Handball-EM:Block und Blockade

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Nach dem Remis gegen Mazedonien zieht die deutsche Nationalmannschaft ernüchtert in die Hauptrunde der Europameisterschaft ein. Gerade in der Offensive fehlt es dem Team an Leichtigkeit und Ideen.

Von Ralf Tögel, Zagreb

Wer zwei Halbzeiten lang im Getümmel steht, wer die Bälle durch die Luft fliegen spürt, nimmt ein Spiel intensiver wahr als jeder unbeteiligte Betrachter am Rande. "Ich finde, dass wir nicht so schlecht gespielt haben", hat Steffen Weinhold deshalb nach der Partie in Zagreb erklärt. Die Kritik am Team von außen, die sei ihm völlig egal. Das darf man dem Rückraumspieler der deutschen Handball-Nationalmannschaft glauben: Weinhold, 31, ist neben Kapitän Uwe Gensheimer der routinierteste Spieler im Team, einer, der viel erlebt hat in seiner langen Karriere. Man muss den Kieler nicht an die Erwartungen im eigenen Land erinnern, an die Last, die das deutsche Team seit dem EM-Titelgewinn vor zwei Jahren mit sich herumschleppt. Weinhold weiß selbst: "Wir müssen die Effektivität im Angriff verbessern, das Tempospiel steigern und in der einen oder anderen Situation cleverer spielen."

Im Endeffekt sind es Kleinigkeiten, die auf diesem Niveau entscheiden, ein Wurf, ein Pass, ein Foul. So war es auch beim 25:25 (12:11) im letzten Gruppenspiel der Europameisterschaft gegen Mazedonien. Beispiele gibt es genug: Trifft Tobias Reichmann zum 13:10, als er allein auf Torhüter Borko Ristovski zusteuert, dann hätte der Gegner kaum zur Pause auf 11:12 aufschließen und mit einem guten Gefühl in die Kabine gehen können. Hält Silvio Heinevetter 16 Sekunden vor Schluss nicht gegen Kreisläufer Stojance Stoilov, geht das Spiel verloren. Weinhold erinnerte daran, dass Teams vom Balkan bisweilen einen besonderen Stil pflegen: "Die haben schon eine unangenehme und dreckige Spielweise"; womit er das knüppelharte Abwehrspiel und den Hang zur Schauspielerei meinte.

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Eminent wichtige Parade: Der deutsche Torwart Silvio Heinevetter behält 16 Sekunden vor Schluss die Oberhand gegen Stojanche Stoilov.

(Foto: Tilo Wiedensohler/imago/Camera 4)

Mazedonien nahm dem deutschen Team mit seiner behäbigen Spielweise und den vielen Unterbrechungen zudem die Möglichkeit, ins Konterspiel zu kommen. Einfache Tore durch die flinken Außenspieler sind ein wichtiger Baustein im System von Bundestrainer Christian Prokop. Mazedoniens Trainer Raúl González überrumpelte die DHB-Defensive mit dem siebten Feldspieler, von Beginn an nahm er den Torhüter bei Angriffen vom Feld. Eine riskante Taktik, die Prokop im Übrigen auch ausgiebig spielen ließ. Positiv machte sich indes die Anwesenheit des nachnominierten Finn Lemke bemerkbar, der Abwehrorganisator verleiht der Defensive Stabilität. "Finn hat riesige Präsenz und ein unglaublich gutes Blockspiel, mit ihm stehen wir defensiver und viel kompakter", sagte Innenblocker Hendrik Pekeler, ebenfalls einer der zentralen Abwehrstrategen.

Das große Problem in den beiden jüngsten Partien war ohnehin der Angriff. "Es fehlt die Leichtigkeit und Unbekümmertheit", konstatierte Prokop und forderte nach der Mazedonien-Partie eine "dringende Leistungssteigerung". Trotz aller Defizite sowie der Unentschieden gegen die vermeintlich schwächer einzuschätzenden Gegner Mazedonien und Slowenien versuchte Prokop zuversichtlich zu bleiben. Der lockere Auftaktsieg gegen Montenegro ist dagegen endgültig als Ausreißer nach oben entlarvt, der Kontrahent hatte einen miserablen Tag erwischt und dem Titelverteidiger so einen rauschhaften Einstieg ins Turnier ermöglicht.

"Vielleicht fehlt eine Führungsfigur", sagt Hendrik Pekeler

Mittlerweile spürt man einige Anspannung im deutschen Tross, Prokop weiß, dass ihm eine Niederlage gegen den ersten Hauptrundengegner Tschechien an diesem Freitag in Varazdin (18.15 Uhr/ARD) kaum verziehen wird. Lemke werde in den nächsten Partien eine zentrale Rolle zukommen, so Prokop, für das Positionsspiel im Angriff wird sich der Trainer mehr einfallen lassen müssen. Denn außer Weinhold blieben alle hinter ihrem Können zurück. Die vielen Wechsel scheinen das Selbstvertrauen nicht zu fördern. Julius Kühn, Steffen Fäth, Kai Häfner, Paul Drux und Philipp Weber enttäuschten gegen Mazedonien, Maximilian Janke fehlt Erfahrung auf diesem Niveau. "Die schießen in der Bundesliga alles zusammen", sagt Pekeler über seine Rückraum-Kollegen, "aber hier drückt der Schuh." Er habe eine "kleine Blockade in den Köpfen" der ansonsten sicheren Schützen bemerkt, "vielleicht fehlt eine Führungsfigur".

Der nächste Gegner dagegen eilt von Überraschung zu Überraschung: Tschechien beeindruckt mit jener Unbekümmertheit, die den Deutschen vor zwei Jahren den Titel bescherte. "Unverschämterweise", wie DHB-Vizepräsident Bob Hanning anmerkte. Ein Späßchen, auch Hanning ist bemüht, Optimismus zu verbreiten. Es gebe Luft nach oben in allen Bereichen, sagte er, aber jetzt werde die DHB-Auswahl " liefern". Keine leichte Übung, gegen eine Mannschaft der Namenlosen, die nichts zu verlieren hat. Olympiasieger Dänemark und Ungarn, das die Tschechen mit einem souveränen Sieg im letzten Gruppenspiel auf die Heimreise schickten, haben das zu spüren bekommen. Anführer ist Routinier Pavel Horak, 35, der vor einem Jahr beim Erstligisten HC Erlangen ausgemuster wurde und nun für den HC Brest in Weißrussland spielt. "Die können ganz locker aufspielen", sagt Steffen Weinhold, auch das darf man ihm glauben.

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