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Handball-WM der Frauen:Beim Barte des Trainers

Internationaler Durchbruch: Die deutsche Kreisläuferin Meike Schmelzer ist bei der WM von den Niederländerinnen nicht aufzuhalten.

(Foto: CHARLY TRIBALLEAU/AFP)

Mit dem 25:23 über die Niederlande hat die deutsche Mannschaft ihr erstes Ziel in Japan schon fast erreicht.

Viel hat nicht gefehlt, dann hätte Henk Groener am zweiten Advent zumindest barttechnisch schon ein bisschen ausgesehen wie der Weihnachtsmann. Bloß eines ihrer ersten sechs Spiele bei der Weltmeisterschaft in Japan haben die deutschen Handballerinnen verloren; diese Niederlage hat der Bundestrainer zum Anlass genommen, um sich erstmals während des Turniers zu rasieren - nach dem 25:27 gegen Frankreich im vierten Vorrundenspiel. Die Französinnen, aktuell noch Welt- sowie weiterhin Europameisterinnen, sind sensationell bereits in der ersten Gruppenphase gescheitert, weshalb diese Niederlage nun nicht mehr ins Gewicht fällt. Die deutschen Spielerinnen haben sie aber auch mental abgeschüttelt und ihr erstes Hauptrundenspiel gegen den WM- und EM-Dritten Niederlande am Sonntag 25:23 (11:12) gewonnen. Sie sind auf einem erstaunlich guten Weg bei dieser WM, bloß dem Gesicht des Trainers sieht man das kaum an. Der Bart muss ja erst wieder neu wachsen.

Die deutschen Handballerinnen sind eine unglaublich launische Truppe. Sie können einen in den Wahnsinn treiben und im nächsten Moment schon wieder hellauf begeistern. Im finalen Vorrunden-Gruppenspiel gegen Südkorea hatten sie 40 Minuten lang derart schwach gespielt, dass Groener im Grunde schon sein Rasierzeug hätte suchen können. Doch mit einem Kraftakt in den letzten fünf Minuten sicherten sie sich ein Unentschieden (27:27), was dem Barte des Trainers ebenso zuträglich war wie der Tabellenkonstellation in der Hauptrundengruppe.

Auch gegen die Niederlande, die Heimat des deutschen Bundestrainer und bis 2016 sieben Jahre lang sein erfolgreiches Betätigungsfeld, spielten die deutschen Handballerinnen Engelchen und Teufelchen. Erst starteten sie blendend 4:1 ins Spiel, bloß um dann bis zur Pause mit einer nur noch 35-prozentigen Chancenverwertung alles wieder aufs Spiel zu setzen. Groener muss schon überlegt haben, ob er nass oder trocken rasiert, als seine Spielerinnen in der zweiten Halbzeit ihre bisher besten 30 Minuten bei dieser WM hinlegten. Erstmals im sechsten Turnierspiel zeigte der Rückraum mit Emily Bölk (sechs Tore), Kim Naidzinavicius (fünf) und Alicia Stolle (vier) eine anständige Torquote, während das gesamte Team überragend verteidigte und Torhüterin Dinah Eckerle eine Leistung zeigte, die zum zweiten Mal bei dieser WM an die Qualitäten einer Superheldin erinnerte. Nach einer Paradenquote von 38 Prozent über die fünf Vorrundenspiele hinweg hielt sie gegen die Niederlande 46 Prozent aller Würfe, fast die Hälfte also, und wurde zum zweiten Mal nach der Auftaktpartie gegen Brasilien als "Spielerin des Spiels" ausgezeichnet. "Es ist ein überragendes Gefühl, wenn man während des Spiels diesen Punkt erreicht, dass man der Mannschaft so toll helfen kann", sagte die wie berauschte Torhüterin vom deutschen Meister Bietigheim.

"Die Abwehr war Wahnsinn", schwärmte Groener nach dem Triumph. Das war sicher das größte Kompliment, das er in seiner annähernd zweijährigen Amtszeit bislang an seine Spielerinnen vergeben hat. Bei seinem ersten Turnier, der EM vor einem Jahr in Frankreich, war nach durchwachsenem Verlauf am Ende nur der enttäuschende zehnte Platz herausgesprungen. Den werden sie diesmal übertrumpfen, das ist jetzt schon klar. Und das liegt hauptsächlich an Dinah Eckerle und der Abwehr, denn die Chancenausbeute übers Turnier hinweg ist bei den deutschen Spielerinnen mit 53 Prozent wirklich schwach. Groener betrachtet das aber pragmatisch. "Wenn man hinten sicher steht, gibt das Vertrauen, und dann kann man sich vorne auch mal einen Fehler leisten", sagt er mit großväterlicher Gelassenheit.

Handball Frauen WM Niederlande - Deutschland

Alles top: Bundestrainer Henk Groener schwärmt derzeit geradezu von seiner Mannschaft.

(Foto: Marco Wolf / dpa)

An diesem Montag, wenn es im Süden Japans schon Nachmittag ist, aber in Deutschland erst sieben Uhr in der Früh, bestreiten die deutschen Handballerinnen ihr vorletztes Hauptrundenspiel, gegen Serbien. Ein Sieg hätte zwei Vorteile: Erstens hätten sie damit die ersehnte Teilnahme am Olympia-Qualifikationsturnier im kommenden März sicher; zweitens wüchse dann die Hoffnung, erstmals seit 2008 wieder das Halbfinale eines großen Turniers zu erreichen. Entscheiden wird sich dies aber wohl erst im finalen Hauptrundenspiel am Mittwoch gegen Norwegen.

Die Norwegerinnen und in der Parallelgruppe die Russinnen gelten momentan als größte Favoritinnen auf den Titel. Nach dem Ausscheiden Frankreichs sind die beiden Nationen als Silbermedaillengewinner bei der EM 2017 (Norwegen) und der WM 2018 (Russland) auch nominell die Kandidaten auf die Thronfolge. Der außereuropäische Einfluss bei einer Handball-WM der Frauen ist überschaubar. Die einzigen nicht-europäischen Nationen unter den zwölf Hauptrundenteams sind Südkorea und Japan, aber beide werden es vermutlich nicht ins Halbfinale schaffen. In der 72-jährigen WM-Geschichte haben nur dreimal nicht-europäische Mannschaften Medaillen geholt: Südkorea 1995 als Weltmeister und 2003 als Bronzegewinner sowie Brasilien 2013 als Weltmeister.

Von einer Medaille sprechen die deutschen Handballerinnen noch nicht. Die Spiele sind so aufwühlend, dass sie abends völlig erschöpft einschlafen, ohne noch Visionen entwerfen zu können.