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Leichtathletik:Gewachsen in Doha

Mehrkampf-Meeting; Ratingen, 20.06.2021 Niklas Kaul - Mehrkampf-Meeting; Ratingen 20.06.2021 in Ratingen. *** all-around

Niklas Kaul ist im Zehnkampf ein "ganz Großer". Zumindest glaubt das Frank Busemann, Olympia-Silbermedaillengewinner von Atlanta 1996 und jetzt ARD-Experte.

(Foto: Kenny Beele /imago)

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul fährt nach dem Meeting in Ratingen mit einem guten Gefühl nach Tokio, eine Olympia-Medaille käme dennoch überraschend.

Von Ulrich Hartmann, Ratingen

Es ist 25 Jahre her, dass ein deutscher Zehnkämpfer eine olympische Medaille gewonnen hat. Aber es war nicht dieses Jubiläum seiner Silbermedaille von Atlanta 1996, das Frank Busemann am Wochenende nach Ratingen bei Düsseldorf verschlagen hat. Er erhielt in seiner Rolle als ARD-Kommentator den Medienpreis des Leichtathletik-Verbands und interessiert sich sowieso immer für all die Athleten, die es ihm olympisch nachtun wollen. "Mein immer noch gültiges Alleinstellungsmerkmal macht mich stolz", sagte der 46-Jährige grinsend, "aber irgendwann wird wieder ein deutscher Zehnkämpfer eine olympische Medaille gewinnen, und dann freue ich mich auch, dass es weitergeht."

Für den 5. August im Olympiastadion zu Tokio rechnet Busemann indes noch nicht unbedingt mit einer deutschen Medaille. "Dazu müssten unsere Jungs zwei echt gute Tage hinlegen", sagte er auf der Tribüne des Ratinger Stadions, in dem jedes Jahr das Mehrkampf-Meeting stattfindet. "Im internationalen Zehnkampf geht gerade die Post ab", beobachtet Busemann und kann sich nicht daran erinnern, dass es vor dem olympischen Giganten-Duell zwischen dem Franzosen Kevin Mayer und dem Kanadier Damian Warner mal zwei Gold-Kandidaten auf 9000er-Niveau gegeben hätte. Für die deutschen Olympia-Starter Niklas Kaul (Mainz) und Kai Kazmirek (Neuwied) werde es nicht leicht. "Wenn sie in Tokio unter die besten Acht kämen, wäre das schon ein gigantischer Erfolg."

Normalerweise hat man nach dem Meeting in Ratingen ein ganz gutes Gefühl, in welcher Form und mit welchen Chancen deutsche Mehrkämpfer zum jeweiligen Saison-Höhepunkt fahren. Dass es diesmal nicht so ist, liegt auch an Corona. Die Olympia-Norm für Tokio schaffte Kaul am 3. Oktober 2019, als er mit 8691 Punkten in Doha Weltmeister wurde. Kazmirek reichte die Norm bereits am 30. Juni 2019 ein, als er mit 8444 Punkten in Ratingen gewann. Und die Siebenkämpferin Carolin Schäfer erfüllte die Olympia-Norm wiederum, als sie am 26. Mai 2019 mit 6426 Punkten in Götzis Vierte wurde. Alle drei haben die Norm seither kein weiteres Mal gemeistert.

Für Kaul und Kazmirek ist das kein Problem. Wegen Corona wurde die Gültigkeit für die Norm um ein Jahr verlängert. In Götzis Ende Mai haben beide einen erforderlichen Leistungsnachweis von 8150 Zählern überboten. Darum genügten Kazmirek bei seinem Sieg in Ratingen 8184 Punkte, darum konnte Kaul dort nach acht Disziplinen aussteigen, um keine Verletzung mehr zu riskieren: "Das Risiko, sich vielleicht noch wehzutun und ein, zwei Wochen wieder raus zu sein, war es nicht wert", sagte er.

Als dritter Olympia-Starter im Zehnkampf kommt der Ratingen-Zweite Mathias Brugger (8080 Punkte) in Frage. Weil er keine Olympia-Norm vorzuweisen hat, muss er für seinen Tokio-Traum darauf hoffen, am 30. Juni im relevanten World Ranking zu den besten 24 Athleten zu gehören. Das gilt auch für die Ratingen-Vierte Vanessa Grimm (6231 Punkte).

Der Bundestrainer sieht noch eine Chance für Carolin Schäfer - aber die muss erst mal wieder fit werden

Ein Sonderfall ist Carolin Schäfer, die Olympia-Fünfte 2016, WM-Zweite 2017 und EM-Dritte 2018. Nach ihrer Corona-Impfung im Frühjahr kam sie noch nicht wieder in Form und musste nach Götzis auch Ratingen absagen. Den für Olympia erforderlichen Leistungsnachweis konnte sie nie abliefern. Nun hofft auch sie aufs World Ranking. "Wir müssen uns mal verbandsintern unterhalten", sagt der Mehrkampf-Bundestrainer Frank Müller, "so einen Fall gab es ja noch nie." Müller sieht noch eine Chance für Schäfer - so sie denn überhaupt rechtzeitig fit wird.

Dass der deutsche Siebenkampf neun Jahre nach Lilli Schwarzkopfs Silber 2012 in London wieder eine Medaille gewinnt, ist also eher unwahrscheinlich. Besser sind die Chancen im Zehnkampf. "Ich gehe mit einem guten Gefühl in die restliche Vorbereitung", sagt Niklas Kaul. "Mir fehlen nur Kleinigkeiten, körperlich bin ich in einer super Verfassung." Zwar habe der 23-Jährige leichte Koordinationsprobleme, seit er das Krafttraining intensiviert habe, doch er "glaube trotzdem, dass ich in Tokio Richtung Bestleistung kommen kann".

Frank Busemann hält Kaul sogar schon jetzt für "einen ganz Großen, sowohl was die Leistung, als auch was die Psyche angeht". Für den Dortmunder ist "glasklar, dass Niklas Kaul irgendwann eine Olympia-Medaille gewinnt - wenn nicht in Tokio, dann eben in drei Jahren in Paris". Busemann glaubt aber auch, dass Kauls 2019 errungener WM-Titel "eine Last für ihn ist, die er mit sich herumschleppt".

Vielleicht rühren ja daher jene "zehn Zentimeter", die sich Kaul größer fühlt und die seine Bewegungsabläufe leicht durcheinanderbringen. Das hat er in Ratingen erzählt. Vielleicht kommt dieses neue aufrechtere Körpergefühl gar nicht vom intensivierten Krafttraining. Vielleicht fühlt man sich als Weltmeister also einfach ein bisschen größer und muss erst lernen, mit dieser neuen Selbstwahrnehmung zurechtzukommen.

© SZ/toe/jkn
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