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Triathlon:Eisenfrau und Eisenmann

3,8 Kilometer schwimmen, 180 Kilometer Rad fahren, 42,195 Kilometer laufen – und dann noch jubeln: die Ironman-Sieger Jan Frodeno und Anne Haug.

(Foto: Marco Garcia/AP/dpa)
  • Die Triathleten Anne Haug und Jan Frodeno gewinnen ihre Rennen beim Ironman auf Hawaii.
  • Haug ist die erste Deutsche, die auf Hawaii triumphiert. Frodeno verbessert den Streckenrekord von Patrick Lange.
  • Angesichts ihrer Vorgeschichte erscheint der Sieg der beiden Athleten noch überraschender.

Anne Haug wartete wirklich bis ganz zum Schluss. Sie drehte sich noch einmal um, blickte über die Schulter, aber da war längst niemand mehr, der ihr diesen Erfolg jetzt noch rauben konnte. Einerseits. Andererseits hat Haug schon einiges erlebt in ihrer noch jungen Karriere auf der Triathlon-Langstrecke, einen körperlichen Systemabsturz auf den letzten Laufkilometern etwa - da gibt man sich seiner Freude lieber nicht zu früh hin. Und so schlich sich diesmal erst wenige Meter vor dem Zielbogen ein Lächeln in das Gesicht der 36-Jährigen, es war ein sehr ungläubiges, ein dankbares Lächeln. Hawaii-Sieger erkennt man ja meist an ihrer Demut.

Anderer Darsteller, fast das gleiche Bild: Knapp eine Stunde vor Haug war der schnellste Mann beim diesjährigen Ironman auf Hawaii im Ziel eingetroffen. Jan Frodeno trieb zwar noch einen Läufer vor sich her - aber dabei handelte es sich um einen Hawaiianer mit nacktem Oberkörper, Rockschmuck und einer Fackel, der den alten, neuen Sieger aus Deutschland ins Ziel geleitete. Und auch Frodenos Gesicht, von Schmerzen zerfurcht und Schweiß umhüllt, umspielte nun allmählich ein stilles Lächeln. "Das ist der Tag, den ich meine Karriere lang gesucht habe", sagte der 38-Jährige später, wohl wissend, dass so ein Tag womöglich niemals wiederkommt.

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Der Sport pumpt seine Besten ja schnell auf Überlebensgröße auf, aber am Samstag, beim mythenbepackten Ironman auf Hawaii, kam man an der Gewichtigkeit der Ereignisse nur schwer vorbei. Haug gewann gleich in ihrem zweiten Versuch die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen auf der schwülheißen Pazifikinsel, als erste Deutsche in der 41-jährigen Geschichte dieses Schmerzensdreikampfs. Frodeno reüssierte gar zum dritten Mal im Ziel in Kona, was vor ihm noch keiner der erfolgsverwöhnten deutschen Männer vollbracht hatte. Ein deutscher Doppelsieg war natürlich auch ein Novum; der dritte Platz von Sebastian Kienle ging da fast unter, wie auch Laura Philipps Hawaii-Debüt auf Rang vier. Frodeno schnappte sich in 7:51:13 Stunden sogar den Streckenrekord von Patrick Lange (7:52:39), dem deutschen Hawaii-Sieger 2017 und 2018, der diesmal aufgab. Aber all diese Rekorde seien eher ein nettes Beiwerk, beteuerten die Sieger am Samstag sinngemäß und unisono - und wenn man ihre Vorgeschichten studierte, wirkte das sogar glaubwürdig.

Haug, das muss man wissen, steckt bereits in ihrem zweiten Triathlonleben. Das erste auf der olympischen Kurzdistanz (1,5/40/10) führte sie zu diversen Erfolgen, aber nach den missglückten Rio-Spielen vor drei Jahren hätte sie ihren Sport fast ganz verlassen. Die Langstrecke tat sich als einziger Ausweg auf, wie sie vor einem Jahr im Gespräch erzählte: "Von unten hocharbeiten, mit frischer Birne an eine neue Sache rangehen", dieser Reiz habe ihr lange gefehlt. Sie hatte in Dan Lorang, der auch Frodeno trainiert, einen kundigen Anleiter, aber für olympische Triathleten ist der Umzug auf die Langstrecke immer erst mal eine Expedition ins Ungewisse. Bei ihrem Debüt vor einem Jahr in Frankfurt lief Haug den Marathon zu schnell an, drei Kilometer vor dem Ziel taumelte sie fast in den Kollaps. Ihr erster Hawaii-Start war eine Zugabe - und mündete in Platz drei. Kurz darauf verspürte sie stechende Schmerzen im rechten Fuß, die Diagnose erhielt sie erst vier Monate später: eine entzündete Sehnenplatte. Die diesjährige Hawaii-Expedition drohte zu zerbröseln.

Frodeno, der Olympiasieger von 2008, hat seinen Transfer auf die Langstrecke schon länger hinter sich. Er hatte seinen Körper früher fast in die Erschöpfung getrieben mit seinem Hang zur Perfektion, doch beim Ironman konnte er diesen Drang maßvoller ausleben, bei der ewigen Tüftelei am Material etwa. 2015 und 2016 zerrte Frodeno den Sieg auf Hawaii bereits an sich, 2017 hatte er am Renntag dann schwere Rückenprobleme. Vor einem Jahr kam es im Vorfeld noch schlimmer: Ermüdungsbruch in der Hüfte. Frodeno stand in Kona damals an der Strecke, er sah mit bittersüßer Miene zu, wie sein Landsmann Lange bei einem ungewöhnlich zahmen Wetter den Streckenrekord unterbot.

Es ist die Ausnahme, dass im Triathlon ein Plan aufgeht, nicht nur im Wettkampf selbst, auch im Lauf einer Karriere. Aber am Samstag auf Hawaii, da flossen all die Lektionen in Demut in zwei blitzblanke Siegerrennen. Haug, die Mitte August in Kopenhagen mal eben noch einen deutschen Rekord erschaffen hatte (8:31:32), klemmte sich schon beim Schwimmen, einst ihre Zitterdisziplin, in die Spitzengruppe; sie blieb auch auf dem Rad vorne dabei. Und die Schweizerin Daniela Ryf, zuletzt vier Mal Hawaii-Siegerin hintereinander, kam einfach nicht näher - Magenprobleme, Platz 13. Haug hatte im Marathon, ihrer stärksten Disziplin, bald nur noch die Britin Lucy Charles-Barclay vor sich. Und diesmal bewahrte sie die Ruhe, nach 25 Kilometern hatte sie Barclay, die spätere Zweite, bereits geschnappt. Haugs 8:40:10 Stunden waren letztlich die drittbeste Zeit, die eine Frau auf Kona bislang geschafft hat. "Vielleicht falle ich morgen tot ins Bett", sagte sie später am ARD-Mikrofon, "aber jetzt bin ich erst mal glücklich."

Und Frodeno, der Alleskönner, bestimmte das Rennen diesmal noch spielerischer als sonst. Er schwamm mit den Schnellsten. Setzte sich mit einer kleinen Gruppe auf dem Rad ab. Spürte, dass die starken Radfahrer im Verfolgerfeld mit dem böigen Seitenwind rangen und nicht so recht aufschlossen. Schüttelte auf den letzten 20 Rad-Kilometern auch den Amerikaner Tim O'Donnell ab, den letzten Verfolger und späteren Zweiten. Lief den Marathon in 2:41 Stunden, in seiner eigenen Welt. Lange, der stärkste Läufer im Feld, hatte da schon längst aufgegeben. Der 33-Jährige hatte am Vorabend plötzlich Fieber bekommen, war beim Schwimmen im aufgewühlten Pazifik aber völlig überraschend im Schatten der Schnellsten mitgezogen. Nach 60 Kilometern ließ ihn der Körper schließlich doch im Stich - Systemausfall. Es war das bittere Ende einer zähen Saison für den Hessen, die nächste Lektion in Sachen Demut, die jeder Triathlet auf seiner Reise erlebt.

Die beiden Sieger des Wochenendes? Die wirkten wiederum angekommen, jeder auf seine Weise und doch sehr ähnlich. Haug hatte vor einem Jahr gesagt, dass sie mittlerweile für jeden Wettkampf dankbar sei; sie muss nicht mehr gewinnen, sie kann und will, und das gilt längst auch für Frodeno: "Ich steckte in einer Phase", hatte er zuletzt der Welt gesagt, "in der ich mich sehr viel damit auseinandergesetzt habe, wie schnell es vorbei sein kann." Am Wochenende bekräftigte er auf Kona, dass er den Sport mittlerweile "aus den richtigen Gründen" betreibe: dass der Triathlon wichtig sei, aber nicht das Wichtigste, wie er dank seiner Familie und der zwei Kinder wisse. Dass die hauptberufliche Quälerei anstrengend ist - aber auch ein Privileg. Dass er viel Glück brauche, um noch mal so gesund in ein Rennen zu ziehen wie am Samstag.

Und dass er es im nächsten Jahr natürlich noch mal probieren werde.

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