Leichtathletik "Das hilft zur Erholung"

Genzebe Dibaba, nachdem sie beim Diamond-League-Meeting im Juli 2015 über 1500 Meter neuen Weltrekord gelaufen war. Jetzt wird ihr Trainer wegen Dopingverdachts verhört.

(Foto: Claude Paris/AP)

Epo, Steroide, Spritzen: Nach der Verhaftung des somalischen Trainers Jama Aden droht der Leichtathletik die nächste Krise.

Von Johannes Knuth

Die Athleten kamen gerade von ihrer Vormittagseinheit zurück, als die katalanische Polizei anrückte. Vier Wochen lang hatten Ermittler die prominent besetzte Trainingsgruppe des Somaliers Jama Aden in der spanischen Industriestadt Sabadell ausgespäht (Deckname: Operación Rial), rund um die Uhr, darunter auch Genzebe Dibaba, Weltrekordhalterin über 1500 Meter aus Äthiopien. Dann griffen die Polizisten dann zu. Sie durchsuchten mehrere Räume des Vier-Sterne-Hotels, in dem Adens Gruppe logierte, sie fanden gebrauchsfertige Spritzen mit dem Blutdopingmittel Epo, dazu anabole Steroide und weitere 60 Spritzen, die untersucht werden müssen. Den Trainer Aden, weinrotes Hemd, weiße Mütze, führten sie gleich ab, kurz darauf einen Betreuer aus Marokko. Anti-Doping-Fahnder des Leichtathletik-Weltverbandes testeten unterdessen rund zwei Dutzend Athleten, darunter offenbar auch Dibaba. Auf die krisengeschüttelte Leichtathletik rollt die nächste Welle zu.

2015 brach Dibaba den verruchten Weltrekord über 1500 Meter

"Operación Rial" birgt zumindest die Kraft, die ostafrikanische Laufszene nachhaltig zu erschüttern. Aden hatte in Spanien ja ein feines Aufgebot zusammengezogen: Dibaba; Ayanleh Souleiman aus Dschibuti, Hallen-Weltmeister 2014 über 1500 Meter; Abubaker Kaki aus Sudan, zweimaliger Hallen-Weltmeister über 800 Meter; auch der 500-Meter-Hallenweltrekordhalter Abdalelah Haroun. Adens Athleten haben in den vergangenen Jahren allerlei erstaunliche Darbietungen aneinandergereiht, die aufsehenerregendste Bestmarke hatte Dibaba im vergangenen Juli in Monaco in die Landschaft gepflanzt: Sie drückte den Weltrekord über 1500 Meter auf 3:50,09 Minuten. Die alte Bestmarke hatte die Chinesin Yunxia Qu erschaffen, eine Läuferin aus der von faulem Betrugsgestank umwehten Gruppe des Trainers Ma Junren. "Mas Armee", wie die chinesischen Läuferinnen wegen ihres Gleichschritts genannt wurden, produzierte in den Neunziger Jahren diverse Bestzeiten und Weltrekorde. Alles nur dank Training und Schildkrötenblut, wie der Trainer versicherte.

Dibabas Betreuer Aden drohen nun bis zu zwei Jahren Haft: Dopingmittel zu verabreichen ist in Spanien strafbar. Ob und wie Aden über Methoden, Athleten und Hintermänner auspackt, ist noch unklar. Die Daily Mail schob den Vorhang, der Adens Dopingnest verhüllt hatte, am Dienstag schon mal ein wenig auf, sie zitierte den amerikanischen Läufer David Torrence, der sich mittlerweile von Aden getrennt hat: Der Trainer habe ihm damals gedrängt, sich "Vitamine" zu spritzen. Als Torrence fragte, warum er die Vitamine nicht einfach schlucken könne, wie, nun ja, Vitamine eben, soll Aden geantwortet haben: "Nein, das löst nur dann eine Reaktion aus, wenn du sie dir direkt injizierst." Ein anderer Aden-Schüler, der Marokkaner Hamza Driouch, berichtet, er wurde seit 2011 von Aden mit Injektionen versorgt, fünf Milliliter, drei Mal die Woche. Als Driouch stutzig wurde, antwortete Aden: "Das hilft dir bei der Erholung. Frag mich nicht noch einmal, wenn du ein guter Champion werden willst." Driouch brummt mittlerweile eine zweijährige Dopingsperre ab.

Apropos Driouch. Der wurde im vergangenen März - er war da bereits gesperrt - mit dem Olympiasieger Mo Farah beim Training gesichtet; Farah brachte das heftige Kritik ein. Kurz darauf wurde gegen Farahs Trainer Alberto Salazar ermittelt. Der Amerikaner soll Dopingregeln umfahren haben, die amerikanische Anti-Doping-Behörde untersuchte. Auch Farah und Aden kennen sich, 2015 tauschten sie sich in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba aus, Farah trainierte dort in der Höhe. Sowohl Farah als auch der britische Leichtathletik-Verband distanzierten sich nun hastig, Aden habe nur ein paar Mal eine Stoppuhr gehalten, mehr nicht. Apropos Äthiopien: Der Leichtathletik-Weltverband hatte zuletzt seine Kontrolleure vermehrt in das erfolgreiche Läuferland geschickt. Die nationale Anti-Doping-Agentur hatte es 2015 offenbar geschafft, genau null Trainingskontrollen zu organisieren.

Spaniens Anti-Doping-Agentur wurde zuletzt suspendiert

Es qualmt und stinkt an allen Ecken im Weltsport. Besonders dichter Rauch zieht aus Spanien herüber, wo Adens mutmaßliche Zelle enttarnt wurde. Die könnte es durchaus mit dem ehemaligen Balco-Dopingnest des Kaliforniers Victor Conte aufnehmen. Im März etikettierte die Welt-Anti-Doping-Agentur bereits die spanische Agentur als "nicht regelkonform", Anfang Juni verlor das Madrider Labor seine Akkreditierung. Vor zwei Wochen verhafteten kolumbische Behörden den spanischen Sportmediziner Alberto Beltran, die Spanier hatten ihn per Interpol suchen lassen. Es war seine dritte Verhaftung, nach 2001 und 2012. Beltran war mit den Betreuern von Doping-Tätern aus Radsport und Leichtathletik vernetzt, unter anderem mit Cesar Perez, dem Trainer der Hindernisläuferin Marta Domínguez. Letztere wurden 2012 verhaftet. Eines der Doping-Netzwerke, das sie damals hoben, unterhielt einen Shop in Barcelona, wo sich Beltran und vor allem maghrebinische Leichtathleten mit Schnellmachern versorgten.

Der Leichtathletik-Weltverband teilte nun mit, man habe Adens Gruppe seit 2013 im Visier, zusammen mit Interpol und den spanischen Behörden. Man nutze alle Kräfte, um "die Integrität unseres Sports zu schützen".