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Handball:Kämpfer mit Kopf

Lübbecke Deutschland 24 08 2019 2 Handball Bundesliga 2019 2020 TuS N Lübbecke vs DJK Rimpar

Derzeit am Schreibtisch statt am Ball: Benjamin Herth.

(Foto: Noah Wedel/imago)

Rimpars Spieler Benjamin Herth ist in dreifacher Hinsicht von der Coronavirus-Krise betroffen.

Es sind acht Nullen, mit denen die Rimpar Wölfe ihre derzeitige Lage auf den Punkt bringen. "00 days" bis zum nächsten Spiel, "00 hours", "00 minutes" und "00 seconds", dazu der Hinweis: "Bis auf Weiteres ruht der Spielbetrieb." So ist es, und so ist es auf der Internetseite des Handball-Zweitligisten nachzulesen.

In Zeiten der Coronakrise hat Rimpar die Uhr angehalten, die Zeit steht still. Die Verantwortlichen werden Kurzarbeit anmelden. Für die Spieler bedeutet das: weniger Gehalt als ohnehin schon. Oder um es mit etwas Pathos auszukleiden: Für manche Spieler geht es jetzt um nicht weniger als um alles, um die wirtschaftliche Existenz. "Bei den Wölfen ist noch nie sonderlich viel Geld geflossen", sagt Rückraumspieler Benjamin Herth, "deshalb tun finanzielle Einschnitte deutlich mehr weh, als wenn wir alle Erstliga-Gehälter bekommen würden."

Herth, 34, ist einer, den die Krise besonders hart trifft. Er ist nicht nur, erstens, als Handballer betroffen, sondern auch, zweitens, als angehender Lehrer, dessen Staatsexamen auf unbestimmte Zeit ausgesetzt ist. Und, drittens, als Ehemann einer freiberuflichen Tennislehrerin, die derzeit kaum noch Einnahmen hat. Herth sagt deshalb: "Meine Familie und ich haben es momentan nicht leicht." Aber: "Man muss positiv bleiben. Ich bin in der Vergangenheit immer gestärkt zurückgekommen, wenn ich Nackenschläge verkraften musste." Nur: Ist das überhaupt auf eine Stufe zu stellen? Hilft es in Tagen wie diesen tatsächlich, nur um es mal an einem Beispiel festzumachen, vor knapp drei Jahren den Aufstieg in die Bundesliga auf denkbar dramatischste Art und Weise verpasst zu haben? Gescheitert zu sein, nur weil drei Tore gefehlt haben? "Ich glaube schon", sagt Herth, "das sind Erfahrungen, durch die man sich entwickelt." Erfahrungen, durch die er jetzt mit derart bestimmender Stimme sagt, als verfüge er das: "Es gibt in der Regel für jedes Problem eine Lösung - auch für die Corona-Krise."

Als Herth das sagt, sitzt er am Schreibtisch in seiner Würzburger Wohnung in der Nähe der Weinberge. Vor der Haustür sei kaum etwas los: "Vor der Ausgangsbeschränkung haben die Leute Spaziergänge gemacht und die Sonne genossen - das ist jetzt nicht mehr der Fall. Das Leben läuft wie in Zeitlupe ab." Für das Telefonat hat Herth seine Vorbereitungen auf das Staatsexamen unterbrochen. Lernen, Kraft- und Laufeinheiten, Zeit mit seinen beiden Töchtern verbringen: Das ist sein Alltag momentan. Herth geht es eigentlich gut damit. Eigentlich, weil da diese Vielzahl an Fragen ist, die Ungewissheit, wie es weitergeht.

Es könnte sein, dass diese Krise, und sei sie noch so herausfordernd, auch etwas Reinigendes hat. Vielleicht wird sich der Sport, in erster Linie der Fußball, seiner Auswüchse bewusst, und vielleicht kehrt der Mensch zu sich selbst zurück. Auch das dürfte ja mit diesen Tagen einhergehen: dass sich die Leute wieder Gedanken machen über sich, über ihr Tun, über das Leben. Herth sagt: "Ich denke grundsätzlich oft darüber nach, wie ich handle und welche Auswirkungen das hat. Aktuell mache ich mir noch einen Tick mehr Gedanken."

In den sozialen Medien sieht er immer wieder Beiträge, die dokumentieren, wie kreativ die Leute werden, um die Zeit totzuschlagen. Exemplarisch nennt Herth die Klopapier-Wettstreite. Er kann darüber lachen, er findet aber auch: "Social-Media-Aktivitäten sind ein schöner Zeitvertreib, haben aber keinen weiterführenden Nutzen." Er hofft deshalb: "Die Situation kann eine Initialzündung sein, dass sich die Menschen hinterfragen."

Nach dieser Saison, die vielleicht an den Schreibtischen in den Geschäftsstellenbüros und nicht auf dem Parkett zu Ende geht, nach dieser Saison also läuft Herths Vertrag aus. Er ist seit knapp vier Jahren bei den Wölfen, er hätte gerne noch ein fünftes Jahr angehängt. Warum er nicht bleiben darf, hat ihm niemand erklärt. "Eine Begründung wäre schön gewesen", sagt Herth, "dann wüsste ich wenigstens, woran ich bin." Positiv bleibt er trotzdem. Herth ist ein Kämpfer. Nicht nur in Zeiten der Corona-Krise.

© SZ vom 26.03.2020

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