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Leichtathletik:Dem Strudel entgangen

Leichtathletik, Coronavirus covid-19, Corona-Zeit, fast arms-fast legs, wetzlar, 18.07.2020 ENWAG-Stadion Wetzlar, Synd

Die Gästeliste liest sich mal wieder sehr gut: Über 100 Meter etwa hat sich die Jahresschnellste Lisa-Marie Kwayie (rechts, im Laufduell mit Syndia Oguama) angekündigt, die zuletzt 11,21 Sekunden lief.

(Foto: Gladys Chai von der Laage/imago)

Der Direktor des Leichtathletik-Meetings freut sich "narrisch" auf eine außergewöhnliche Veranstaltung in ungewöhnlichen Zeiten.

Von Johannes Knuth

Manchmal kann das Unerwartete ja auch die Sinne schärfen, wobei die Organisatoren des Regensburger Leichtathletikmeetings auf ihre jüngste Improvisationsübung wohl lieber verzichtet hätten. Weil Zuschauer für größere Events in Bayern nach wie vor nicht zugelassen sind, war es umso wichtiger, dass sie für ihre diesjährige Sparkassen-Gala am kommenden Wochenende einen Live-Stream bereitstellen. Das Stadion am Weinweg, das diesmal das gesperrte Universitätsstadion als Schauplatz ersetzt, verfügt aber nicht über die nötige Anbindung ans digitale Netz. Also müssen die Regensburger die Glasfaserkabel aus einem naheliegenden Kindergarten heraus an die Anlage verlegen. "Geht nicht, gibt's nicht", dieses Mantra trägt Meeting-Direktor Kurt Ring durchaus oft und durchaus selbstbewusst vor sich her.

Ring hat mit seiner forschen Art manches bewegt, nicht nur bei der LG Telis Finanz, seinem Regensburger Stammverein; er eckt damit auch gerne mal in der Szene an. Aber die Ergebnisse stehen meist für sich, auch im Fall des diesjährigen Meetings. Im vergangenen März wusste niemand so recht, ob die Saison der Leichtathleten vom Strudel der Corona-Pandemie verschluckt werden würde. Jetzt ist die Gala, die seit Jahren eines der wenigen verbliebenen größeren Meetings in Deutschland ist, einer der größten Fixsterne einer verkürzten Spätsaison, die in diesen Tagen losrollt. Die Regensburger mussten die Startlisten zehn Tage vor Meldeschluss schließen, der Wettkampfdurst nach der langen Pause ist gewaltig, 850 Athleten haben sich angekündigt - erst für die Laufnacht am Samstag, dann für das Hauptprogramm am Sonntag. Viele Disziplinen sind so prominent besetzt, dass das Wochenende einer kleinen deutschen Meisterschaft gleicht, ehe es am 8./9. August in Braunschweig schon zu den nationalen Titelkämpfen kommt. Man freue sich jedenfalls "ganz narrisch", sagt Ring - es ist eine Vorfreude, die sich auch daraus speist, dass sie in Regensburg etwas Außergewöhnliches bewerkstelligt haben in nicht gerade gewöhnlichen Zeiten.

Mitte Mai hatte Ring noch etwas pessimistischer geklungen: Die Bundesliga-Fußballer hatten ihren Geisterbetrieb zwar gerade wiederaufgenommen, die Leichtathletik aber musste noch einige Klippen umschiffen. Kontaktsport wie in den Laufdisziplinen war fast nirgendwo gestattet, Ausnahmegenehmigungen waren nicht ohne Weiteres aufzutreiben - den Deutschen Leichtathletikverband (DLV) hatte das gar dazu verleitet, die längeren Strecken fürs Erste aus dem Programm für seine Titelkämpfe zu nehmen. Ob Zuschauern würden kommen dürfen, ohne die sich viele Meetings kaum rechnen, war ebenfalls ungewiss. Die Regensburger konzentrierten sich aber dennoch lieber auf das, was bald möglich sein könnte, als auf das, was als unmöglich erschien: Sie horchten in die Politik hinein, reichten Konzepte für zwei Laufwettbewerbe ein (die Anfang Juli problemlos stattfanden, mit Körperkontakt), was sie wiederum darin bestärkte, binnen vier Wochen ein volles Meeting-Programm zu schnüren. Sie warben bei ihren Sponsoren um Gelder, vor allem beim Namensgeber der Gala, der DLV kam bei Hotelkosten und Antrittsgeldern entgegen. Wenn alles gut geht, bestätigt Ring, könnte finanziell nun sogar ein kleiner Gewinn übrigbleiben.

Ganz ohne Einschränkungen werden sie dennoch nicht auskommen. Die schnelle Bahn des Unistadions, ihrer Stammstätte, ist diesmal unzugänglich, die Universität hat die Anlage wegen der Pandemie bis zum Jahresende gesperrt. Athleten und Betreuer müssen am Wochenende den handelsüblichen Abstand wahren, auch beim Jubeln im Ziel. Der Zeitplan ist so getaktet, dass die Sportler blockweise ins Stadion geleitet werden. Ansonsten, sagt Ring, setze er auf die Vernunft: "Weil ich glaube, dass keiner in unserem Leichtathletikvölkchen interessiert ist, sich Corona einzufangen. Die wollen ja ihren Sport weiter betreiben." Die Gästeliste bekräftigt diese These durchaus: Über 100 Meter sind unter anderem die Jahresschnellste Lisa-Marie Kwayie (zuletzt 11,21 Sekunden), Lisa Mayer, Rebekka Haase und Laura Müller dabei, bei den Männern der deutsche Rekordhalter Julian Reus, Michael Pohl sowie der Schweizer Julian Wicki, der bislang flotteste Europäer in diesem noch kurzen Jahr über 100 (10,11) und 200 Meter (20,45). Corinna Schwab von der LG Telis Finanz (zuletzt 51,97) führt das Feld über 400 Meter an, vor Ruth Sophia Spelmeyer, Nadine Gonska und Jackie Baumann, über die Langhürden haben sich Constantin Preis und Carolina Krafzik angekündigt. Die Laufnacht am Samstag steht im Zeichen von Alina Reh, die über 5000 Meter als erst sechste Deutsche die 15 Minuten unterbieten möchte; Elena Burkard und Caterina Granz wollen sogar an beiden Tagen starten. Bei insgesamt 850 Athleten, Betreuern und zwei Moderatoren wird es sich vermutlich nicht vermeiden lassen, dass dabei auch etwas Stimmung aufkommt - sogar unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

© SZ vom 24.07.2020

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