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Leichtathletik:Die erstaunlichen Ingebrigtsens

Golden Gala 'Pietro Mennea'

Europarekord mit Knalleffekt: Jakob Ingebrigtsen bezwingt bei der Diamond League in Monaco die Weltelite.

(Foto: Marco M. Mantovani/Getty Images)

Das einmalige Projekt der norwegischen Lauf-Familie steht vor seinem vorläufigen Höhepunkt: Der erst 20-jährige Jakob könnte bei den Sommerspielen die afrikanische Vormacht durchbrechen.

Von Johannes Knuth, München

Die Ingebrigtsens, drei Brüder aus Norwegen, die seit Jahren die Leichtathletikwelt aufwirbeln und ein wenig die Aura einer skandinavischen Hipsterband versprühen, sie alle haben eine, ach was, zig Geschichten darüber zu erzählen, wie es ist, von ihrem Vater Gjert Arne trainiert zu werden. Wobei: gedrillt trifft es wohl besser.

Henrik, 30, hat einmal berichtet, wie er als Schüler den Vater bat, ihn schon zwei Mal am Tag trainieren zu lassen. Sein Vater stimmte zu, unter einer Bedingung: Henrik sollte bloß nicht seinen Lehrern davon berichten. Die hätten das bestimmt als zu hart empfunden.

Auch Filip, 28, war es früh gewohnt, sich morgens zu verausgaben. Einmal sei er eine Stunde lang auf Rollerskates durch die Gegend gerauscht, voll im aeroben Bereich. Erst dann sei er zur Schule gegangen.

Und als Jakob vor drei Jahren in Berlin Europameister über 1500 Meter wurde, als 17-Jähriger, hatte der Vater eine klare Vorstellung davon, wie der Sohn den Titel zu zelebrieren habe: ein Glas warme Milch, dann ab ins Bett.

Es ist schon viel gesagt und geschrieben worden über diese, nun ja, spezielle Lauf-Familie, aber nach allem, was aktenkundig ist, handelt es sich bei Jakob, dem Jüngsten, noch mal um eine Ausnahme unter den Ausnahmen. Als 14-Jähriger lief er die 1500 Meter in 3:48,37 Minuten, mit 17 gewann er in Berlin neben den 1500 auch über 5000 Meter, damals sagte Filip: "Diese EM war vielleicht unsere letzte Chance, ihn noch mal einzufangen." 2019 entglitten ihm die Medaillen bei der WM noch im Schlussspurt, als Vierter (1500 Meter) und Fünfter (5000), im Corona-Jahr unterbot er über die 1500 Meter dann den Europarekord von Mo Farah, in 3:28,68 Minuten. Und nun also, bei der Diamond League in Florenz, über 5000 Meter: 12:48,45 Minuten, noch ein Europarekord, der Sieg zudem vor der Weltelite, darunter Weltrekordhalter Joshua Cheptegei. Nur elf Männer waren bislang überhaupt je schneller, keiner wurde außerhalb Afrikas geboren. Und für die Afrikaner, die ihre Vormacht auf der Langstrecke mit Stolz hochhalten, sind das nicht gerade erbauliche Nachrichten, so kurz vor Olympia.

Märchenhaft? Unwirklich? Völlig normal, finden die Ingebrigtsens. Ihr Selbstbewusstsein, offen ausgestellt, lässt sie nicht nur im egalitären Norwegen aus dem Gewohnten fallen. "Wie man einen Weltmeister aufzieht", heißt ein Buch, dass der Vater mal geschrieben hat. Dass keiner seiner Söhne bislang Weltmeister war? Alles offenbar nur eine Frage der Zeit.

Die Karrieren seiner Kinder seien wirklich nur zufällig angelaufen, hat Gjert Arne Ingebrigtsen einmal in einem BBC-Interview erzählt, und wenn man die Geschichte der Familie studiert, klingt das sogar halbwegs plausibel. Die Familie wohnt bis heute in Sandnes, ein Industriedrehkreuz südlich von Stavanger, 75 000 Einwohner. Gjert Arne ist gelernter Logistikmanager, seine Frau besitzt zwei Friseursalons, mit Spitzensport waren beide früher nie in Berührung. Man sei mit den Kindern - fünf Söhne, eine Tochter - immer viel draußen gewesen, Wandern, Langlaufen, die Kinder hätten sich viel gemessen, spielerisch. Bis sie, so erzählt es der Vater, nach und nach vorstellig wurden, wie Jakob, der den großen Brüdern immer hinterherjagte: "Papa, ich will Europameister werden." - "Gut, dabei kann ich dir helfen", sagte der Papa, "aber dann musst du auch alles tun, was ich dir sage." Vielleicht, findet Gjert Arne, "bin ich da etwas strikt."

Das ist vielleicht noch ein klitzeklein wenig untertrieben.

Längst hat sich die Familie an den Sport verkauft, mit dem Vater als Hauptgeschäftsführer, Agent, Manager, Trainer, der jede Einheit kontrolliert, protokolliert. Jeden Herbst schreibt er die Trainingspläne, meist zwölf Monate im Voraus und in Laminatfolie eingefasst, damit niemand auf die Idee kommt, die Umfänge zu verändern. Um Sponsoren anzulocken, lässt er die Familie, nach anfänglicher Skepsis der Söhne, seit 2013 von einem TV-Team begleiten: "Team Ingebrigtsen" ist mittlerweile eine Serie mit fünf Staffeln, die dritte wurde in Norwegen als beste Dokumentation prämiert.

Man erfährt dabei so ziemlich alles, das Training, Jungenspäße, wie die jüngeren Geschwister in ein Leben in der Sportlerblase hineinwachsen, als sei das das Normalste der Welt. Man sieht auch die Spannungen, die so ein Regiment mit sich bringt: Wie Filip den Vater mal einen Diktator nennt, weil er trainieren muss, statt mit seiner Freundin nach Südfrankreich zu fahren, was junge Menschen halt so wollen. Aber letztlich, sagt Jakob an einer Stelle, stehe man vor einer simplen Wahl: "Wollen wir ein Familienleben haben - oder schnell laufen?"

Man kann das konsequent finden oder absurd oder zynisch, weil Eltern hier dem Nachwuchs sehr, sehr früh Entscheidungen aufladen, deren Folgen die Kinder noch nicht erfassen können. Ehe sie irgendwann merken, wie Jakob: "Es ist eine Wahl, die eigentlich keine ist." Man kennt das, wenn Eltern ihre Sportlerträume mit denen der Kinder verweben, von Mary Pierce über Mikaela Shiffrin bis Lewis Hamilton, selten verlief das ohne Zerwürfnisse. Noch so ein Satz von Vater Gjert Arne aus der Familien-Doku, klar und brutal: "Ich will kein wütender Mann sein, sondern ein Vater. Aber wenn ein wütender Mann meine Kinder ihren Träumen näher bringt, werde ich dieses Opfer bringen."

Was man in dieser groß angelegten Reality-Show eher nicht erfährt, ist das Geraune mancher Konkurrenten, denen das alles zu märchenhaft vorkommt: Henrik, Filip, Jakob, von 2012 bis 2018 nacheinander Europameister über 1500 Meter; die Rekorde; ein Vater ohne Trainerausbildung; verdächtig hohe Blutwerte, mit denen Henrik es mal auf eine Liste des Welt-Leichtathletikverbandes schaffte (der Verband beteuerte, dass sich daraus kein Dopingvergehen ableiten lasse). Gjert Arne hat stets beteuert, dass seine Söhne einfach härter trainierten, mit größerem Willen; Jakobs Ausdauer soll schon als Elfjähriger gewaltig gewesen sein (unter anderem eine Sauerstoffaufnahme von 68 ml/kg/min). Aber in alle Untiefen eines Athletenköpers lässt sich nie hineinleuchten, bei aller Nähe, die die TV-Kameras suggerieren.

Die Träume, das Regiment des Vaters - die Frage ist längst nur noch, wohin das alles führt. "Ich werde nicht aufhören, bis ich der Beste bin", hat Jakob einmal gesagt. In Tokio könnte er eine olympische Medaille gewinnen, voraussichtlich über 1500 Meter (der große Favorit Timothy Cheruiyot wurde nach einer Verletzung vom kenianischen Verband nicht für die Sommerspiele nominiert). Die 5000 Meter wird Ingebrigtsen wohl sogar auslassen, der Endlauf findet am Tag vor dem 1500-Meter-Finale statt.

Das ist selbst einem Ingebrigtsen etwas zu hart.

© SZ/klef
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