EM-Aus für Hockey-Männer:Der letzte Winkel war zu spitz

EM-Aus für Hockey-Männer: Lukas Windfeder (rechts) versucht den Fehlschützen Mats Grambusch zu trösten.

Lukas Windfeder (rechts) versucht den Fehlschützen Mats Grambusch zu trösten.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Die Hockeymänner verlieren bei der Heim-EM nach einem aufregenden Penaltyschießen 4:5 gegen England. Am Sonntag haben sie noch die Chance auf Bronze - aber der Frust sitzt tief.

Von Volker Kreisl

Jean-Paul Danneberg, der Riese im Tor, vergoss Tränen im grünen Gras. Sein Oberkörper vibrierte, zwischendurch versuchte er, die Tränen zu trocknen, aber dann war der Gedanke daran, dass der gemeinsame Traum dieses Hockey-Teams geplatzt war, doch zu erdrückend. Es dauerte, bis Danneberg wieder stand.

Der Keeper hat den besten Überblick auf die Szenerie auch im Spiel, und Danneberg hatte in diesem Halbfinale der Europameisterschaft gegen England tadellos gehalten. Kein einziges Tor hatte er zugelassen, ihm geht ja der Ruf voraus, zu den besten Hockey-Keepern zu zählen, vielleicht ist er zurzeit auch der Beste. Ebenso hoch im Kurs der Experten steht Mats Grambusch, der deutsche Kapitän, der auch eine zentrale und tragische Rolle in dieser Aufführung spielte.

Denn in diesem Spiel, im Mönchengladbacher Hockeyzentrum, oder auch: im Herzen des deutschen Hockeys bleibt nun nur noch der Trostpreis. Wie die Frauen am Samstag können die Männer am Sonntag (12.30) gegen Belgien nur noch Bronze gewinnen. Damit müssen die DHB-Männer wie alle anderen, die den EM-Sieg verpasst haben, sich noch für die Olympischen Spiele in Paris im kommenden Jahr extra qualifizieren.

Die Engländer hatten einen Spezialisten für Penaltys im Tor

Aber das war an diesem extrem späten Hockey-Abend um 23 Uhr nicht das Problem von Bundestrainer Andre Henning und seinem Team. Das Problem war der Gegner England, und der hatte sich vorgenommen, den Deutschen den Spaß, den sie gegen die Niederlande und Frankreich hatten, diesmal zu verderben. Es ist ihnen gelungen: "Es ist ein bitteres Ergebnis für uns", sagte Henning hinterher.

Ein eigenartig gebremstes Spiel war es, die Engländer spielten schon zu Beginn auf Sicherheit, als liefe am Anfang schon die Schlussphase. Und auch wenn in der ersten Halbzeit vier deutsche und zwei englische Strafecken verhängt wurden, blieb es beim 0:0. Irgendwann drängte sich dann der Eindruck auf, dass hier kein Tor mehr fallen würde, die Engländer hatten bei der spektakulärsten Szene in der regulären Spielzeit es irgendwie geschafft, zu zweit allein vor dem leeren Tor nicht zu treffen. Aber sie schienen sich ohnehin aufs Penaltyschießen zu konzentrieren. Und schließlich, rund fünf Minuten vorm regulären Ende, als das linke Toreck plötzlich frei war und Hannes Müller diese Torchance vergab, zogen sich beide Teams zurück und, so wirkte es, beschlossen stillschweigend: Penaltyschießen.

Es war, als würde dieses Spiel nun erst beginnen. Alles davor blieb eine Art verlängertes Aufwärmen auf hohem Niveau, nun aber zählte es. Und dieser Shootout entwickelte sich tatsächlich zu einem hochklassigen Kräftemessen, einem eigenen Spiel im Spiel. Zudem, die Engländer zogen einen zusätzlichen Trumpf, sie hatten ja einen Spezialisten für Penalties im Tor: James Mazarelo, ein Spezialist fürs Antizipieren, fürs Ecken zumachen, Winkel verschließen und für die richtige Reaktion. Danneberg beherrscht dies genauso, dennoch stand fest: Einer der beiden Keeper würde heute verlieren.

Grambusch musste den letzten Penalty verwandeln - doch er scheiterte

Die rund 20 Minuten lieferten jene Hochspannung, die zuvor vermisst wurde. Der Ball kam den Keepern auf vielfältige Weise entgegen- und vorbeigeflogen. Meistens wurde sicher verwandelt, für die Deutschen dribbelten und verluden den Keeper Mazarelo mal über rechts, mal über links. Eingesetzt wurden Niklas Wellen, Hannes Müller, Thies Prinz und Johannes Große. Immer noch lagen beide Teams gleichauf.

Dann blieben nur noch zwei, der englische Hüne David Ames und Mats Grambusch. Dieses Finale eines erst langweiligen, dann hochklassigen Spiels hätte ja noch länger weitergehen können, aber irgendwie lag nun der finale Tusch in der Luft. Ames war kaum angelaufen, da war der Ball schon drin, er hatte ihn mit vollem Risiko über Dannebergs rechte Schulter geschossen - an den Innenpfosten, ins Tor. Blieb Grambusch, der Teamkapitän, der stets vorausgeht und die Verantwortung übernimmt, also jetzt beim wichtigen letzten Schuss. Doch - es war nicht sein Abend, Grambusch musste diesen letzten Penalty verwandeln, um wieder auf Gleichstand zu stellen, er ließ sich von Mazarelo abdrängen. Immer weiter nach links, nur ein kurzes Stück Weg vor einem kleinen Hockeytor, der nun aber unendlich lang wirkte für Grambusch, seine Mitspieler und die Zuschauer.

Dann reichte es Grambusch, doch der Winkel war zu spitz, sein Schuss ging ans Außennetz und die Deutschen spielen um Bronze.

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