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Klettern:Sahne ohne Kirsche

Deutscher Kletterer Megos löst bei WM Ticket für Olympia

„Ich werde einen Teufel tun und da mit irgendwelchen Erwartungen hinfahren.“ – Alexander Megos sieht der Reise nach Tokio entspannt entgegen.

(Foto: Lino Mirgeler/dpa)

Alexander Megos hat sich bei der WM in Japan als erster Deutscher ein Olympia-Ticket gesichert - er ist ein Beispiel für die neue Stärke im deutschen Klettern.

Als Profikletterer weiß man, wenn an der Wand nichts mehr geht. Alexander Megos hatte sich beim Boulder-Wettbewerb im Combined-Finale in Hachioji verletzt. Zweimal testete der 26-Jährige noch seine Fingerkraft, indem er die Fingerspitzen auf dem grünen Griff der Route ablegte, um festzustellen: Das Ringband des linken kleinen Fingers war gerissen. Kopfschüttelnd vermittelte er mit seinem hoch gestreckten Finger, dass er an dieser Stelle abbrechen würde. Doch für Megos war das Glück im Unglück: Das Ticket für Olympia 2020 hatte der Erlanger zu diesem Zeitpunkt schon in der Tasche.

Im japanischen Hachioji fanden die Weltmeisterschaften im Klettern statt. Die drei Einzeldisziplinen Bouldern, Speed- und Leadklettern standen auf dem Prüfstand. Besonders im Fokus war jedoch die neue, extra für Olympia geschaffene vierte Disziplin: die olympische Kombination, weil man durch ein gutes Abschneiden die ersten Olympia-Tickets lösen konnte. Drei deutsche Athleten und eine Athletin bemühten sich in Hachioji genau darum. Doch nur Alexander Megos gelang es. Darüber sei er "sehr glücklich", sagt er, wirklich gerechnet habe er damit aber nicht.

"Jeder von uns hätte es jedem gegönnt, sich zu qualifizieren", sagt er über das deutsche Team

Die Stimmung im Team sei trotz der verpassten Chancen für Jan Hojer und Yannick Flohé sehr gut. Afra Hönig war schon zu Beginn ausgeschieden. "Jeder von uns hätte es jedem gegönnt, sich zu qualifizieren", sagt Alexander Megos. Beim Klettern hänge es ganz stark davon ab, wie einem die Routen liegen - und welche Tagesform man gerade hat. "Vor ein paar Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass es drei Leute in Deutschland gegeben hätte, die fit genug wären, sich für Olympia zu qualifizieren", sagt Megos.

Zunächst bescherte Megos die WM eine Silbermedaille in seiner stärksten Disziplin Leadklettern, also dem klassischen Seilklettern. Starke Leistungen in den zwei anderen Disziplinen sicherten ihm einen Platz unter den besten 20 Kletterern der WM und in der Qualifikationsrunde für die vierte Disziplin. Er kletterte unter die acht Besten, was ihm die Olympia-Teilnahme einbrachte. Das Kombinations-Finale fand am letzten Tag der WM statt. Ein Start sei für Megos nicht nötig gewesen, sondern eher "die Kirsche oben auf der Sahne". Umso ärgerlicher war die Verletzung.

Seit Freitag ist Megos zurück in Deutschland. Am Telefon wirkt er äußerst entspannt. "Bis nächstes Jahr August habe ich keinen Druck und keinen Stress mehr", sagt der Franke. Einzig der Finger müsse sich wieder entsprechend regenerieren. Bis er wieder "so fit" sei wie zuletzt, dauere es sicher einige Monate. "Aber ich kann in der Zwischenzeit auch anderweitig trainieren", sagt Megos. Weder die nächste Saison, in der er aus Trainingszwecken an Weltcups teilnehmen wird, noch Olympia sehe er durch seine Fingerverletzung gefährdet.

"Wir hatten uns im Vorfeld eine 50:50- Chance ausgerechnet, dass er sich hier schon für Olympia qualifiziert", sagt Patrick Matros, neben "Dicki" Korb einer der beiden persönlichen Trainer von Megos. Sie begleiten Megos schon seit 13 Jahren und stehen im engen Austausch mit den Bundestrainern. Dass Megos auf der Ziellinie dann gleich in allen drei Disziplinen über sich hinaus wuchs, hatte so keiner erwartet. Bei der Qualifikation für das große Finale in der olympischen Kombination belegte Megos beim Bouldern, also dem seilfreien Klettern in Absprunghöhe, und Leadklettern den ersten Platz. Im Finale selbst verbesserte er seine Bestzeit im Speedklettern, also dem schnellstmöglichen Emporsteigen an einer genormten Wand, um "unglaubliche 0,7 Sekunden", sagt Matros und rechnet vor, was das für einen 100-Meter-Läufer bedeuten würde: "Meine Bestzeit liegt bei 10,00 Sekunden und dann zünde ich im Finale mit 9,30 Sekunden eine Rakete." Megos' Verletzung sieht der 46-Jährige pragmatisch: "Klettern ist Spitzensport und bringt den Menschen an die Grenzen seiner Belastungsfähigkeit." Das sei immer eine Gratwanderung.

Für Alex Megos steht nun erstmal Entspannung auf dem Programm. Eine Olympia-Medaille sieht er trotz seiner Erfolge in Hachioji nicht garantiert. "Ich werde einen Teufel tun und da mit irgendwelchen Erwartungen hinfahren", sagt er. Jan Hojer und Yannick Flohé probieren es weiter. Einer von beiden hat die Chance, sich für das verbliebene Ticket zu qualifizieren, weil nur je zwei Athleten je Geschlecht und Nation antreten können. Der nächste Wettkampf Ende November in Toulouse könnte darüber entscheiden.