter als Titelverteidiger ein automatisches Startrecht zufällt. Doch selbst die verbleibenden drei Slots waren zuletzt schwer umkämpft, da sind ja noch nationale Mitbewerber wie Weber und Bernhard Seifert vom SC Potsdam. Hofmann hatte sich als deutscher Meister zuletzt in Berlin seinen WM-Platz verdient, Röhler mit Konstanz und Platz drei in Berlin, Vetter dank seines Startrechts, auch wenn er in Berlin wegen Wadenproblemen gar nicht startete. Blieben noch Seifert und Weber. Ersterer hatte Ende Mai mit 89,06 Metern brilliert und auch sonst ein starkes Frühjahr aufgeführt, in Berlin schaffte er als Vierter aber nur maue 79,32. Weber war schwer in die Saison gekommen, sein lädierter Fuß schmerzte immer wieder, die Team-EM war erst sein vierter Wettkampf im Freien. Aber jetzt sei er "topfit", in Berlin lag er auf Titelkurs, ehe Hofmann ihn im letzten Versuch abfing. In Bydgoszcz gewann Weber dann sogar mit sieben Metern vor Jakub Vadlejch, dem WM-Zweiten von 2017. Der DLV entschied sich in seinem vorläufigen WM-Aufgebot, das er kurz vor der Team-EM festgezurrt hatte, trotzdem für Seifert.

Eine kleine Chance bleibt Weber: Sollte sich ein Kollege verletzen, würde er nachrücken

Das Fachpublikum nahm das durchaus verwundert auf, Weber führte zuletzt ja die bessere Form mit sich, und das Zeitfenster für die Nominierung schließt erst am 6. September endgültig. Boris Obergföll, Bundestrainer für die Speerwerfer im DLV, schnauft kurz ins Telefon, wenn man ihn darauf anspricht; er weiß, dass es sich um eine delikate Angelegenheit handelt: An einem WM-Platz hängen viele Dinge, Ambitionen, Fördergelder für Athleten und Trainer. "Aber die Nominierung war eine ganz saubere Nummer", sagt Obergföll, "das ist ganz klar und transparent." Man habe sich auf vier Pfeiler gestützt, die allen Bewerbern bekannt gewesen seien: Saisonbestweite, Konstanz in weiteren Wettkämpfen seit Anfang April, der Vergleich bei direkten Duellen, die Meisterschaft zuletzt in Berlin. Die ersten beiden Punkte gingen an Seifert, im Direktvergleich liegen beide gleichauf, in Berlin war Weber vorn. Knapper Gesamtsieg für Seifert. "Ich kann ja auch nicht von einem Wettkampf aufs ganze Jahr schließen", sagt Obergföll mit Blick auf Berlin, und dass man das WM-Aufgebot nach den Titelkämpfen abgesegnet hatte, kurz vor der Team-EM, sei seit Saisonbeginn auch allen Speerwerfern bewusst gewesen - "damit sich alle optimal und in Ruhe auf die WM vorbereiten können". Tatsächlich wurden sie im DLV früher oft dafür kritisiert, dass Athleten sich bis kurz vor einem Großereignis aufreiben mussten, um Normen oder Startplätzen hinterherzuhecheln; beim Höhepunkt waren viele dann ausgebrannt. Den Entscheid für Seifert, sagt Obergföll, habe er vorgeschlagen, er sei im zuständigen DLV-Ausschuss einhellig angenommen worden.

Weber klassifizierte das Verdikt in Bydgoszcz als "echt schade", er gab aber auch zu, dass er noch "ein paar Wettkämpfe" benötige, "um die Routine und die ganz großen Würfe auszupacken". Er konzentriere sich dann halt auf die Zulassung für die Sommerspiele im kommenden Jahr, auch wenn die Rangelei dann noch größer werden dürfte, bei dann nur drei vakanten Plätzen. Dass der 24-Jährige vom USC Mainz das Potenzial dafür hat, bezweifelt niemand: Weber warf schon vor drei Jahren 88,29 Meter und war bei Olympia in Rio dabei, er lag sich aber auch immer wieder selbst im Weg mit seiner mittlerweile stattlich gefüllten Krankenakte - nach Ellenbogenproblemen und einem doppelten Bandscheibenvorfall.

Und ein Nebenpfad nach Doha bleibt ihm immerhin noch. Falls sich Röhler, Seifert oder Hofmann vor dem WM-Start (ab 28. September) verletzen sollten - die Wildcard kann nur von Vetter wahrgenommen werden -, würde Weber nachrücken, sagt Obergföll, klar. Zumindest darin waren sich am Wochenende alle einig.