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Hertha BSC:Buddeln im Jammertal

Hertha BSC v Fortuna Duesseldorf - Bundesliga

Geschickt geschlenzt: Benito Raman (rechts) erzielt sein zweites Tor in Berlin und zwingt Karim Rekik und die Hertha in die Knie.

(Foto: Boris Streubel/Bongarts/Getty Images)

Hertha spielt gegen Düsseldorf vergeblich gegen den Fluch an, eine gute Hinserie stets in der Rückrunde zu vergeigen. Pal Dardai stößt selbst die Trainer-Diskussion an.

Besser als der frustrierte Berliner Mittelfeldspieler Valentino Lazaro nach dem Schlusspfiff kann man die entscheidende Szene der Bundesliga-Begegnung zwischen Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf nicht beschreiben. "Ein stinknormaler Pass auf der Seite in die Tiefe", so erinnerte sich der 23-Jährige im Spielertunnel des Olympiastadions an den Angriff der Fortuna über Oliver Fink in der 61. Minute. "Wir begleiten nur, wir lassen den flanken, als ging's um gar nichts mehr. In der Mitte kommen wir auch zu spät, es ist keiner beim Mann. Dann kommt sogar noch der Abpraller, und wir gehen nicht hinterher."

Genau so war es, als Benito Raman den Ball erst gegen Torhüter Rune Jarstein schoß und im zweiten Versuch ins Tor. Wobei Lazaro auch sich selbst gemeint haben müsste, denn im rechten Mittelfeld der Hertha, wo der Angriff der Fortuna entstand, hat er seinen Arbeitsplatz. Da er die Szene so detailgetreu beschreiben konnte, hatte sich der Austro-Berliner offenkundig auch die nötige Zeit genommen, um das Geschehen in Ruhe zu beobachten.

Was er unter Einsatz versteht, macht Dardai am Spielfeldrand vor: Er dirigiert, hüpft, tänzelt

Das 2:1 war der Siegtreffer der Düsseldorfer, das Tor, das der inzwischen 65-jährige Fortuna-Trainer Friedhelm Funkel später zu der Feststellung veranlasste: "Jetzt kann ich sagen, dass wir auch in der nächsten Saison felsenfest in der ersten Liga spielen werden." Die Herthaner dagegen rutschen nicht nur in der Tabelle hinter den Aufsteiger Düsseldorf auf Platz elf, sondern auch immer weiter ins existenzielle Jammertal, das in der Hauptstadt traditionell besonders schnell und besonders tief ausgebuddelt wird.

Vor dem Spiel hatte Hertha-Trainer Pal Dardai eine "Reaktion" versprochen, eine "Antwort" nach drei verlorenen Spielen und zehn Gegentoren, davon allein fünf zuletzt in Leipzig. Manager Michael Preetz hatte verlangt, dass sich die Mannschaft trotz eines Tabellenplatzes jenseits von Gut und Böse für den Rest der Saison am Riemen reißen solle. Und nun stand am Ende wieder eine Niederlage. Und eine gewisse Ratlosigkeit: "Ich weiß auch nicht, woran es liegt", gab Lazaro zu.

Für Hertha BSC ist das Ergebnis auch deshalb so deprimierend, weil die Mannschaft ein weiteres Mal vergeblich gegen den Fluch anspielt, eine gute Hinrunde stets in der Rückrunde zu vergeigen. Dardais Truppe präsentierte sich zwar guten Willens, aber meist ideen- und bis auf das Ausgleichstor durch Marko Grujic nach dem ersten Rückstand auch erfolglos. Zudem forderten die Berliner ihre Gäste mit mehreren Fehlpässen geradezu auf, sich auch am Spiel zu beteiligen - und machten es ihnen dann vor dem eigenen Tor nicht besonders schwer.

Schuld an der Misere seien auch die überzogenen Erwartungen, kritisiert der Hertha-Coach

Merkwürdigerweise scheinen die Hertha-Spieler die Loyalität ihres Trainers nicht sonderlich zu strapazieren. Nach dem 0:5 in Leipzig hatte sich Dardai mit seiner Mannschaft zusammengesetzt. Danach erweckte er den Eindruck, die Schlappe sei aufgearbeitet und abgehakt. Teamgeist in Ordnung, Wiedergutmachung folgt. Was er selbst als notwendigen Einsatz versteht, machte Dardai während des Spiels erkennbar: Unermüdlich deutete und dirigierte der Trainer vom Spielfeldrand aus, rief Anweisungen auf den sogar mit einem neuen Rollrasen ausgestatteten Platz, hüpfte und tänzelte durch die Coaching Zone. Doch es half alles nichts.

Trotzdem suchte Dardai nachher die Verantwortung auch bei sich: "Ich habe die Situation vielleicht ein bisschen unterschätzt", sagte der Trainer. Er habe gedacht, "die Mannschaft geht raus, gerade die erfahrenen Spieler, und fängt an zu beißen, alles kaputtzureißen, richtig zu kämpfen und den Gegner zu erledigen". Das aber sei nicht der Fall gewesen, die letzten Niederlagen seien wohl doch noch nicht verdaut. In Dardais Worten: "Das Selbstvertrauen ist weggeflogen."

Das kann man von der Fortuna nicht behaupten. "Sensationell" sei das, was seine Mannschaft in dieser Saison leiste, freute sich Friedhelm Funkel. Beim Blick auf die Tabelle könne er gar nicht glauben, "dass wir schon elf Spiele gewonnen haben". Nach dem 2:1 hätten die Seinen "mit viel Glück, viel Geschick und viel Herz" zu Ende gespielt. Funkel attestierte seiner Mannschaft damit vieles von dem, was Dardai bei seiner Truppe vermisste. Und nicht nur der. "Wir sind alle Fußballprofis", erinnerte Valentino Lazaro im Spielertunnel. Auch wenn es für die Hertha um nichts mehr gehe, solle "die Überzeugung, zu laufen und zu beißen, gefälligst von jedem Spieler bis zur letzten Minute des letzten Spiels bereitgestellt werden".

So weit geht bei Dardai die Loyalität zu Mannschaft und Verein, dass er sogar selbst eine Trainer-Diskussion anstieß. Wenn die Spieler das Gefühl hätten, dass der Coach sie blockiere, sollten sie den Manager informieren, "und dann soll ein anderer kommen, das ist auch nicht schlimm", so Dardai am Tag nach dem Spiel. Wahrscheinlich ist das nicht. Eher schon versammeln sich Mannschaft und Führung wohl hinter Dardais Deutung, wegen überzogener Erwartungen seien unter anderem die Medien schuld an der Misere: "Die Champions League, die Europa League - das ist nicht fair", moserte Dardai: "Das ist sogenannter geplanter Mord."