Handball:Sisyphus hat Fragen

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17.11.2021, Handball, 2. Bundesliga, TV Grosswallstadt - DJK Rimpar Woelfe, GER, Elsenfeld, Untermainhalle Bild: v. li.

Einmal Befreiungs- und einmal Rückschlag: Während der zehnfache Rimparer Torschütze Patrick Schmidt (Mitte) mit seinem Team einen wichtigen Erfolg feierte und sich von den Abstiegsplätzen absetzen konnte, stehen Savvas Savvas und Thomas Rink (v.l.) mit Großwallstadt weiter auf einem Abstiegsplatz.

(Foto: Heiko Becker/HMB-Media/Imago)

Der von Corona gebeutelte TV Großwallstadt verliert das Derby gegen Rimpar und bleibt auf einem Abstiegsplatz. Schnelle Hilfe bringen nur Erfolge, sagt Trainer Ralf Bader.

Von Sebastian Leisgang

Erstmal eine Erinnerung an ein Treffen mit Ralf Bader, fast eineinhalb Jahre ist es her. Ein Café in der Nähe des Aschaffenburger Bahnhofs, ein schöner Sommerabend, tags zuvor hatte der TV Großwallstadt das Training aufgenommen, um sich auf Gegner vorzubereiten, die von nun an wieder Bietigheim und Gummersbach statt Baunatal und Groß-Bieberau heißen sollten. Bader wusste, dass in den nächsten Monaten einiges auf seine Mannschaft zukommen würde, jetzt saß Großwallstadts Trainer unter einem Sonnenschirm und sprach über Identität. Bader sagte: "Jeder Spieler muss für sich wissen: Wer bin ich? Was kann ich? Und wo will ich hin?" Kurze Pause, dann formulierte er einen Satz, der auch heute noch, 16 Monate später, treffender denn je ist. Bader sagte: "Wenn wir es als Team hinkriegen, eine Identität auszubilden, wird es einfach, schwierige Zeiten zu überstehen."

Wie ist es also nach 16 Monaten des Identitätsausbildens, jetzt gerade, inmitten einer Zeit, die besonders schwierig ist?

Ein Anruf. "Es ist eine ständige Sisyphus-Arbeit", meint Bader, "wir haben am Anfang der Saison nicht gut gespielt, in Hagen dann aber den Turnaround geschafft. In Ferndorf war es eine Frage der Substanz, und dann kam Corona." Ende Oktober infizierten sich sechs Spieler trotz Impfung, die Mannschaft spielte nicht mehr, und als sie dann am vergangenen Wochenende wieder in die Halle zurückkehrte und es mit dem TV Emsdetten aufnahm, "da haben wir wenig auf die Reihe bekommen", sagt Bader. Auch am Mittwochabend verlor sein Team, dieses Mal im Derby gegen Rimpar, 25:29 stand es am Ende.

Zwei Spiele, zwei Niederlagen, die jetzt also auch diese Frage aufwerfen: Waren die beiden Auftritte nach den Corona-Infektionen nur Vorboten? Könnte es sein, dass sich die Folgen des Ausbruchs noch lange bemerkbar machen, Wochen, vielleicht sogar Monate? Schwer zu sagen, findet Bader. Ist ja generell noch nicht ganz abzusehen, wohin der Weg seiner Mannschaft in diesem Jahr führt. Eine These stellt Großwallstadts Trainer aber schon jetzt auf: "Es ist extrem davon abhängig, ob wir Erfolgserlebnisse haben. Wenn wir jetzt zwei, drei Spiele in Folge gewinnen, redet keiner mehr darüber, dass uns Corona ausgebremst hat." Sollten aber noch mehr Niederlagen dazukommen, werde es auch mental schwierig. "Dann sagt einer eher, dass er schon nach zehn Minuten platt ist."

Großwallstadts Trainer Bader kann sich auch vorstellen, dass die Saison abgebrochen wird

Wenn Bader, 41, Recht hat, dann geht es jetzt also auch darum für seine Spieler: nicht zu zweifeln, nicht zu hadern, sich auch nicht der Versuchung hinzugeben, alles ausschließlich mit dem Virus zu erklären. Sondern eben: sich seiner Identität bewusst zu sein und Haltung zu zeigen.

Derzeit fällt das aber besonders schwer, weil es in diesen Tagen auch und gerade in Großwallstadt nicht nur um Handball geht. Er habe schon ein mulmiges Gefühl, wenn er momentan in der Stadt unterwegs sei, sagt Bader. Spitzt sich ja grade alles zu da draußen, die Luft wird dünner und dünner, und dieses Mal geht es nicht nur um ein verlorenes Handballspiel gegen Rimpar oder den Abstiegskampf der zweiten Liga, der, wenn man ihn vor dem Hintergrund der Pandemie betrachtet, dann doch eher auf eine Nichtigkeit zusammenschrumpft.

"Ich sehe einige Probleme auf uns zukommen", auch diesen Satz sagt Bader im Gespräch und klingt dabei ziemlich ernst. Großwallstadts Trainer meint nicht nur das eine, den Handball, und auch nicht nur das andere, das Virus. Bader meint ausdrücklich beides, alles hängt ja irgendwie mit allem zusammen, und deshalb, vermutet Bader, werde das, was dem TVG passiert sei, auch anderen Mannschaften noch passieren.

Wer sich eine Weile mit Bader unterhält, der hört einen ziemlich besorgten Trainer. Es ist ein recht düsteres Bild, das Großwallstadts Coach zeichnet. Er sagt Spielabsagen vorher, er spricht über "Entscheidungen, die vielleicht nicht immer ganz vernünftig sind", und er deutet schon jetzt ein Abbruchszenario an. Bader sagt aber auch: "In der Tabelle wird sich noch sehr viel bewegen. Mit einem kleinen Lauf kann es schon in zwei, drei Wochen ganz anders aussehen."

Derzeit steht Baders Team auf einem Abstiegsplatz. Die Bilanz nach neun Spielen: zwei Siege, ein Unentschieden und sechs Niederlagen. Am Sonntag geht es gegen Dormagen, eine Mannschaft, die noch hinter dem TVG steht, ein Spiel, das eine Richtung vorgibt. Eine Niederlage, und es wird mental schwierig. Ein Sieg aber, und es wäre zumindest ein Anfang gemacht, damit keiner mehr darüber redet, dass Corona Großwallstadt ausgebremst hat.

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