bedeckt München 18°

Zum Tod von Hein Bollow:1034 Mal Erster

03.07.1955, Hamburg, Hansestadt Hamburg, GER - Lappjagd mit Hein Bollow nach dem Sieg im Albert-Schläfke-Gedächtnisrenn

Hein Bollow nach dem Sieg bei einem Rennen in Hamburg 1955.

(Foto: Galoppfoto/Imago)

Hein Bollow war der zweite Mensch überhaupt, der es schaffte, als Jockey und als Trainer über 1000 Rennen zu gewinnen. Nun ist er im Alter von 99 Jahren gestorben.

Nachruf von Christoph Koopmann

Die Pferde waren seine Leidenschaft, bis zuletzt. Auch mit 99 Jahren lief Hein Bollow noch fast jeden Tag den kurzen Weg von seiner Wohnung in einer Senioreneinrichtung hinüber zur Rennbahn Köln-Weidenpesch, auf der er sein halbes Leben verbracht hat. Er beobachtete das Training der Galopper, fachsimpelte mit den Jockeys und Trainern. Bei Wettbewerben auf der Bahn durften nur fünf Menschen im Zimmer der Rennleitung sitzen, die drei Rennleiter, der Zielrichter - und Hein Bollow. "Er ist eine Legende", sagte noch vor wenigen Tagen Philipp Hein, Geschäftsführer des Kölner Renn-Vereins. Umso schmerzlicher für Bollow, dass er zuletzt nicht mehr auf die Rennbahn konnte - wegen der Corona-Pandemie sollte er seine Wohnung nicht mehr verlassen.

Hein Bollow, der eigentlich Heinrich heißt, kam 1920 in Nienstedten bei Hamburg zur Welt. Seine Familie betrieb dort ein Fuhrgeschäft, und obwohl noch in den 1920ern Lkw die Pferde des Betriebs ablösten, war und blieb Bollow Pferdenarr. In Hoppegarten bei Berlin machte er eine Lehre bei Galopp-Idol Pan Horalek, 1936 ritt er sein erstes Rennen. Da war er 15 Jahre alt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Bollow zur Kavallerie eingezogen, verwundet, kam in Gefangenschaft.

Nach dem Krieg verschlug es ihn nach Köln und Bollow startete eine Weltkarriere. Er war der zweite Mensch überhaupt, der es schaffte, als Jockey und als Trainer über 1000 Rennen zu gewinnen. In seiner Zeit im Sattel zwischen 1936 und 1963 holte er 1034 Siege, gewann vier Mal das Deutsche Derby und 13 Mal das Championat als bester Jockey des Jahres.

Die Besuche bei Pferden und Jockeys fehlten ihm zuletzt

In der Filmothek des Bundesarchivs ist ein Zeugnis davon zu finden, welchen Status Hein Bollow zu seiner aktiven Zeit hatte. In der Ausgabe der "Neuen Deutschen Wochenschau" vom 7. Juli 1954 sieht man ihn vor 30 000 Zuschauern zu seinem zweiten Derbysieg reiten und lachend triumphieren. Erst im Beitrag danach geht es um die Fußballnationalmannschaft, die in Bern gerade das WM-Finale gewonnen hat. Als Trainer war Hein Bollow nicht minder erfolgreich, bis 1988 gewann er 1661 Rennen, einmal das Deutsche Derby und einmal das Championat.

Auch im Ruhestand blieb Bollow dem Galoppsport erhalten, nun eben als regelmäßiger Besucher auf der Kölner Rennbahn. Den 1,55 Meter kleinen Mann, Jockeymaß, kannte jeder. Dabei war es gar nicht so leicht, sich mit ihm zu unterhalten, denn Bollow hörte fast nichts mehr. Abgesehen davon war er für seine beinahe 100 Jahre auch zuletzt noch erstaunlich fit. Erst vor wenigen Tagen erzählte er der SZ vor der Tür des Seniorenheims gut gelaunt und stolz aus seiner langen Karriere - Autogrammkarte inklusive. Nur die Besuche bei Pferden und Jockeys fehlten ihm wegen der Ausgangsbeschränkungen sehr.

Der Kölner Renn-Verein wies auf Bollows Schicksal hin - und zum Trost schrieben ihm Dutzende Reitsportfans Briefe und Postkarten. Bei dem Treffen am Karfreitag zeigte Bollow den Gruß eines Gestüts, für das er vor 70 Jahren einmal geritten war. Er freute sich immens über die viele Post, sie war sein Halt in einer einsamen Zeit. Das inspirierte den Geschäftsführer des Vereins: Er startete eine Initiative zur Vermittlung von Brieffreundschaften zwischen jungen Menschen und Senioren, die gerade niemanden sehen dürfen. Mehr als 3000 solcher Tandems sind bereits entstanden.

Hein Bollow hat sich gewünscht, bald wieder zur Rennbahn gehen zu können. Diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Am Montag ist Hein Bollow an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben. Sein Ehrenplatz auf der Rennbahn mag künftig verwaist sein, doch es bleibt mehr als die Erinnerung an einen großen Jockey. Er ist der Grund dafür, dass sich viele Menschen in dieser Zeit nicht mehr so allein fühlen.

© SZ vom 22.04.2020/chge

SZ Plus
Leben mit Corona
:Post für den Jockey

Sein halbes Leben hat er auf der Rennbahn verbracht - doch jetzt, mit 99, bleibt Hein Bollow nur noch der Weg zum Briefkasten.

Von Christoph Koopmann

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite