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Kai Havertz:Einer für die Zukunft

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Technisch filigran, taktisch sehr flexibel: Der Leverkusener Kai Havertz (links) – hier bestaunt vom Gladbacher Jonas Hofmann – ist erst 19 Jahre alt, aber fußballerisch schon sehr weit.

(Foto: Jan Huebner/imago)

Für seine Zusammenstellung des neuen Nationalmannschaftskaders erhielt Bundestrainer Joachim Löw viel Kritik. Die Berufung des Leverkuseners aber ist nachvollziehbar.

Von Philipp Selldorf, Köln

Wenn Heiko Herrlich aus seinem Leben als Fußball-Lehrer erzählt, fällt mit hoher Wahrscheinlichkeit und eher früher als später der Name Toni Kroos. Mit ihm hatte Bayer Leverkusens Trainer zu tun, als er vor mehr als einem Jahrzehnt die Junioren-Nationalelf betreute. Der 17-jährige Kroos stand jenem Team nicht nur als Kapitän vor, sondern nach Herrlichs Auffassung auch im Verdacht, "eines der größten Talente des Weltfußballs" zu sein, wenngleich eines mit einem gewissen pädagogischen Förderbedarf, denn schon als Teenager litt Kroos nicht an Minderwertigkeitskomplexen. Auch diese Eigenart hat bei Heiko Herrlich Eindruck hinterlassen.

Mit Kai Havertz hat es Herrlich ein gutes Stück leichter, der 19 Jahre alte Leverkusener Mittelfeldspieler neigt weder zu Extravaganzen noch tritt er durch exaltiertes Temperament, rasenden Ehrgeiz oder sonstige Auffälligkeiten hervor. Bisher begnügt er sich damit, durch Taten aufzufallen, dies aber in einem Maße, dass Herrlich wieder an seinen früheren Schüler erinnern möchte: Havertz sei "das größte Talent, das ich seit Toni Kroos gesehen habe", sagte der Bayer-Coach vor einer Woche, als er noch nicht wissen konnte, dass Jogi Löw den aus Aachen stammenden und in Leverkusen aufgezogenen Havertz in die neue DFB-Auswahl aufnehmen würde.

Als der Bundestrainer jetzt in München seinen Kader für die kommende Länderspielwoche vorgestellt hat, wurde ihm vorgeworfen, er lasse es an Innovationsgeist fehlen und habe statt einer Reform seines Nationalmannschaftsbetriebs bloß ein Reförmchen in Gang gebracht. Zum Beispiel, weil er doch lediglich drei Neulinge berufen habe und mit lauter Altgedienten zum versprochenen Neubeginn aufbreche. Bei näherer Betrachtung des Kaders kann man allerdings meinen, dass es eher zu viele als zu wenige Neulinge sind. In seinem Bemühen, dem Publikum etwas Neues zu bieten, zugleich aber den alten Gefährten gegenüber loyal zu bleiben, hat Löw einen Personalplan mit Schieflage konstruiert.

Der 21 Jahre alte Abwehrspieler Thilo Kehrer etwa hat zwar kürzlich großes Aufsehen erregt, als er für die Fabelsumme von annähernd 40 Millionen Euro vom FC Schalke zu Paris St. Germain transferiert wurde, dies dürfte aber nicht der Grund dafür sein, dass ihn Löw jetzt eingeladen hat. Kehrer ist ein kampfstarker, wendiger und schneller Innenverteidiger, der in der Not auch einen plausiblen Außenverteidiger abgibt. Einen dringenden Bedarf im Nationalteam deckt er mit diesem Profil allerdings nicht. Vielmehr gesellt sich der junge Mann zu einer Gruppe von Spielern, deren Gattung im aktuellen Aufgebot deutlich überrepräsentiert ist: Außer den alten Herren Jérôme Boateng und Mats Hummels gehören ihr Matthias Ginter, Niklas Süle und Antonio Rüdiger an. Plant Löw etwa, den Franzosen zum Start in den neuen Uefa-Cup namens Nations-League mit einem halben Dutzend Innenverteidiger entgegenzutreten? Dem Reichtum an Spielern für die zentrale Deckung steht eine relative Armut bei der Besetzung des Mittelfeldes gegenüber: Leon Goretzka und Ilkay Gündogan teilen sich den Platz neben Kroos. Außer Sami Khedira hat Löw noch einen weiteren WM-Fahrer in den vorläufigen Nationalspieler-Ruhestand versetzt, doch dass er auch Sebastian Rudy daheim lässt, erscheint doppelt merkwürdig: Erstens hat er damit im defensiven Mittelfeld einen personellen Notstand geschaffen, zweitens hatte ja gerade Rudy bei seinem, wenn auch kurzen WM-Auftritt einen seriösen Eindruck hinterlassen.

Mit der Berufung von Kai Havertz ist Löw hingegen auf geradem Weg in die Zukunft aufgebrochen. Er hat einen Mann verpflichtet, dem zuzutrauen ist, dass er auf Dauer den prominentesten Abwesenden vergessen lässt. Für Uli Hoeneß klingt das zunächst nach einer schlechten Nachricht: Nicht nur Bayer-Manager Rudi Völler stellt Vergleiche mit Mesut Özil an, wenn er über die Ballfertigkeiten von Havertz spricht. Auch Havertz selbst betrachtet Özil als persönliches Vorbild: "Er spielt Fußball, wie ich ihn mag, strahlt Ruhe am Ball aus und wirkt nie gestresst", hat er mal erklärt. Hoeneß hingegen hält Özil bekanntlich für überschätzt und dessen Ruhm für das Resultat einer Massensuggestion.

Havertz gelangt im Rang eines Musterschülers ins Nationalteam. Aufgrund seiner Begabung hat er schon in den Kinder- und Junioren-Teams immer wieder Jahrgänge übersprungen, auch beim DFB lässt er das Sprungbrett U 21 aus und wird aus der U 19 zu den Senioren befördert. Als er im Herbst 2016 unter Roger Schmidts Aufsicht seine ersten Profispiele in Leverkusen machte, hat es den Trainer nicht erstaunt, dass der große Sprung auf Anhieb glückte. "Wir wussten, dass er ein fertiger Spieler ist", sagte Schmidt nach Havertz' Debüt im Alter von 17 Jahren und 126 Tagen. Der Trainer hatte ihn zum Auswärtsspiel in Bremen kommen lassen und dann prompt eingewechselt. "Schon beim bloßen Zuschauen auf der Bank" sei er nervös gewesen, hat Havertz dem Portal Spox neulich erzählt: "Als der Trainer mir dann signalisierte, dass ich reinkomme, hat sich das noch mal deutlich gesteigert. Doch in dem Moment, als ich den Platz betrat, war das irgendwie wie weggeblasen. Nach Abpfiff war ich zwar enttäuscht wegen der Niederlage, auf der anderen Seite war pure Freude in mir, da mir dann so richtig bewusst wurde, was nach 15 Jahren Fußball auf einmal passiert ist." Özils Rückennummer zehn übernimmt vorerst der Bayer-Kollege Julian Brandt, es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis es zum Trikottausch kommt.

© SZ vom 31.08.2018

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