Handball-WM in Schweden:Maschine statt Mensch

Die Franzosen und ihr Geheimnis, ein Anpfiff von Heiner Brand, Schiedsrichter aus Iran, ein argentinischer Torwart namens Schulz und ein tunesisches Plakat. Ein Zwischenfazit zur Handball-WM in Schweden. In Bildern.

Carsten Eberts

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Die Franzosen und ihr Geheimnis, ein Anpfiff von Heiner Brand, Schiedsrichter aus Iran, ein Argentinier namens Schulz und ein tunesisches Plakat. Ein Zwischenfazit zur Handball-WM. In Bildern.

Spanien hatte einmal einen gefürchteten Kreisläufer, der hieß Rolando Uríos. Der war fast zwei Meter groß, hatte in etwa die Statur eines gewaltigen Stieres - seine Spielweise passte bestens dazu. Uríos schnappte sich stets den Ball, drehte sich kurz, ließ sich dann in den Kreis fallen und warf den Ball ungelenk von sich - meistens ins Tor. Nun ist Uríos seit zwei Jahren im Ruhestand, doch Spanien hat sich Nachwuchs beschafft: Der heißt Julen Aguinagalde Akizu (im Bild), ist zwei Zentimeter größer als Uríos, etwas weniger Stier. Auch er besticht durch eine ausgeklügelte Spielweise: Ball schnappen, drehen, fallen lassen, Ball wegwerfen, Tor. Das verschaffte auch dem deutschen Team große Probleme. Aguinagalde traf fünf Mal, Deutschland verlor.

Lars Geipel und Marcus Helbig Schiedsrichter Handball

Quelle: imago sportfotodienst

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Es wäre natürlich langweilig ungerecht, würden bei der WM nur Schiedsrichter aus den besten Ligen der Welt zum Einsatz kommen. Vielleicht wären die Leistungen dann besser, aber was soll's? Da pfeifen nun Omar Al-Marzouqi und Mohammad Rashid Al-Nuaimi aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Mohsen Karbastschi und Maschid Kolahduzan aus Iran - nicht zu vergessen Yalatima Nanga Coulibaly und Mamadou Diabaté von der Elfenbeinküste. Das sind alles Länder, in denen eine höchst überschaubare Anzahl an Menschen Handall spielt mit einer überschaubaren Anzahl an Schiedsrichtern. So pfeifen sich die Herren durch die Vorrunde der WM, sorgen für Verwirrung und fahren anschließend nach Hause. Denn in der Endrunde pfeifen ohnehin nur noch erfahrene Gespanne. Meist aus Europa, wie die Deutschen Marcus Helbig (links im Bild) und Lars Geipel.

Handball-WM Deutschland - Frankreich

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Weltmeister sind sie schon, Europameister auch, dazu Olympiasieger. Die Vermutung, diese Franzosen müssten irgendwann mal satt sein, liegt deshalb nicht allzu fern. Doch sie werden nicht satt. Nikola Karabatic (im Bild), Thierry Omeyer und Didier Dinart machen einfach weiter, gewinnen in herrlicher Selbstverständlichkeit ihre Spiele, zermürben ihre Gegner. Dies wiederum legt eine andere Vermutung nahe: Die Franzosen sind gar keine Mannschaft, die aus einzelnen Individuen besteht, denen auch mal Fehler unterlaufen. Das französische Team ist eine Maschine, eine kraftvolle, ungemein gut programmierte, so auch beim souveränen 30:23 gegen Deutschland. Aussetzer gibt es nicht, wenn überhaupt ganz kleine, wie beim unnötigen 28:28 gegen Spanien. Deshalb wird der Weltmeister wohl erneut Frankreich heißen.

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Wer sich auf die Suche nach der größten Überraschung der ersten WM-Woche macht, der kommt an den Argentiniern (im Bild Gonzalo Carou) schwerlich vorbei. Mit denen verhielt es sich bislang meistens so: Sie qualifizierten sich in der schwachen Südamerika-Gruppe locker für die WM, trafen dort auf europäische Teams - und gingen unter. Doch diesmal ist alles anders. Die Argentinier haben ihre Jugendarbeit verbessert, ausländische Trainer eingestellt und zeigten bei der WM, was kleinere Handball-Nationen alles lernen können. In Göteborg besiegten die Argentinier überraschend den WM-Gastgeber Schweden (eine echte Handball-Nation). Nicht glücklich, sondern souverän 27:22. Erstmals überhaupt erreichte Argentinien damit die Hauptrunde. Unter lauter Europäern.

Matias Schulz Handball Argentinien

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Es gibt diverse Gründe, weshalb Argentinien die gastgebenden Schweden bezwingen konnte. Einer trägt den Namen Matias Schulz (im Bild). Mit etwas zu großem gelben Pulli beförderte sich der argentinische Torhüter in einen Rausch, hielt Siebenmeter, parierte unglaubliche 44 Prozent aller Würfe. Sein Name verrät schon, dass Matias Schulz deutschstämmige Vorfahren hat. Die leidige Diskussion, ob man diesen Schulz nicht auch für das deutsche Team einbürgern könnte, erübrigt sich glücklicherweise. Denn wenn die deutsche Mannschaft auf einer Position bestens besetzt ist, dann im Tor.

Handball-WM Spanien - Deutschland

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Handball-Torhüter sind verrückte Menschen. Sie stellen sich in ein viel zu kleines Tor, lassen sich die Bälle aus nächster Nähe um die Ohren pfeffern, parieren mit Händen, Füßen, gar mit dem Kopf. Die deutschen Torhüter Johannes Bitter (rechts) und Silvio Heinevetter sind beste Vertreter ihrer Zunft, was sie auch bislang bei der WM zeigten: Bitter hielt gegen Spanien in Weltklassemanier, parierte mehr als 40 Prozent der Würfe. Heinevetter hatte gegen Frankreich seinen großen Auftritt, als er die Franzosen anfangs reihenweise verzweifeln ließ. Genutzt hat es beiden wenig: Parallel zu ihren Taten gönnten sich ihre Vordermänner nämlich fragwürdige Auszeiten, warfen in beiden Spielen minutenlang keine Tore - und machten somit die Leistungen von Bitter und Heinevetter wertlos. Schon undankbar, dieses Torhüterleben.

Tunisia's fans hold banner 'Game over Ben Ali' ahead of group A match between Tunisia and Egypt at the Men's Handball World Championship in Kristianstad

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Für die tunesischen Spieler ist es kein einfaches Turnier. Sie spielen Handball, sind dafür extra nach Schweden gereist - und zu Hause in Tunesien erlebt ihre Heimat den größtmöglichen politischen Umsturz. Was sie davon halten, dass Diktator Ben Ali dieser Tage aus dem Land gejagt wurde, versuchen sie gar nicht erst zu verstecken (auch wenn politische Botschaften im Sport verboten sind). Die Fans enthüllen während des Vorrundenspiels gegen Ägypten ein Plakat mit der Aufschrift "Game over, Ben Ali". Heykel Megannem, der Mannschaftskapitän, erklärt: "Wir erleben einen historischen Moment in Tunesien. Es ist wichtig, dass unser Land sich ändert. Das Leben unserer Kinder wird ein anderes sein." Auch beim 26:36 gegen Deutschland merkte man, dass die Tunesier mit ihren Gedanken ganz woanders sind. Wenn diese WM doch endlich vorüber wäre...

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WM-Turniere finden stets zu Beginn eines Kalenderjahres statt - vielleicht ist dies für Christian Sprenger (links im Bild) einfach keine gute Jahreszeit. Die WM 2007 verpasste er wegen eines Bänderisses, bei der WM 2009 verletzte er sich gleich im Auftaktspiel. Und auch diesmal hat Sprenger es nicht weit geschafft: Gegen Spanien erlitt er eine Verletzung am Oberschenkel, konnte das Spiel nicht beenden, auch für die übrigen Partien sah es zunächst schlecht aus. Bundestrainer Heiner Brand tat also das, was er bei WM-Turnieren eigentlich immer tut, wenn Sprenger dabei ist: Er nominierte einen Spieler nach, diesmal ist es Patrick Groetzki.

Handball-WM: Deutschland - Aegypten

Quelle: dapd

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Den größten Anpfiff des noch jungen WM-Turniers holte sich definitiv Michael Kraus ab. Und zwar von Bundestrainer Heiner Brand, der sonst eher ungern persönliche Kritik vor laufenden Kameras los wird. "Wir haben in der Pause besprochen, wie wir spielen wollen, und Michael Kraus spielt das Gegenteil davon und macht direkt zwei leichte Fehler. Das hat nichts mit handballerischen Fähigkeiten zu tun, sondern mit der Fähigkeit, sich zu konzentrieren", sagte Brand nach der Niederlage gegen Spanien. Auf die Frage, ob der Mannschaft die Führungspersönlichkeiten fehlten, sagte Brand gar: "Da hat sich Michael Kraus nach der Pause ja nicht direkt hervorgetan." Gegen Frankreich tat sich Kraus zwar mit engagiertem Spiel, anfangs jedoch vor allem mit Fehlwürfen hervor. Es wird nicht mehr seine WM. Der gewaltige Anpfiff könnte seinen Teil dazu beigetragen haben.

HAND-WORLD-2011-MEN-SPA-BRN

Quelle: AFP

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Das Bild lässt erahnen, dass Sadiq Ali (rechts im Bild) aus dem Wüstenemirat Bahrain nicht unbedingt als Handballer geboren wurde. Das wäre auch verwunderlich, denn Ali kommt aus einem Land, das bis vor kurzem noch gar nicht auf dem Handball-Radar erschienen ist. Genau wie Chile erlebt Bahrain in Schweden seine WM-Premiere - mit erwartbarem Ausgang: Gegen Spanien, Deutschland, Frankreich und Tunesien hieß es bislang 22:33, 18:38, 17:41und 21:28. Gegen Ägypten im letzten Gruppenspiel gelang Bahrain jedoch die große Sensation: 27:26 gegen Ägypten. In die Hauptrunde schafften sie es trotzdem nicht.

© sueddeutsche.de/ebc
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