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Handball:Hein Daddel tanzt wieder

THW Kiel - TSV Hannover-Burgdorf

Ausgelassener Jubel: Die Kieler Handballer zeigen sich erlöst nach der gewonnenen Bundesligapartie gegen Hannover-Burgdorf.

(Foto: Frank Molter/dpa)

Im Spitzenspiel gegen Hannover-Burgdorf zeigt Kiel, wie sehr die alte Sieger­mentalität zurückkehrt.

Mit welchem Selbstbewusstsein der Tabellenführer TSV Hannover-Burgdorf zum Spitzenspiel der Handball-Bundesliga beim THW Kiel anreiste, hat Nationalspieler Fabian Böhm vor der Partie deutlich gemacht. Man fahre nach Kiel, um dort zu gewinnen, sagte der Rückraumspieler. Die Auszeichnung "Kretzsche des Monats", benannt nach dem Sky-Experten Stefan Kretzschmar, hatte zuletzt zweimal ein Hannoveraner gewonnen: im September Spielmacher Morten Olsen, vier Wochen später sein Rückraumkollege Mait Patrail, klar vor THW-Keeper Niklas Landin. Und auch der bisher einzige Erfolg in Kiel (ein 31:29 im September 2017) lag noch nicht so lange zurück, dass man in den Vereinsannalen nachblättern musste.

Doch das alles nützte nichts, auch nicht, dass Hannover sich eine Woche auf das Spiel vorbereiten konnte, während der THW noch am Mittwoch in Porto einen 30:29-Sieg in der Champions League erkämpfte. Im Duell der bisher mit vier Minuspunkten gleichauf liegenden Teams (wobei Kiel zwei Nachholbegegnungen hat), war diesmal ein Klassenunterschied zu sehen beim 32:23 des THW, der vor der Saison von der breiten Masse der Handball-Kollegen zum Favoriten auf den Meistertitel ausgerufen wurde. Jener Klub also, der zwischen 2005 und 2015 zehnmal den deutschen Titel gewonnen hatte und seitdem den alten Erfolgen hinterherhechelte.

"Es war nicht lustig", sagte er der dänische Weltmeister Morten Olsen und zog eine frustrierende Bilanz aus Hannoveraner Sicht: "Kiels Abwehr war überragend." Vor allem Keeper Niklas Landin, der nicht weniger als 21 Paraden zeigte, gab seinem Team Stabilität. "Dass er der beste Spieler der Welt ist, hätte er ja nicht gegen uns zeigen müssen", maulte Olsen über seinen Landsmann. Während die Hannoveraner vor allem im Angriff kaum gute Chancen herausspielten und darunter litten, dass ihre wichtigsten Spieler Olsen, Patrail und Böhm ihre Form der vergangenen Monate nicht fanden, hat sich der THW "in einen Rausch gespielt", wie Trainer Filip Jicha schwärmte.

Und das, obwohl innerhalb von sechs Tagen drei schwere Spiele in Bundesliga und Europacup hinter ihnen lagen. "Es war so viel Adrenalin im Körper, dass wir die Belastungen gar nicht so gemerkt haben", sagte Harald Reinkind, der mit neun Treffern der erfolgreichste Werfer an diesem Tag war. Gefeiert wurde zunächst auch Kapitän Domagoj Duvnjak, der in der 24. Minute zum 16:8 seinen 1000. Bundesligatreffer erzielte und damit Niclas Ekberg folgte, der unlängst gegen Melsungen diese Marke erreicht hat. Das THW-Maskottchen Hein Daddel führte dafür einen Tanz auf. Doch auch, wenn Jicha sehr stolz auf seine Profis war, gab es auch Unerfreuliches aus Kieler Sicht: Duvnjak kam nach der Pause nicht wieder aufs Feld zurück, er hatte sich bei einer Rettungsaktion wohl einen Muskelfaserriss zugezogen.

Doch die alte Siegermentalität, geboren in den Jahren der Erfolgstrainer Zvonimir Serdarusic (1993 bis 2008) und Alfred Gislason (2008 bis 2019), scheint unter dem Nachfolger Jicha, 37, einem früheren THW-Kapitän, allmählich wiederbelebt zu werden. Daran scheinen auch Rückschläge wie das 25:26 bei Rhein Neckar Löwen vor einer Woche (bei dem man einen Sieben-Tore-Vorsprung verspielte) nichts zu ändern. Denn diesmal hatte Kiel trotz der Ausfälle von Steffen Weinhold, dem besten Torschützen Niclas Ekberg (der wegen einer Zerrung nur aufs Feld kam, um drei Siebenmeter zu verwandeln) und dem in Mannheim mit einer Schulterluxation nun für Monate ausfallenden Rückraumspieler Gisli Kristjansson genügend Klasse, um das drittjüngste Team der Bundesliga (Altersschnitt 25,05) zu beherrschen.

Und während Hannovers Sportlicher Leiter Sven-Sören Christophersen noch immer beeindruckt war "von der Dynamik, die sich in Kiel entwickeln kann", holte Morten Olsen die Hannoverschen Fans auf den Boden zurück. Man habe nicht das Niveau, um Meister werden zu können, teilte er mit. Dass die Kieler nun zumindest nach Minuspunkten Erster sind, wollte Jicha aber noch nicht sehr hochhängen. "Es ist erst Mitte November", sagte er. Er wage es nicht, schon jetzt von einem gefühlten ersten Platz zu sprechen. Torjäger Reinkind traute sich etwas mehr: "Es kann gut werden", sagte er bei der Frage nach dem ersten Titel nach 2015.

© SZ vom 18.11.2019
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